Warum Schweizer einen Beschwerdebrief an die Deutsche Bahn schreiben und warum Pendler sich über volle Züge ärgern.

Wenn der Konstanzer Berufspendler Ingo Eitel am Morgen kurz nach sieben in Singen in den roten Zug der DB Regio Richtung Schaffhausen umsteigt, dann weiß er, die Fahrt wird wieder zur Bewährungsprobe. Denn meist ist der Wagen voll, um nicht zu sagen übervoll: Zu viele Fahrgäste auf wenig Platz. Und wer als Letzter einsteigt, dessen Arm findet mitunter nicht einmal durch zu einer Haltestange. Nach der Erfahrung des Konstanzers haben sich die Verhältnisse deutlich verschlechtert, seit im Dezember vergangenen Jahres die deutsche DB Regio AG den Betrieb des Netzes Singen-Schaffhausen übernommen hat. Dabei ist sich Eitel sicher, dass sich das Stress verursachende Platzproblem einfach lösen ließe. Die Deutsche Bahn müsste morgens zur Berufsverkehrszeit nur einen zweiten Wagen ankoppeln: Nimm zwei!

Auch auf Schweizer Seite ist man derzeit nicht zufrieden mit dem Angebot des neuen deutschen Linienbetreibers – wenn auch aus anderen Gründen. "Zugverspätungen und -ausfälle haben sich gehäuft", stellt der Gemeinderat von Thayngen in einer Medienmitteilung fest. Dabei ist der politischen Vertretung in dem fünfeinhalb Tausend Einwohner zählenden Städtchen besonders bitter aufgestoßen, dass DB Regio am ersten März-Wochenende den gesamten Regionalverkehr ausgesetzt hat mit der Begründung, dass die Zugführer wegen einer Grippewelle ausgefallen seien.

In einem Schreiben an die Deutsche Bahn und an die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg verweisen die Thayngener auf die Leistungsvereinbarung, die der Linienbetreiber erfüllen müsse. Die Gemeinde habe viel Geld in die Bahninfrastruktur investiert und der Deutschen Bahn sogar unentgeltlich eigene Landflächen für die Gleiserweiterungen abgetreten, erinnert Gemeindepräsident Phillippe Brühlmann. Einen Zustand wie am ersten März-Wochenende werde man jedenfalls nicht mehr hinnehmen.

Klar in der Sache äußert sich auch der Landkreis Konstanz, der mit 230 000 Euro pro Jahr an der Finanzierung des Verkehrsangebots beteiligt ist. Auf Anfrage dieser Zeitung teilte das Landratsamt mit, auch im Hinblick auf den gezahlten jährlichen Zuschuss erwarte man "einen reibungslos funktionierenden Verkehr". Angesichts der aktuellen Probleme halte der Kreis Kontakt mit der Nahverkehrsgesellschaft des Landes Baden-Württemberg, die Auftraggeber der Verkehrsdienstleistung ist.

Startklar im Singener Bahnhof: Seit Dezember vergangenen Jahres ist die Deutsche Bahn alleiniger Betreiber des Zugverkehrs auf der Strecke Singen-Schaffhausen. Bild: Aaron Baur
Bild: Matthias Biehler

Startklar im Singener Bahnhof: Seit Dezember vergangenen Jahres ist die Deutsche Bahn alleiniger Betreiber des Zugverkehrs auf der Strecke Singen-Schaffhausen. Bild: Aaron Baur

Die Betriebsgesellschaft DB Regio bedauert "ausdrücklich die für die Fahrgäste entstandenen Unannehmlichkeiten". Zugleich verweist Sprecher Roland Kortz auf die Verträge mit dem Aufgabenträger, der Nahverkehrsgesellschaft des Landes: "Wir fahren das, was im Vertrag vorgesehen ist." Das Anhängen eines zweiten Wagens am Morgen in Singen sei zwar technisch möglich, aber es sei im Katalog der Vorgaben und Leistungen nicht vorgesehen. Der Pendler aus Konstanz muss also weiter mit Platznot rechnen. Und was die Beschwerden aus Thayngen angeht und die mehrtägige Einstellung des Zugverkehrs wegen zu vieler grippekranker Zugführer? "Wir haben die Krankheitsfälle einfach nicht auffangen können", so der Bahnsprecher. Das habe man offen so kommuniziert und einen Busverkehr als Ersatz organisiert.
 

Wirtschaftlichkeit zählt bei Vergabe

  • Der Auftrag: Die Deutsche Bahn (DB) Regio AG betreibt seit Dezember 2017 allein den Schienenpersonennahverkehr zwischen Singen und Schaffhausen. Als das Land Baden-Württemberg über die Vergabe des Zuschlags an die DB Regio informierte, hieß es, das deutsche Unternehmen habe das wirtschaftlichste Angebot gemacht. Im Vergleich zu dem vorab ausgelaufenen Großen Verkehrsvertrag sinke der Zuschussbedarf pro Zugkilometer um rund ein Drittel. Offenbar hatte die DB noch spitzer gerechnet als der zweite Bewerber um den Auftrag, die deutsche SBB GmbH, die auch die Seehas-Verbindung im Landkreis Konstanz betreibt. In Schweizer Medien wurde spekuliert, die Deutsche Bahn habe ein Dumping-Angebot gemacht.
  • Die Elektrotriebwagen der DB fahren an allen Tagen der Woche im Halbstundentakt. 543 000 Zugkilometer pro Jahr sind kalkuliert. Sechs Haltestellen von Singen bis Schaffhausen werden bedient, eine davon in Thayngen. Einige nachfragestarke Züge werden mit zwei Wagen gefahren. Der Verkehrsvertrag mit der DB Regio läuft über sechs Jahre. An der Finanzierung ist der Landkreis Konstanz mit 230 000 Euro pro Jahr beteiligt. Der Kanton Schaffhausen zahlt 360 000 Schweizer Franken (knapp 308 000 Euro).
  • Die Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg hat auf Anfrage dieser Zeitung die Qualitätsmängel auf der Strecke Singen-Schaffhausen kritisiert und Konsequenzen angekündigt. Viele Zugverspätungen seien indes nicht der DB Regio anzulasten, sie gingen auf andere Einflüsse zurück.