Manche machten eine Ausbildung oder arbeiteten als Selbständige. Doch dann warf sie eine chronische psychische Erkrankung aus der Bahn. In der Wohngruppe des Zentrums für Psychiatrie Reichenau (ZfP) in Allensbach wollen Betroffene wieder Fuß fassen im Alltag.

Ulrike Theis, die Leiterin der Wiedereingliederung, hofft den Bewohnern – mit Hilfe von Spenden – bieten zu können, was die moderne Welt seit Langem fordert, für das es aber keine finanziellen Mittel gibt: das drahtlose Internet auf jedem Zimmer.

Bewohner stehen mit dem Smartphone auf der Terrasse und nutzen das offene Internet des Nachbarn. Ulrike Theis berichtet wie sich ein Teil der acht Bewohner behilft, weil das Haus keinen kabellosen Anschluss in die Online-Welt hat. In Zeiten, in denen viele Angebote und Informationen nur noch online abgerufen werden können, sieht Theis die dringende Notwendigkeit, in jedem Zimmer auf den drei Etagen des betagten Hauses eine Verbindung zum Internet zu legen. Die Kosten von bis zu 5000 Euro hofft die Wohngruppe über Spenden herein zu bekommen.

Kein Internet im Wohnzimmer der Bewohner

Im Wohnzimmer steht ein Computer für alle Bewohner. Doch hier können sie nur ihre Bewerbung ausdrucken. Mit dem Internet sind sie dort nicht verbunden. Dieses gibt es für besondere Ausnahmen nur in Büros des ZfP. Im Haus in Allensbach wohnen Menschen wie der 27 Jahre alte Patrick Dobbertin, der unter Depressionen und Rückzugstendenzen leidet.

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Hier hat er gelernt, seine Probleme zu bewältigen, ohne die Hilfe einer Klinik in Anspruch zu nehmen. Für ihn sei es beispielsweise eine große Aufgabe gewesen, mit Geld verantwortungsvoll zu wirtschaften, berichtet er. Rückblickend auf die vier Jahre in der Wohngruppe sagt der Mann: „Ich bin schon richtig lange stabil“.

Seine Welt, ist die der Computer und der Systemelektronik. Auf diesem Feld möchte er auch gern einmal arbeiten. Er hofft, auf den Einstieg in die Berufswelt über die Arbeitstherapie des Zentrums für Psychiatrie Reichenau. Wegen der der Pandemie durch das Corona-Virus sei es derzeit aber besonders schwer, etwas Neues zu beginnen, berichtet der 27-Jährige. Für ihn wie andere im Haus spielt die Frage eine große Rolle, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, etwas Neues auszuprobieren.

Das Leben in Abstinenz meistern lernen

Manche Bewohner erkrankten schon in jungen Jahren, scheiterten mit den Versuchen, ein eigenständiges Leben zu führen, oder blieben gleich im Haushalt der Eltern, berichtet Ulrike Theis. Zweidrittel der Menschen im Haus seien süchtig gewesen. Der Griff zur Droge, wie Cannabis oder Alkohol, sei bei manchen der untaugliche Versuch gewesen, sich selbst zu therapieren, und mit den psychischen Problemen zurechtzukommen.

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Das Leben in Abstinenz zu meistern und sich dabei wie ein Erwachsener zu benehmen, also beispielsweise die volle Verantwortung für das zu tragen, was geschieht, gehöre unter anderem zu den Zielen der Wohngruppe. Manche verhielten sich zunächst wie pubertierende Kinder, und müssten lernen den Alltag zu gestalten, sagt Ulrike Theis.

Für einige sei es schon eine große Herausforderung, das Zimmer aufzuräumen. Die Kunst der Fachleute in der Wohngruppe bestehe darin, zu erkennen, ob nur Unlust dahinter steht, oder ein Problem, das aufs Krankheitsbild zurückzuführen ist. Es gelte zu unterscheiden: „Kann er das nicht oder will er das nicht?“

„Was ist die Ursache dafür?“

Manche hätten nie gelernt, systematisch aufzuräumen, und müssten das erst lernen, bei anderen spielten die schnelle Überflutung mit Reizen oder die mangelnde Konzentration eine große Rolle. „Wir fragen immer, was ist die Ursache dafür?“ Auch nach den Ressourcen der Person werde geforscht, und nach den Möglichkeiten, Barrieren zu beseitigen. Ein Mann beispielsweise, der schnell in Stress gerate und mit Ängsten kämpfen müsse, sollte besser an den Randzeiten in den Laden gehen, wenn dieser ziemlich leer ist, erläutert Ulrike Theis.

Eine Bewohnerin habe erfolgreich studiert, nachdem sie in der Wohngruppe gelernt habe, ihren Tag zu strukturieren und das Lernen für ihre Bedürfnisse zu gestalten. Andere konnten eine Ausbildung beginnen und in eine eigene Wohnung ziehen. Ulrike Theis fasst zusammen: Vor Corona seien es im Schnitt neun Menschen gewesen, die aus den verschiedenen Wohngruppen der Eingliederungshilfe des ZfP ins selbstständige Leben zogen, darunter auch Bewohner aus dem Haus in Allensbach.

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Trotz der guten Aufnahme der psychisch Erkrankten in Allensbach, erlebe sie immer wieder auch Vorurteile gegenüber den Bewohnern. Ein Makler beispielsweise habe einer chronisch kranken Person eine Wohnung angeboten, in der der Holzboden gesättigt gewesen sei mit Urin und entsprechend gerochen habe. Ulrike Theis berichtet, was der Makler gesagt habe, als sie dies beanstandete: „Für ihre Leute reicht das doch.“