Die Aussage steht: „Wir alten Menschen, die nicht in Heimen wohnen, sind dem Staat offenbar nicht so viel Wert“, sagt Burghard von Sondern. „Wir sollen schauen, wie wir nach Singen kommen und uns selbst einen Termin organisieren übers Internet oder telefonisch.“

Burghard von Sondern zeigt den Brief, den er an Kretschmann geschrieben hat.
Burghard von Sondern zeigt den Brief, den er an Kretschmann geschrieben hat. | Bild: Schuler, Andreas

Er verfüge zwar über Internet, „aber ich kann es nicht mehr bedienen“, schreibt Burghard von Sondern in einem offenen Brief an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, „und die Nutzung der Hotline 116117 ist vergebens, da man in der Warteschleife hängt, die nach acht Minuten ihre Musikberieselung einstellt, damit man wieder von vorne anfängt. Das ist unzumutbar.“

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Er fragt: „Wieso werden in Israel seit 19. Dezember täglich 150.000 Impfungen durchgeführt? In Deutschland waren es bis 31. Dezember insgesamt erst 78.000. Wie ist das möglich?“ Ende Januar wird der Architekt 88 Jahre alt, er pflegt seit Jahren seine Frau zuhause. „Bitte lassen Sie diesen ungleichen Zustand möglichst bald abschaffen. Wir haben höchste Angst vor einer Infektion noch kurz vor der Impfmöglichkeit. Es eilt!“, schreibt er dem Landesvater.

Dorith Wiedemann wundert sich über das in diesen schweren Zeiten unbesetzte Rathaus.
Dorith Wiedemann wundert sich über das in diesen schweren Zeiten unbesetzte Rathaus. | Bild: Schuler, Andreas

Doch es gibt nicht nur Kritik an der Landesregierung von Konstanzer Senioren. Auch die Unterstützung durch Stadt und Landkreis wird angeprangert. Dorith Wiedemann, 85 Jahre alt, lebt im Blarer-Haus, wird aber nicht betreut, da sie noch mobil ist. „Ich habe es mehrmals versucht, bei der Stadt anzurufen – dort ist niemand zu erreichen“, erzählt sie.

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„Fühle mich von der Stadt alleine gelassen“

„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Wir können doch nicht alle nach Singen fahren. Ich fühle mich von der Stadt alleine gelassen.“ Dass der OB derzeit im Urlaub und daher nicht zu erreichen sei, bezeichnet sie als „starkes Stück. Es gibt Momente, da sollte man für seine Bürger da sein und schnelle Hilfe umsetzen. Die Lage ist sehr ernst“.

Edith und Klaus Bücheler im Wohnzimmer ihrer Wohnung im Konstanzer Stadtteil Paradies. Sie sind enttäuscht, dass sie als ältere Bürger so wenig Unterstützung erhalten beim Thema Corona-Schutzimpfung.
Edith und Klaus Bücheler im Wohnzimmer ihrer Wohnung im Konstanzer Stadtteil Paradies. Sie sind enttäuscht, dass sie als ältere Bürger so wenig Unterstützung erhalten beim Thema Corona-Schutzimpfung. | Bild: Schuler, Andreas

Auch Edith und Klaus Bücheler sind nicht gut zu sprechen auf die Stadtverwaltung. „Auch wenn das ganze Elend von der Landesregierung kommt, fragen wir uns: Wo ist die schnelle, unbürokratische Hilfe für uns alte Menschen, die seit Jahrzehnten in Konstanz wohnen und auf Hilfe angewiesen sind?“

Achtmal mit dem Taxi, viermal mit dem Zug

Wieso frage die Stadt nicht bei der Bahn, ob man Ältere umsonst nach Singen fahren könne? Klaus Bücheler: „Das wäre doch mal ein Einsatz für den Bürger. Wie sollen wir denn dorthin kommen? Mit dem Auto zu fahren, das schaffen wir nicht mehr. So müssten wir acht Taxi- und vier Zufahrten bezahlen. Das ist unzumutbar.“

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Das sagt der Pressesprecher der Stadt

Rathaussprecher Walter Rügert: „Die Problematik, wenn ältere Konstanzer bei der Organisation von Impfterminen Schwierigkeiten haben, werden wir bei uns im Krisenstab aufgreifen und besprechen, gegebenenfalls auch mit dem Krisenstab des Landkreises. Selbstverständlich nehmen wir die Probleme unserer älteren Bürger ernst und suchen nach Lösungen.“

Elisabeth Wilkens hat einen offenen Brief an die Stadt verfasst (siehe unten).
Elisabeth Wilkens hat einen offenen Brief an die Stadt verfasst (siehe unten). | Bild: Schuler, Andreas

Das sagt der Vertreter des Oberbürgermeisters

Bürgermeister Andreas Osner, der den im Urlaub weilenden Verwaltungschef vertritt, schreibt: „Oberbürgermeister Burchardt hat sich bereits früh dafür eingesetzt, dass in Konstanz ein Impfzentrum eingerichtet wird. Die Entscheidungen zum Thema Impfen und die Organisation der Abläufe finden jedoch auf Landes- bzw. Bundesebene statt. Die Stadt hofft, dass in den kommenden Wochen die Impfungen zügiger vorankommen werden. Wo die Stadt helfen kann, hilft sie gerne und schnell. So hat sie auch städtisches Personal für das Impfzentrum in Singen zur Verfügung gestellt. Auf die Vergabe der Impftermine hat die Stadt jedoch keinen Einfluss.“

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Das sagt Landtagsabgeordnete Nese Erikli

Die Grüne Landtagsabgeordnete Nese Erikli schreibt auf SÜDKURIER-Anfrage: „Dass Menschen beim Landratsamt telefonisch nicht durchkommen, halte ich für problematisch. Die Reihenfolge ist in einer Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums festgelegt.

Die Personengruppe mit höchster Priorität umfasst vor allem Über-80-Jährige, Menschen in Pflegeheimen, Personal auf Intensivstationen und in Notaufnahmen. Es ist richtig und ein Gebot der Solidarität, dass vor allem dort, wo viel Publikumsverkehr herrscht und wo zuletzt am häufigsten Corona-Infektionen verzeichnet wurden, nämlich in der Altenpflege, zuerst geimpft wird, da der Impfstoff im Moment nur begrenzt zur Verfügung steht. Den Impfstoff bestellt nicht das Land, sondern die EU, beziehungsweise der Bund.

Mitte Januar startet das Kreisimpfzentrum in Singen, dann werden viele Dinge hoffentlich klarer. Sinnvoll wäre es aber aus meiner Sicht, wenn das Landratsamt, die Kommunen sowie die Anbieter von sozialen Diensten und Nachbarschaftshilfen sich Gedanken machen, wie die Infrastruktur in Verbindung mit dem Kreisimpfzentrum aussehen bzw. verbessert werden könnte für Menschen, die wenig oder keine Möglichkeit haben, sich zum einen online zu informieren und zum anderen zum Impfzentrum zu gelangen. Ich bin sicher, dass die genannten Einrichtungen sinnvolle Lösungen schaffen werden und Fahrten ermöglichen für die, die nicht mehr so mobil sind.“