Zugegeben, diese Umfrage ist nicht repräsentativ. Und doch hat sie Aussagekraft: Zehn von 20 Personen zwischen 20 und 55 Jahren, die im Herosé-Park an einem Samstag unterwegs waren, hatten keine Ahnung, wieso das Areal so heißt.

Der Herosé-Park ist heute bei gutem Wetter eine einzige Partymeile.
Der Herosé-Park ist heute bei gutem Wetter eine einzige Partymeile. | Bild: Schuler, Andreas

Unter den Personen waren neben zugezogenen Studenten und Touristen auch gebürtige Konstanzer. Dass hinter der Bezeichnung vielleicht eines der erfolgreichsten Konstanzer Unternehmen, mit Sicherheit aber der älteste Industriebetrieb der Stadt steckt, gerät offenbar in Vergessenheit.

In einem Firmenportrait aus den 90er Jahren, aus dem auch die Infos dieses Textes stammen, findet sich dieses Bild.
In einem Firmenportrait aus den 90er Jahren, aus dem auch die Infos dieses Textes stammen, findet sich dieses Bild. | Bild: Archiv Herosé

In Konstanz siedelte sich 1785 die Genfer Kolonie an – Familien und Geschäftsleute, die aufgrund religiöser Wirren ihre Heimat verlassen mussten. Im Zuge dessen wurden drei Stoffdruckfirmen gegründet, damals Indiennefabriken genannt (so wurden mit indisch-exotischen Motiven handbemalte, später industriell bedruckte Gewebe bezeichnet): Firma Macaire auf der Dominikanerinsel, die Theissiersche Fabrik im Zumsteinschen Gut sowie die Schlumbergsche Fabrik auf dem Gut Schneckenburg.

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Die Konkurrenz dieser drei Firmen untereinander war jedoch zu groß, so dass die Theissiersche Fabrik und die Schlumbergsche Fabrik 1805 sowie 1802 geschlossen werden mussten. Auch eine Nachfolgefirma ging 1812 Konkurs.

Ein Grund dafür: wirtschaftliche und politische Schwierigkeiten nach der Französischen Revolution und dem Übergang der Stadt vom habsburgischen Reich zum Großherzogtum Baden im Jahr 1806.

Diese Aufnahme aus dem 1980er Jahren von der rechtsrheinischen Seite, wo Unternehmen wie Herosé oder auch Degussa ihren Sitz hatten.
Diese Aufnahme aus dem 1980er Jahren von der rechtsrheinischen Seite, wo Unternehmen wie Herosé oder auch Degussa ihren Sitz hatten. | Bild: Archiv Finke

Die neue badische Verwaltung hatte 1809 eine eigene Seekreis-Regierung eingesetzt und die Direktoren bemühten sich, die Wirtschaft in dem neu hinzugekommenen Gebiet wieder in Schwung zu bringen. Das Privilegiengesetz trat provisorisch 1809 in Kraft, 1813 dann in seiner endgültigen Form. Der wesentliche Inhalt: Ausländischen Geschäftsleuten wurde eine 25-jährige Befreiung von allen Staatssteuern zugesagt, wenn sie sich in Konstanz niederlassen.

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Rund 1000 Ausländer ließen sich nun in Konstanz nieder – darunter auch die Brüder Gabriel und Ludwig Herosé aus Aarau, die am 4. August 1812 bei einer öffentlichen Versteigerung Grundstück und Gebäude Schneckenburg am Rhein für 15152 Gulden erwarben. Bereits in Aarau betrieben sie mit ihrem Vater eine Stoffdruckerei.

Zwischen den Kriegen: Das Luftbild von 1921 zeigt die Texilfabrik Herosé in Konstanz-Petershausen, direkt am Seerhein gelegen.
Zwischen den Kriegen: Das Luftbild von 1921 zeigt die Texilfabrik Herosé in Konstanz-Petershausen, direkt am Seerhein gelegen. | Bild: Stadtarchiv

Die Familie führte den Standort, ehe mit Victor Herosé das letzte Mitglied des Zweiges 1933 starb – Herosé wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Herosés bezeichneten sich selbst stets als Bürger von Aarau und behielten ihre Schweizer Staatsbürgerschaft – eine Tatsache, die nicht jedem Konstanzer gefallen haben soll.

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Mit einigen Hochs und Tiefs entwickelte sich die Firma Herosé stets weiter, musste jedoch 1997 die Produktion stilllegen. Jahrzehntelang kursierte unter Konstanzern der Witz, dass Frau Herosé verdauen würde, wenn bei entsprechendem Wind ein unangenehmer Geruch durch Industriegebiet und die angrenzenden Wohngebiete zog – dabei handelte es sich lediglich um die Abgase aus den Schornsteinen der Firma.

Die Bischofsvilla auf dem ehemaligen Herosé-Gelände
Die Bischofsvilla auf dem ehemaligen Herosé-Gelände | Bild: fvb

Die Stadt besitzt das Areal und kaufte zu Beginn des Jahrtausends den angrenzenden Industriepark hinzu. 2002 fand ein Ideenwettbewerb statt – geplant war eine Bebauung, die Wohnen, Freizeit und Arbeiten beinhalten sollte. Zwischen 2006 und 2013 wurden die fünf Bauabschnitte verwirklicht. Der heutige Herosé-Park war dereinst der private Park der Familie.

Der Park und die angrenzende Fahrradbrücke.
Der Park und die angrenzende Fahrradbrücke. | Bild: Schuler, Andreas

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