Die deutlichste Erkenntnis des zweiten SÜDKURIER-Podiums zur Wahl des Oberbürgermeisters: Der Ton im Wahlkampf wird rauer, die Kandidaten kommen langsam, aber sicher aus der Deckung. Egal, wer am kommenden Sonntag als Sieger oder als Verlierer aus dem Ring steigen wird – Freunde werden Uli Burchardt, Luigi Pantisano und Andreas Matt wahrscheinlich nicht mehr.

Im Gespräch (v. l.): Stefan Lutz, Luigi Pantisano, Uli Burchardt, Andreas Matt und Jörg-Peter Rau.
Im Gespräch (v. l.): Stefan Lutz, Luigi Pantisano, Uli Burchardt, Andreas Matt und Jörg-Peter Rau. | Bild: Scherrer, Aurelia

Die Moderatoren des Abends, SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz und Jörg-Peter Rau, Mitglied der Chefredaktion, kitzelten prägnante Aussagen aus den drei Kandidaten heraus. Stefan Lutz fiel gleich mit der ersten Frage des Abends mit der Tür ins Haus: Er wollte von Luigi Pantisano wissen, wem seine Sympathien gehören würden, wenn gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein Haus besetzt werden würde – den Hausbesitzern oder den Hausbesetzern?

Das Moderatoren-Duo der SÜDKURIER-Chefredaktion (v. l.): Stefan Lutz und Jörg-Peter Rau
Das Moderatoren-Duo der SÜDKURIER-Chefredaktion (v. l.): Stefan Lutz und Jörg-Peter Rau | Bild: Scherrer, Aurelia
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Luigi Pantisano wählte die salomonische Antwort: Er würde beide Seiten an einen Tisch bringen und den Dialog fördern, „denn es gibt auf beiden Seiten einen Konflikt. Die einen suchen Obdach, die anderen haben vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht mit Mietern. Ich würde also eine friedliche Lösung suchen“.

Luigi Pantisano.
Luigi Pantisano. | Bild: Scherrer, Aurelia

Uli Burchardt schmunzelte bei dieser Aussage des Konkurrenten. Ob es ihn nach seiner achtjährigen Amtszeit manchmal nicht nerve, dass jeder alles besser wisse, wollte Stefan Lutz von ihm wissen. Der amtierende Oberbürgermeister gab zu, dass er mittlerweile die Neigung habe, etwas skeptischer zu sein, „aber ich habe auch Führungserfahrung gesammelt und weiß: Wo sind die Hebel? Das ist ein wesentlicher Pluspunkt.

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Dass ich für alles den Kopf hinhalten muss, nehme ich in Kauf. Ich muss neben dem Wahlkampf auch noch arbeiten“.

Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel vermutete dieser Tage in einem SÜDKURIER-Interview, dass Andreas Matt durch seine nicht zurück gezogene Kandidatur trotz der geringen Stimmenanzahl eher Burchardt als Pantisano schaden würde. Moderator Stefan Lutz bezeichnete ihn in Anlehnung an Seibels Einschätzung einen Königsmacher.

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„Weit gefehlt“, entgegnete der sichtlich gereizte Andreas Matt. „Ich bin es meinen fast 3000 Wählern schuldig, mich wieder aufstellen zu lassen.“ Über Luigi Pantisano sagte er gleich zu Beginn: „Er ist so freundlich und nett – er könnte mein kleiner Bruder sein.“ Er riet dazu, das Wahlkampfteam der Kontrahenten unter die Lupe zu nehmen.

Andreas Matt.
Andreas Matt. | Bild: Scherrer, Aurelia

Als das Stichwort Hafner fiel, spitzten die 230 Zuschauer im Konzil und die vielen hundert, die die Diskussion im Internet live verfolgten, gespannt die Ohren. Jörg-Peter Rau fragte Luigi Pantisano, ob er wirklich das Neubauprojekt Hafner stoppen wolle? „Möchte ich Hafner stoppen? Nein“, antwortete Luigi Pantisano, stellte aber gleich seine zwei Bedingungen: „Will ich den Hafner klimaneutral bauen? Ja.“ Und: Erst wenn ein Unternehmen mit vielen neuen Arbeitsplätzen nach Konstanz komme, brauche es den zusätzlichen neuen Wohnraum überhaupt.

Reden über Klimanotstand sei ihm zu wenig, er wolle den Begriff mit Leben füllen, er wolle die Klimaziele erreichen. „Beim Bau und dem Unterhalt von Baugebieten existiert ein hoher CO2-Austoß. Wie können wir trotzdem unsere Ziele erreichen? Das geht nur, wenn wir klimaneutral bauen.“ Das Döbele habe für ihn Vorrang. In seinen Augen ist das Problem nicht der fehlende Wohnraum, sondern die zu hohen Mieten, die vor allem junge Menschen oder Alleinerziehende zwingen, die Stadt zu verlassen.

Uli Burchardt.
Uli Burchardt. | Bild: Scherrer, Aurelia

Uli Burchardt wirkte bei diesen Schilderungen seines Herausforderers etwas irritiert. Stefan Lutz fragte ihn, welchem kolossalem Irrtum er denn unterlegen sei, dass man Wohnungsnot mit Bauen begegnen sollte? Der amtierende Oberbürgermeister bezeichnete die Aussage des Kontrahenten, man brauche keinen neuen Wohnraum, als haarsträubend. „Der Alltag in Konstanz ist doch so: Wir müssen Grundstück für Grundstück zusammensuchen. 2015 kamen auch noch Flüchtlinge dazu, die wir unterbringen mussten. Wir haben das Problem 2012 erkannt und arbeiten intensiv daran.“

Die SÜDKURIER-Podiumsdiskussion zur Konstanzer OB-Wahl bestritten im Oberen Konzilsaal (v.l.) SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz, Andreas Matt, Luigi Pantisano, Uli Burchardt und Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion.
Die SÜDKURIER-Podiumsdiskussion zur Konstanzer OB-Wahl bestritten im Oberen Konzilsaal (v.l.) SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz, Andreas Matt, Luigi Pantisano, Uli Burchardt und Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion. | Bild: Scherrer, Aurelia

Luigi Pantisano wunderte sich, wieso nie mit der Bevölkerung die Frage geklärt wurde, ob die Einwohnerzahl 100.000 übersteigen soll. „Ich mache mir lieber Gedanken darüber, wie die allein erziehende Mutter jetzt die Miete bezahlen kann – und nicht 2030. Der Zuzug neuer Menschen begründet nicht einen neuen Stadtteil für 3000, 4000 Menschen.“ Wir alle hätten die Verpflichtung gegenüber den zukünftigen Generationen, mit Boden behutsam umzugehen.

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Andreas Matt sprach ganz offen von Wut, wenn er an das Bückle-Areal denke. „Wieso hat die Stadt das nicht gekauft? Das macht mich wütend. Herr Burchardt, wenn wir wissen, dass es brennt seit 2012 – warum wurde dann das Bückle nicht gekauft?“ Dort könne man heute in großen Buchstaben den Begriff Wertsteigerung lesen, „und davon könnte die Stadt profitieren“.

„Unwahrheiten und Mist verbreitet“

Uli Burchardt scharrte schon mit den Hufen. Aus ihm sprudelte es nun heraus: „Ich muss mal etwas Grundsätzliches sagen: Es wurden im Wahlkampf so viel Unwahrheiten und Mist verbreitet. Im Gemeinderat haben wir entschieden: Wir kaufen das Grundstück Bückle nicht. Am Geld sei noch kein Grundstückskauf gescheitert, und im Rückblick sei man immer schlauer. Diese Entscheidung damals aber sei die richtige gewesen. Das Areal dort werde richtig gut, sagte er.

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Luigi Pantisano, der von Uli Burchardt zwischenzeitlich als Fantast bezeichnet wurde, wehrte sich gegen diesen Beinamen. „Ich bin Stadtplaner und kann viele Beispiele nennen, wo die Bürgerschaft bei solchen Entscheidungen mitgenommen wurde.“ Außerdem beobachte er mit großer Sorge den Zuzug von Zalando. Andreas Matt ist ganz seiner Meinung: „Herr Burchardt, wir haben nichts mehr Individuelles. Sie setzen ein falsches Signal.“

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Der OB reagierte prompt: „Ich bin nicht Vermieter von Zalando, das ist die Sparkasse Bodensee. Auch Filialisten zahlen Steuern. Zalando ist ein deutsches Unternehmen, das sehr beliebt ist auch in Konstanz. Wir müssen als Oberzentrum mithalten können.“

Moderator Jörg-Peter Rau.
Moderator Jörg-Peter Rau. | Bild: Scherrer, Aurelia

Für den charmantesten Versprecher des Abends sorgte Co-Moderator Jörg-Peter Rau, indem er die drei Kandidaten als Mitbewohner anstatt als Mitbewerber bezeichnete. Eine WG mit Uli Burchardt, Luigi Pantisano und Andreas Matt wäre womöglich nicht unbedingt harmonisch. Doch sie hätte jede Menge politisches Potenzial – und auch für die nächsten acht Jahre einen Oberbürgermeister.

Die OB-Kandidaten erhielten Blumen vom SÜDKURIER, allerdings für ihre Partnerinnen. Von links: SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz, Luigi Pantisano, Uli Burchardt Andreas Matt und Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion.
Die OB-Kandidaten erhielten Blumen vom SÜDKURIER, allerdings für ihre Partnerinnen. Von links: SÜDKURIER-Chefredakteur Stefan Lutz, Luigi Pantisano, Uli Burchardt Andreas Matt und Jörg-Peter Rau, Mitglied der SÜDKURIER-Chefredaktion. | Bild: Scherrer, Aurelia

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