„Non scholae, sed vitae discimus – Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“ Generationen von Schülern haben diesen Satz oft gehört. Wie wahr er doch ist, kann der 19-jährige Konstanzer Simon Zantl, der im vergangenen Jahr sein Abitur am Heinrich-Suso-Gymnasium ablegte, bestätigen. Für das Leben hat er viel gelernt, vor allem im vergangenen halben Jahr beim Ocean College.

Im Rahmen einer Segeltour, die bis in die Karibik führte, hatten die jungen Leute nicht nur Unterricht, sondern lernten nebenbei eine Menge über Geografie und erfuhren während der Landaufenthalte viel über die Menschen, Kulturen und Lebensbedingungen. Das Ocean College bezeichnet sein Projekt als „das etwas andere Auslandsjahr: An Bord beim segelnden Klassenzimmer.“

„Eigentlich ist das Projekt primär für Schüler“, berichtet Simon Zantl. Seine kleine Schwester hatte bereits teilgenommen und so geschwärmt, dass auch er unbedingt teilnehmen wollte. Der Schulabsolvent hatte Glück: „Ich durfte als Mentor mit und hatte Betreuerfunktion.“

Spanien, Marokko, Panama, Costa Rica, Cuba und die Azoren

Dass die sechsmonatige Seereise ein Abenteuer werden würde, war Simon Zantl von Anfang an klar. Doch diese Reise wurde aufgrund der Corona-Pandemie ein Stück weit noch abenteuerlicher. In Bordeaux sind sie im vergangenen Jahr losgesegelt. Die Reise führte die 32 Jugendlichen und elf Crew-Mitglieder unter anderem nach Spanien, Marokko, Panama, Costa Rica, Cuba und die Azoren.

Simon Zantl schwärmt von „genialen Momenten“, die ausnahmslos Seereisenden vorenthalten bleiben. „Das Schiff liegt vor Anker, man steigt in ein Beiboot, schwimmt das restliche Stück an Land und kommt so zu Inseln und Landstrichen, die man sonst nicht erreichen würde“, erzählt er lebhaft.

Zeit, um mit sich ins Reine zu kommen

Ein halbes Jahr mit den selben Leuten – bekommt man da keinen Bunkerkoller? Simon Zantl schüttelt den Kopf. „Man muss sich daran gewöhnen, aber nach einer gewissen Zeit kennt man sich extrem gut, lernt, sich hinzusetzen und auf sich selbst zu konzentrieren. Auch auf einem Schiff gibt es Orte, wo die Leute nur vorbeilaufen und man seine Ruhe hat.“

Man lerne nicht nur das Interagieren mit anderen, also die sogenannte Sozialkompetenz, sondern viel über sich selbst. „Man hat sehr viel Zeit. Zeit mit sich, über sich selbst nachzudenken und mit sich ins Reine zu kommen.“

Mühsame Arbeit auf einer Kaffee-Plantage

Nachhaltiges Wirtschaften war eines der Top-Themen der Studien-Reise. „Einen Monat lang hat uns ein Professor begleitet. Wir haben uns Gedanken über die Wirtschaft gemacht und darüber debattiert, was sinnvoll und nicht sinnvoll ist und wie sich Wirtschaft entwickeln sollte“, schildert Simon Zantl, der selbst überrascht war, wie sehr ihn die Thematik interessierte.

In Costa Rica arbeiteten die Jugendlichen ein paar Tage auf einer Kaffee-Plantage, erlebten, wie mühevoll die Arbeit ist und wie wenig Geld die Arbeiter verdienen. Profiteure des Kaffeeverkaufs seien allen voran die Importeure, Exporteure und die Supermärkte, so Zantl. Im Erzeugerland selbst werde am wenigsten verdient.

Vier Tage im Sturm auf dem Atlantik

Viel Schönes hat Simon Zantl erlebt. Unvergessen ist ihm die Begegnung mit einem wilden Faultier, das sich zu den Reisenden gesellte und sich streicheln ließ, oder die Affenbande, die er im Dschungel aus der Nähe beobachten konnte. Das Spannendste sei ein viertägiger Sturm auf dem Atlantik gewesen, stellt Simon Zantl fest.

„Ich war Hand­over-Kapitän.“ Sprich: Er hatte die Verantwortung für das Schiff, allerdings mit Rückendeckung des erfahrenen Schiffsführers und dessen Crew. „Da kamen wir in eine Situation, an der wir nichts ändern, sondern nur das Beste aus ihr machen konnten.“ Er habe die Sturmtage nicht als beängstigend, sondern eher als faszinierend empfunden.

Und dann kam Corona...

„Die ersten Infos bekamen wir im Februar, als wir auf Cuba waren“, erzählt Simon Zantl. Dann wurden die ersten Fälle in Deutschland bekannt. Die Epidemie schien zunächst weit entfernt und etwas surreal. „Wir segelten über den Atlantik auf die Azoren, durften aber dort nicht mehr an Land. Die Grenzen waren zu.“ Es sei schon eine besondere Situation gewesen.

„Man konnte es sich eigentlich nicht vorstellen“, sagt er, zumal sich für die Reisenden offenkundig nichts geändert hatte; sie waren und blieben halt einfach auf dem Schiff, in gewohnter Umgebung, ohne Einschränkungen. Ein Anlanden in Frankreich war nicht mehr möglich, vielmehr segelten sie nach Cuxhaven.

„Fünfeinhalb Wochen auf dem Schiff ohne Landaufenthalt“ stellten für Simon Zantl auch kein Problem dar, vielmehr schwärmt er von dem Abschiedsabend, den die Segler letztlich an Bord feierten.

Vom Schiff in den Konstanzer Heimathafen

Im Hafen angekommen, ging dann alles sehr schnell. „Immer zwei Familien sind gekommen, um ihr Kind mitsamt Gepäck abzuholen“, berichtet Simon Zantl. „Von Behörden und Polizei hieß es: Beeilung. Es gab wohl eine Liste. Diejenigen, die die weiteste Heimfahrt hatten, durften zuerst gehen.“

In Konstanz erwarteten ihn die Corona-Vorsorgemaßnahmen. Ebenso wie auf dem Schiff pflegt er die Routine auch daheim weiter. Eine geordnete Tagesstruktur ist ihm wichtig, wobei er jetzt viel Zeit für Bewerbungen für Stipendien und Studienplatz aufwendet.

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