„Oh, jetzt sind alle tot“, sagt die Frau an der Schaltzentrale in Abteilung C – Seuchenmanagement des Konstanzer Turms zur Katz. Sie beugt sich über das Tablet, das gerade die niederschmetternde Berechnung für die Ausbreitung von Corona ausgespuckt und als riesiges Lichtbild an die Wand geworfen hat. Neuer Versuch.

Einmal selbst Kommandeur spielen: Für welche Coronaregeln würden Sie sich entscheiden? Links die Direktorin der Universität, Katharina Holzinger, mit Harald Reiterer.
Einmal selbst Kommandeur spielen: Für welche Coronaregeln würden Sie sich entscheiden? Links die Direktorin der Universität, Katharina Holzinger, mit Harald Reiterer. | Bild: Eva Marie Stegmann

„Schulen lasse ich diesmal offen und schicke alle ins Home Office“, erklärt sie und schiebt virtuelle Regler nach oben und unten. Die Frau entscheidet natürlich nicht wirklich über unsere Corona-Maßnahmen – sie ist Besucherin der neuen Ausstellung im Turm zur Katz „Staying Alive – mit Seuchen leben„ (Wessenbergstraße 43).

Das ist ein Gemeinschaftsprojekt von Studierenden der Uni Konstanz, den Hochschulen Konstanz und Trossingen sowie dem Kulturamt der Stadt. Die Ausstellung zeigt mit Fakten, Fotos und historischen Dokumenten, wie Medizin, Wirtschaft und Politik damals und heute mit Pandemien umgegangen sind, welche wissenschaftlichen Durchbrüche es gab, wie Seuchen verliefen und bekämpft wurden.

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In Abteilung C, Stockwerk 3, rechnet der Computer am Entscheidertisch noch einmal neu. Diesmal sorgt das aufpoppende Ergebnis für Freude. Viel weniger Tote. „Die Simulation basiert auf tatsächlich erhobenen Daten“, sagt Harald Reiterer, der die Direktorin der Universität, Katharina Holzinger, durch die Ausstellung führt. Er ist an der Universität Konstanz Professor im Fachbereich Informatik – unter seiner Leitung programmierten Studierende die App auf dem Tablet.

Das technische Hilfsmittel erweckt die Schau mit Animationen und in den Räumen versteckten Inhalten zum Leben: Mit ihm können Besucher in die Rolle von Medizinern schlüpfen, die die inneren Organe eines Erkrankten begutachten, Entscheider über Corona-Regeln spielen oder im Tagebuch eines Zeitzeugen der Pest schmökern.

Welche Symptome hat der Patient, wenn er an der Spanischen Grippe leidet? Die App macht den Blick ins Innere des Menschen möglich.
Welche Symptome hat der Patient, wenn er an der Spanischen Grippe leidet? Die App macht den Blick ins Innere des Menschen möglich. | Bild: Eva Marie Stegmann

Auf den vier Stockwerken stolpert man nur so über die Aha-Momente. Im Seuchen-Vergleich wird klar: Wie unsere Gesellschaft mit Corona umgeht, ist den Strategien der Menschen vor 100 oder gar 400 Jahren oft ähnlich.

Jonathan Batz, Master-Student Geschichte, sagt: „Nachdem ich an der Ausstellung mitgearbeitet habe, muss ich sagen: Im banalen Spruch ‚Geschichte wiederholt sich‘ steckt Wahrheit.“ Zum Beispiel beim Thema Einschränkungen.

Jonathan Batz und Marina Sigl.
Jonathan Batz und Marina Sigl. | Bild: Eva Marie Stegmann

Wer sich im Turm virtuell zur Spanischen Grippe navigiert, reist ins Jahr 1918 in Konstanz. September: Alle Schulen in der Konzilstadt sind dicht. Weil die Epidemie schlimm wütet, verlängert die Regierung den Schul-Lockdown bis Oktober. Doch es bringt wenig. Im November meldet die Zeitung 16 tote Konstanzer innerhalb von nur acht Tagen. „Die Epidemie ist in der Stadt Konstanz in der Ausbreitung noch nicht nennenswert zurückgegangen“, hieß es.

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Doch es gab auch gute Nachrichten: Ihrem Charakter nach sei die Krankheit weniger bösartig geworden. Von den Schließungen zunächst verschont blieben Kinos, Theater und Vergnügungslokale. Zwar wollte der Konstanzer Stadtrat sie sperren, aber das Bezirksamt lehnte ab. Es werde zwar zu Übertragungen kommen, heißt es auf dem Schriftstück. Aber Ablenkung und Vergnügen für das psychische Wohlergehen seien für die Bevölkerung wichtiger.

Noch ein Aha-Erlebnis: Schon während der Spanischen Grippe gab es Gesichtsmasken – und Mediziner, die an ihrer Wirksamkeit zweifelten. „Trag eine Maske oder geh ins Gefängnis“ war ein Slogan in einigen amerikanischen Städten. In San Francisco sank die Bereitschaft, Maske zu tragen, immer weiter. Schließlich wurde sogar eine „Anti-Mask-League“ (Anti-Masken-Liga) gegründet.

Vernissage im Konzil.
Vernissage im Konzil. | Bild: Eva Marie Stegmann

Die Ausstellung im Turm zur Katz zeigt auch, dass jede Seuche ihre Schuldigen suchte und fand. Dabei wurde gerne auf die Außenseiter, die Minderheiten zurückgegriffen. Nicht nur während der Pest. Bei der Cholera waren es die Frauen, während Aids im 20. Jahrhundert die Homosexuellen.

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Und heute? „Sind Menschen mit Migrationshintergrund Treiber der Pandemie?“ titelte die Tageszeitung „FAZ“ Ende April 2021. Eine Landrätin aus Bad Kreuznach hatte Alarm geschlagen: Weil so viele Deutschrussen mit Corona in intensivmedizinischer Behandlung seien, müssten diese die Treiber sein. Armin Laschet sagte im Juni 2020 in seiner Funktion als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Rumänen und Bulgaren hätten die Viren aus ihrer Heimat mitgebracht. Aussagen, die man nach einem Besuch im Turm zur Katz in einem anderen Licht sieht.