Auf dem Tisch steht ein Glas Nutella, davor ein großer Berg Zucker. Vor dem Apfel liegt ein Haufen aus drei Würfeln Zucker. Wie viel Zucker ist eigentlich in welchem Lebensmittel enthalten? Eine Frage, die viele Eltern und Kinder nicht richtig beantworten können. Das katholische Kinderhaus St. Nikolaus in Allensbach hat das mit den Kindergartenkindern untersucht. Aufgetürmte Haufen aus Würfelzucker zeigen jeweils die Menge an Zucker an. "Die Kinder waren total schockiert", erinnert sich Simone Fiedler, Leiterin des Kinderhauses.

Bild: Kinderhaus St. Nicolai

Ulrike Zettl ist als Referentin für gesunde Ernährung im Landkreis Konstanz tätig. Im Rahmen der Landesinitiative Beki – Bewusste Kinderernährung – unterstützt sie Kindergärten bei der Umsetzung. Werden die Anforderungen erfüllt, gibt es ein Zertifikat. "Das Thema Ernährung wird in den Kindergärten immer wichtiger", sagt Zettl. Sie arbeitet bereits seit 15 Jahren als Beki-Referentin.

Ulrike Zettl, Referentin für gesunde Ernährung im Landkreis Konstanz.
Ulrike Zettl, Referentin für gesunde Ernährung im Landkreis Konstanz. | Bild: Wetschera, Wiebke

Auch heute seien Süßigkeiten noch ein Thema, allerdings in geringerem Maße. Von Verboten hält die Referentin allerdings nichts: "Die Kinder müssen den Umgang mit Süßem lernen", sagt sie.

Einrichtungen, die eine Beki-Zertifizierung erreichen wollen, werden in vier Bereichen genauer beleuchtet.

  1. Ernährungsbildung: Erzieherinnen müssen Schulungen rund um das Thema gesunde Ernährung besuchen. Dabei bekommen sie auch Unterstützung der Referentinnen.
  2. Kooperation mit den Eltern: Für das Zertifikat ist eine Kommunikation zur Ernährung mit den Eltern wichtig. Dazu werden Elternabende veranstaltet, bei denen auch Beki-Referentinnen anwesend sein können.
  3. Verpflegung im Kindergarten: Gemeinsam mit der zugeordneten Referentin werden die Speisepläne überarbeitet. Auch das Thema Frühstück und Snack am Nachmittag werden diskutiert.
  4. Kooperation mit Außenstehenden: In diesem Bereich geht es vor allem um die Frage, ob der Kindergarten mit Bauernhöfen, Vereinen oder der Jugendzahnpflege zusammenarbeitet.

Alle Maßnahmen werden in einem Abschlussbericht zusammengefasst. Damit kann der Kindergarten sich für die Zertifizierung bewerben. Das katholische Kinderhaus St. Nicolai in Allensbach hat erst kürzlich seine Zertifizierung erhalten.

Die Begleitung der Kinder ist wichtig

Das Thema Ernährung ist in den Alltag im Kindergarten schon voll integriert. Es gibt bunte Frühstücke mit Obst und Gemüse, Informationen zur gesunden Vesperbox für die Eltern und die Teilnahme an mehreren Projekten zur Ernährung. Leiterin Simone Fiedler merkt, dass auch die Kinder sich gesund ernähren wollen: "Sie sagen untereinander schon zu sich: Das ist aber nicht gesund", sagt Fiedler.

Durch einen eigenen Garten und gemeinsame Koch- und Backaktionen im Kindergarten sollen die Kinder darüber hinaus den Umgang mit Lebensmitteln lernen. "Die Begleitung ist dabei das Wichtigste", sagt Fiedler. "Die Kinder brauchen jemanden, der Feuer und Flamme dafür ist und das Feingespür hat."

Die Kinder im Kinderhaus St. Nikolaus kochen und backen regelmäßig mit den Erzieherinnen.
Die Kinder im Kinderhaus St. Nikolaus kochen und backen regelmäßig mit den Erzieherinnen. | Bild: Kinderhaus St. Nikolaus

Eine Ausnahme gibt es an Geburtstagen. Dann dürfen Kinder auch mal einen Kuchen mitbringen. "Wir halten die Eltern dann nicht zurück", sagt Fiedler.

Das Kinderhaus Allensbach hat dafür ein anderes Konzept erarbeitet. Dort wird Geburtstag nur ein Mal im Monat gefeiert. "Dann dürfen alle Geburtstagskinder des Monats gemeinsam etwas zubereiten", sagt Silke Hauschild, Leiterin der Einrichtung.

Silke Hauschild leitet das Kinderhaus in Allensbach.
Silke Hauschild leitet das Kinderhaus in Allensbach. | Bild: Wiebke Wetschera

Das empfiehlt auch Beki-Referentin Zettl: "Kinder brauchen meist gar nichts Süßes, sondern einfach eine besondere Situation", sagt sie. Die gemeinsame Zubereitung zähle daher mehr als der zuckerhaltige Kuchen.

Kinder müssen Ernährung von klein auf lernen

Hauschild hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder im Kindergarten oft offener seien. "Viele Eltern verzweifeln Zuhause bei der Ernährung", sagt sie. Wenn alle anderen Kinder in der Einrichtung etwas essen würden, habe das meist eine positive Wirkung. Es sei wichtig, im Kindergartenalter eine Grundlage für gesunde Ernährung zu schaffen. "Wenn sie es von klein auf lernen, fällt es ihnen später leichter", sagt Hauschild. Sie sieht die Erzieherinnen aber auch die Eltern in einer Vorbildfunktion. Aber: "Eltern wissen oft nicht mehr, was gut ist", sagt Hauschild.

Ein Problem, das auch Zettl zunehmend beobachtet. Es gebe zwar gut informierte Eltern, allerdings auch einige, die sich keine Gedanken machen würden. "Eltern haben es heute unglaublich schwer", sagt Zettl. Es gebe viele Fehlinformationen und gleichzeitig einen hohen gesellschaftlichen Druck. Es sei wichtig, dass Eltern den Überblick behielten und wüssten, wo wie viel Zucker drin ist.

Lehrer kontrollieren Brotdosen

Ein strenges System führt die Grundschule Litzelstetten. Dort werden regelmäßig Vesperboxen kontrolliert. "Wir haben noch keine Rückmeldung bekommen, dass das System zu streng ist", sagt Rektorin Karin Griener. Die Klassenlehrer essen das Pausenbrot gemeinsam mit ihren Schülern der ersten und zweiten Klassen, so bekommen sie mit, was in der Box dabei ist. Bei den älteren Schülern schauen sie auf dem Schulhof danach. Verboten sind Süßigkeiten und süße Brotaufstriche ebenso wie gesüßte Getränke. "Die Eltern wissen Bescheid", sagt Griener. "Sie halten es nur manchmal nicht so gut durch." Dann geht das Kollegium bewusst auf die Eltern zu.

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Anders ist es in den weiterführenden Schulen. Die Schüler bekommen zwar Mittagessen von einem zentralen Anbieter, doch das muss nicht genutzt werden. Mit rund 200 Essen pro Tag nimmt die Gebhard-Schule am Campus 1 am meisten Essen an. Im Ellenrieder Gymnasium sind es nur rund 50 bestellte Mahlzeiten pro Tag, ebenso am Suso Gymnasium. Etwas mehr, rund 100 Essen pro Tag, sind es am Humboldt-Gymnasium. Häufig werden die Essensgelegenheiten außerhalb der Schule vorgezogen.

"Fortführen, was in den Kindergärten begonnen wird"

Die Grundschüler in Litzelstetten machen gemeinsam mit Ernährungsberatern Projekte zur gesunden Ernährung. Außerdem gibt es regelmäßig gesunde Frühstücke. Die Motivation der Kinder ließe noch zu wünschen übrig, so Griener: "Sie sehen es oft nicht ein, deshalb haben wir immer wieder Diskussionen." Ausnahmen gibt es nur an Geburtstagen sowie an Nikolaus, wenn Schokonikoläuse verteilt werden.

Wenn in der Brotbox keine Süßigkeiten sind, haben die Kinder auch keine Möglichkeit, an Süßigkeiten zu kommen: "Wir haben Glück, dass kein Kiosk in der Nähe ist", sagt Griener. Sonst würden die Kinder dort auch ohne das Wissen ihrer Eltern Süßes kaufen. Mittagessen bekommen die Schüler von einem zentralen Anbieter. "Da müssen wir das nehmen, was wir bekommen", sagt Griener. Das Angebot könne aber gesünder sein. Grundsätzlich, so Griener, wolle die Grundschule Litzelstetten "das fortführen, was in den Kindergärten begonnen wird."