Die Kinder lieben ihren Sensei offenbar. Wenn Tarek Amin spricht, herrscht Ruhe in der Trainingshalle der Champions Kampfkunst in der Macairestraße. Sensei ist japanisch und heißt „vorher geboren“ oder „vorheriges Leben“. Es bedeutet so viel wie der Lehrer, der Senior, der den Weg vorlebt und seinen Schülern vermittelt.

Tarek Amin ist der Sensei für viele Dutzend Konstanzer Kinder und Jugendliche.

Tarek Amin zeigt, wie es geht: Beim gemeinsamen Training herrschen Spaß und Konzentration.
Tarek Amin zeigt, wie es geht: Beim gemeinsamen Training herrschen Spaß und Konzentration. | Bild: Schuler, Andreas

Er selbst ist Inhaber des sechsten Dan. Träger dieser Auszeichnung, von denen es kaum eine Handvoll gibt im Land, zeichnen sich durch viel Wissen, Lebenserfahrung und eine starke innere Haltung aus.

Nicht Kämpfen lernen – sondern dem Kampf aus dem Weg gehen

Dies möchte er seinen Schülern vermitteln. "Mit Karate kannst du lernen, dass mit einem Willen alles möglich sein kann", sagt er. "Das ist eine Kernaussage."

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Er erlebt Schüler, die immer wieder gemobbt wurden und deren Eltern Hilfe suchen. "Auch auf diesem Gebiet ist Karate hilfreich", erklärt der 52-Jährige. "Wir lernen nicht zu kämpfen, sondern dem Kampf aus dem Weg zu gehen."

Entschlossen: Mädchen lernen, nein zu sagen und sich selbst zu verteidigen.
Entschlossen: Mädchen lernen, nein zu sagen und sich selbst zu verteidigen. | Bild: Schuler, Andreas

Selbstbewusstsein lernen – schon im Kindergartenalter

Selbst kleine Menschen im Kindergartenalter lernen bei ihm Koordination, Konzentration und Disziplin. Die Schüler lernen die Grundlagen in Karate und Selbstverteidigung durch Methoden der positiven Motivation.

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Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Mut und positives Denken werden ebenso im Training vermittelt. "Ich beobachte, wie sich schüchterne, zurückhaltende Kinder in selbstbewusste junge Menschen entwickeln", erzählt Tarek Amin.

Die Kleinen zeigen, wie gut sie schon sind.
Die Kleinen zeigen, wie gut sie schon sind. | Bild: Schuler, Andreas

Auch Umgang mit Mobbing kann man lernen

In der zweiten Stufe der Schule, wenn die Kinder zwischen acht und zölf Jahre alt sind, lernen sie Grundtechniken, Kata, Kumite (Kampf) und Selbstverteidigung in einem strukturierten Programm.

Disziplin, Verantwortung und Fitness werden besonders betont. Der Kurs hat die Steigerung der mentalen Stärke und des Selbstvertrauens zum Ziel. Ebenso wird den Kinder der Umgang mit Mobbing in der Schule oder auf der Straße beigebracht. Schüchterne Kinder werden motiviert und ihr Mut gestärkt.

Mein Körper gehört mir, ich will das nicht: Eine Lektion im Training.
Mein Körper gehört mir, ich will das nicht: Eine Lektion im Training. | Bild: Schuler, Andreas

"Es geht darum zu lernen, sich selbst und seine Lieben zu schützen", so der Sensei.

Von Gürtel zu Gürtel: Im Karate Ausweis wird der Fortschritt schriftlich festgehalten.
Von Gürtel zu Gürtel: Im Karate Ausweis wird der Fortschritt schriftlich festgehalten. | Bild: Schuler, Andreas

Schlechte Noten, Frust? Kinder lernen, Selbstzweifel zu überwinden

Irgendwann kommt jedes Kind in die Situation, in der Selbstzweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit aufkommen. Die schlechte Note in Mathe, die vergebene Großchance im Fußball oder Bedenken, in der Klasse beliebt zu sein.

Kinder und Jugendliche müssen lernen, mit solchen Momenten umzugehen, ohne an sich selbst zu verzweifeln. Karate ist da ein anerkannter Steigbügelhalter. Selbstvertrauen, Selbstbeherrschung, Disziplin und Respekt – vier tragende Säulen der Karateschule. Karate bedeutet übersetzt "leere Hand".

Auch Liegestütze gehören dazu und werden mit Begeisterung gemacht.
Auch Liegestütze gehören dazu und werden mit Begeisterung gemacht. | Bild: Schuler, Andreas

Von Beginn an diente Karate der Selbstverteidigung ohne Waffen

Die Ursprünge reichen bis etwa 500 Jahre nach Christus zurück. Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften, entwickelten aus gymnastischen Übungen eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung. Diese Kampfkunst galt als Weg der Selbstfindung und Selbsterfahrung.

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Als Sport ist Karate relativ jung: Erst Anfang des letzten Jahrhunderts entstand in Japan aus der traditionellen Kampfkunst ein Kampfsport mit eigenem Regelwerk. Auch heute noch spiegelt sich im Karate-Do die fernöstliche Philosophie wider. Übersetzt bedeutet "Karate-Do" so viel wie "der Weg der leeren Hand". Im wörtlichen Sinn heißt das: der Karateka (Karatekämpfer) ist waffenlos, seine Hand ist leer. Das "Kara" (leer) ist aber auch ein ethischer Anspruch. Danach soll der Karateka sein Inneres von negativen Gedanken und Gefühlen befreien, um bei allem, was ihm begegnet, angemessen handeln zu können.

Training macht den Meister.
Training macht den Meister. | Bild: Schuler, Andreas

Kinder lernen: Es geht nicht um Sieg oder Niederlage. Sondern um Weiterentwicklung.

Im Training und im Wettkampf wird dieser hohe ethische Anspruch konkret: Nicht Sieg oder Niederlage sind das eigentliche Ziel, sondern die Entwicklung und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit durch Selbstbeherrschung und äußerste Konzentration. Die Achtung des Gegners steht an oberster Stelle.

Karatekas lernen durch unendlich viele Wiederholungen jeden Schlag bis zur Perfektion. Dabei ist die Körperhaltung aufrecht, der Schlag kräftig, die Atmung fest. Gerade der Schrei fällt vielen schüchternen Menschen anfangs sehr schwer und klingt noch sehr leise. Doch mit etwas Training schreien schließlich auch die scheuesten Schüler aus vollem Halse.

Und mit jedem Schrei wächst auch das Vertrauen in sich selbst ein klein wenig. Nach wiederholtem Training richtet sich der ganze Körper auf, die Bewegungen werden kraftvoller und entschlossener, das Selbstbewusstsein wächst stetig. Und das alles passiert beim Trainieren ganz von alleine. Schüchterne und schwache Menschen, aber auch Kinder und ältere Leute profitieren davon.

Wer Geburtstag hat, wird gebührend gefeiert.
Wer Geburtstag hat, wird gebührend gefeiert. | Bild: Schuler, Andreas

Neben dem Erlernen der Karatetechniken zur Abwehr und Verteidigung, werden zum Beispiel mit Springseilen, Bällen und vielseitigen Parcours, zusätzlich Fähigkeiten geschult. Insbesondere die Wahrnehmung gefördert, das Körperbewusstsein verbessert, Koordination und Motorik geschult, die Sprungkraft gestärkt, die Schnellkraft trainiert, Balance, peripheres Sehen und Reaktionsschnelligkeit geschult und Muskelaufbau und Dehnbarkeit verbessert.

Aufräumen nach dem Training gehört dazu. Eine weitere wichtige Lektion.
Aufräumen nach dem Training gehört dazu. Eine weitere wichtige Lektion. | Bild: Schuler, Andreas