Was Samuel am meisten nervt? „Dass ich manchmal etwas langsamer im Kopf bin als andere.“ Samuel macht gerade eine Lehre zum Schreiner, im kommenden Sommer will er Geselle sein. Ist er wirklich langsamer oder hatte er schlicht einen anstrengenden Tag an der Hobelbank und deshalb wenig Lust, sich auch noch mit einem Reporter zu unterhalten?

Samuel ist anders. Aber ist er wirklich "langsamer im Kopf"?

Samuel ist 21 und heißt eigentlich anders. Weil er aus Konstanz kommt, wünscht er sich für diese Geschichte Anonymität. „Es wäre besser, weil spätere Betriebe sonst vielleicht denken, er greift im nächsten Moment sowieso zum Alkohol“, sagt seine Pflegemutter, Angelika Gattmann, „oder sie stellen ihn nicht ein, weil er krank ist.“

Angelika Gattmann ist Pflegemutter eines Mannes mit Fötalem Alkoholsyndrom Foto: Oliver Hanser
Angelika Gattmann ist Pflegemutter eines Mannes mit Fetalem Alkoholsyndrom | Bild: Oliver Hanser

Samuel ist anders als viele Gleichaltrige. Er greift nicht „sowieso zum Alkohol“, er greift überhaupt nicht zum Alkohol. Nie. Kein Bier nach dem Fußball, kein Gläschen Sekt an Silvester, keine Schnäpse an Fasnacht. Samuel ist trockener Alkoholiker – von Geburt an. So beschreibt es seine Pflegemutter. Wie diese müsse er bei jedem Schluck aufpassen, auch Kuchen und selbst Hustensaft mit Alkoholgehalt können eine Gefahr darstellen.

Einer von jährlich mindestens 4000 Neugeborenen mit FASD

Samuel leidet am Fetalen Alkoholsyndrom (FASD). Diagnostiziert werden die damit verbundenen Behinderungen bei jährlich etwa 4000 Neugeborenen in Deutschland, die Dunkelziffer soll bei bis zu 15.000 liegen. Die Ursache: Alkoholkonsum von Schwangeren.

Die lebenslangen Auswirkungen für die Kinder: Kleinwuchs, Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensstörungen, Organschäden, eine verminderte Intelligenz – um nur eine Auswahl zu nennen. Sichtbare Auffälligkeiten nach der Geburt, zum Beispiel vorstehende Nasenlöcher oder eine leicht vorgewölbte Stirn, können sich teils oder ganz nach der Kindheit verwachsen.

Wenn der Versuch, das Fahrrad zu bremsen, zur Gefahr wird

„Samuel ist kein Vollbild-Fasi“, erklärt Angelika Gattmann. „Allein, dass er eine Ausbildung macht, groß gewachsen ist und gut im Alltag zurechtkommt, ist nicht immer gegeben.“ Fasi sei der von ihr und anderen Pflegefamilien gewählte Begriff für die Erkrankung mit dem sperrigen Namen. Mit Vollbild sei gemeint, wenn sich FASD besonders stark bemerkbar mache. „Womit er sich schwer tut, ist die Deutung von Emotionen aus Gesichtern, außerdem fehlt ihm manchmal das Bewusstsein für Gefahr.“

Ein Beispiel aus der Kindheit: Samuel lieh sich ein fremdes Fahrrad aus, fuhr damit völlig unbedarft und stürzte beim Versuch zu Bremsen. „Er kam nach Hause, weinte bitterlich und hatte blutige Knie. Weil er nicht gemerkt hatte, dass das Rad eine Rücktrittbremse hatte und nicht wie seines eine am Lenker“, erinnert sich Gattmann. Fehlendes Gefahrenbewusstsein und eine Ausbildung zum Schreiner: Wie geht das zusammen? „Ich passe auf, und die Menschen um mich herum auch“, erklärt Samuel und lächelt etwas scheu.

Kein Alkohol? Kein Problem für Samuel

„Es ist nicht so schlimm, keinen Alkohol trinken zu können“, sagt der 21-Jährige, „mir schmeckt er auch nicht einmal“. Auch seine engeren Freunde haben kein Problem, wenn er abends in der Kneipe sagt: „Ein Apfelschorle, bitte.“ Seine Freundin trinke auch nichts, „aber die hat kein FASD“, sagt Samuel.

Die völlige Abscheu gegenüber Alkohol sei eine Haltung von Menschen, denen FASD Nachteile bereitet hat, erklärt Angelika Gattmann, die selbst nur äußerst selten einmal ein Glas Wein zum Genuss trinke. „Für die andere Seite ist der Alkoholkonsum die völlige Normalität, die ihnen zuhause vorgelebt wurde.“ Sie erzählt von einem alkoholkranken Vater. Auf den Hinweis, sein Verhalten schade doch dem Kind, sei ihr entgegnet worden: „Nennen Sie mir ein Gesetz, das mir das Alkoholtrinken vor meinen Kindern verbietet.“

Das eine Glas kann bereits das eine zuviel sein

Was ein Großteil der Bevölkerung bis heute nicht weiß: Behinderungen von Kindern entstehen nicht nur, wenn eine schwangere Frau an Alkoholsucht leidet. Es ist das eine Glas, das womöglich zu viel ist – und zwar egal zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft. „Acht von zehn Schwangere trinken Alkohol“, zitiert Gattmann eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums.

Ihre eigenen Erfahrungen hätten gezeigt: Das ist keine Frage der Bildung. Einige glauben, ein bisschen sei schon nicht so schlimm; für andere gehöre der Alkohol zum Alltag dazu; wieder andere wissen vielleicht einfach nicht, dass sie schwanger seien.

Auf seine leibliche Mutter ist Samuel nicht sauer: "Sie hat das ja nicht absichtlich getan"

Samuels leibliche Mutter trank mehr als nur dieses eine Glas, deutlich mehr. Sie war Alkoholikerin. Der Schreinerlehrling sagt aber: „Ich bin nicht sauer auf sie, und hassen würde ich sie erst recht nicht, sie hat mich ja nicht bewusst krank gemacht“.

Sie wusste es nicht besser, starb bereits in ihren 30ern unter anderem an den Folgen der Sucht, wie Angelika Gattmann berichtet. Schon deshalb habe Samuel und seine Pflegefamilie ihren Frieden mit der Frau geschlossen.

Er hatte das Zeug zur Hochbegabung

Es bleibt dabei: Wenn er erzählt, ist er ruhig, gefasst und wirkt nachdenklich aber nicht „langsamer im Kopf“. Ein wenig jünger würde man ihn vielleicht schätzen als 21. Doch das liegt eher am zarten Bartwuchs und der schlanken Figur – auch dies mögliche FASD-Folgen. Seine Pflegemutter, die für all ihre Pflege- und Adoptivkinder „die Angie“ ist, bekam vor einigen Jahren bestätigt: Hätte Samuels Mutter nicht während der Schwangerschaft getrunken, wäre er vermutlich hochbegabt. So war nach der Mittleren Reife Schluss.

Dass er etwas auf dem Kasten hat, zeigt ein etwa 1,20 Meter großer Schrank. Gefertigt hat Samuel ihn aus Elsbeere. Nicht ohne Grund: Der Baum kommt nicht sehr häufig vor in der deutschen Wäldern, gilt als einer der seltensten heimischen. Aber er ist vielseitig verwendbar und sehr robust. Außerdem ist das Wachstum von Samuels Lieblingsbaum etwas langsamer als das anderer Bäume – bemerken kann man das beim Vorbeigehen nicht.

Pflege- oder Adoptivkinder sind überdurchschnittlich oft im Vergleich zur Gesamtbevölkerung an FASD erkrankt, weil sie häufig aus Suchtfamilien stammen. Der Verein Pfad für Kinder bietet deshalb unter anderem zu diesem Thema Unterstützung und Information an. Angelika Gattmann ist Geschäftsführerin im Haus trampel_Pfad auf dem Hohentwiel in Singen. Dort wird zum Beispiel jeden Dienstag zwischen 9 und 12 Uhr eine offene Sprechstunde angeboten. Weitere Informationen unter www.pfad-kn.de.