Nein, Ingo Drews schämt sich nicht.

„Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht. Und ganz ehrlich: Das kann jeden treffen.“

Persönliche, dramatische Schicksalschläge haben aus dem Mann mit sicherem Job und Einkommen einen Obdachlosen gemacht, der vom Geld anderer lebte. Die Frau vor seinen Augen an akutem Herzversagen gestorben, die Tochter schwer erkrankt und ihm vom Amt entzogen, er selbst dem Alkohol erlegen, ehe eine schwere Leberzirrhose um ein Haar sein Leben beendete.

Ingo Drews war ganz unten - und weiß, wie es sich anfühlt, vom Wohlwollen Fremder abhängig zu sein.

„Das ist ein täglicher Überlebenskampf. Das musst du erst einmal lernen. Viele tun sich schwer damit. Doch wenn du einmal auf Platte warst, willst du nicht mehr zurück.“

Auf Platte.

So nennen die betroffenen Menschen ihr Dasein als Obdachlose und Bettler. "Man gewöhnt sich an eine Art der Freiheit", sagt Ingo Drews. "Man will in Ruhe gelassen werden. Daher gehen die meisten nicht gerne in Einrichtungen und Wohnheime, da dort Regeln herrschen." Regeln heißt: Kein Alkohol, keine Drogen, Ruhezeiten.

Ingo Drews kennt auch die Machtspiele, die sich in der Konstanzer Innenstadt Tag für Tag abspielen.

„Die besten Plätze in der Fußgängerzone sind heiß begehrt. Man setzt sich nicht auf den Platz eines anderen. Die Platzhirsche entscheiden, wer wo sein darf. Daran halten sich eigentlich alle.“

Es herrsche unter den Bettlern im Großen und Ganzen aber eine stille Solidarität. Trotzdem passiert es, dass manche verscheucht werden – auch unter Androhung von Gewalt. "Wenn du neu bist in der Stadt, solltest du dich genau informieren, wer hier das Sagen hat", so Ingo Drews.

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Jeder Bettler habe so seine Tricks, um die Passanten zur Geldspende zu bewegen. "Hunde beispielsweise ziehen immer", berichtet er schmunzelnd. "Wenn ein Hund neben dir liegt und treu und süß schaut, dann sitzt das Geld der Menschen locker."

Immer wieder beobachtet er, dass Bettler geradezu überhäuft werden mit Kaffee oder Brötchen.

„Das ist immer gut gemeint, bringt aber nicht viel. Nach zwei Koffeingetränken bekommen auch wir Herzrasen!“

Vielmehr sei es ratsam, die am Boden sitzenden Menschen direkt zu fragen, was sie benötigen. "Dann stellt man auch sehr schnell fest, dass wir sehr nett sind."

Der nun nahende Winter sei so eine Zeit, in der er bemerkt, dass trotz des zunehmenden Neides in der Gesellschaft viel Herz und Wärme existiert. "Wir bekommen Unterstützung in Form von Pullovern oder Jacken. Das ist toll." Manchmal sogar zwei oder drei Jacken an einem Tag, "dann wissen wir manchmal nicht, wohin damit", sagt er lächelnd.

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Die Tatsache, dass die Stadt Konstanz mit Hinweisschildern so genanntes aggressives Betteln unterbinden möchte, ist für den 59-Jährigen nachvollziehbar.

„Seit die Rumänen da sind, ist es schwer für alle anderen. Sie sitzen im Rollstuhl, hinken und gehen direkt auf die Passanten zu. Das ist aggressives Betteln. Das ist verboten und das ist auch nicht gut.“

Er hat sogar Mitleid mit den Banden aus Osteuropa, "denn am Ende sind das auch nur Menschen, die nicht viel haben. Die müssen das erbettelte Geld dann auch noch abgeben an die Bosse". Im Sommer hatte er öfter Kontakt mit ihnen, als sie ihn von einem begehrten Schlafplatz bei Klein Venedig verscheuchen wollten. "Da hättest du mal sehen sollen, wie schnell die auf einmal laufen konnten", sagt Ingo Drews und lacht.

„Es ist ein täglicher Kampf auf Platte. Und wenn man ganz ehrlich ist, die Angst ist dein ständiger Begleiter.“

Seit 2009 hat er keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. In Mannheim hat der seit seiner schweren Krankheit arbeitsunfähige Mann ein Zimmer, damit er seiner Tochter und seinen Enkeln nahe sein kann. Regelmäßig kommt er für mehrere Wochen nach Konstanz und lebt mit seinen Freunden auf der Straße.

"Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme", erzählt er. "Nachts gehe ich Flaschen sammeln, die Tage verbringe ich mit den anderen in der Stadt oder im Stadtgarten."

Wenn die Sonne aufgeht, sitzt er im Stadtgarten und genießt den anbrechenden Tag.

„Ich war ja fast schon tot und habe mich selbst wieder nach oben gekämpft. Das Leben ist so schön und ich bin froh, noch hier zu sein.“