"Mama, warum gibst du dem Mann kein Geld?" fragt das Kind meiner Freundin, als wir Richtung Marktstätte an einem Bettler vorbeilaufen. Meine Freundin schaut mich kurz an, zählt innerlich die Passanten in Hörweite und fängt an, Dinge zu sagen wie: "Wir haben doch beim Einkaufen schon was an das Tierheim gespendet", "Ich kann nicht allen, die keine Wohnung haben, Geld geben" und "Vielleicht kauft er sich von dem Geld Bier und Zigaretten und das ist ja auch schlecht."

Je mehr sie sagt, desto ratloser schaut ihre fünfjährige Tochter. Meine Freundin schaut nochmal zu mir, ich zucke mit den Schultern.

Was soll ich denn machen? Den Sozialstaat erklären? Die Aussagen der Polizei referieren, dass es Anhaltspunkte, aber keine Beweise auf rumänische Bettelbanden in Konstanz gibt? Dass es irgendwie von der Laune abhängt, ob man gerade was gibt oder nicht?

Für das Kind meiner Freundin ist der kausale Zusammenhang einfach: Der Mann hat kein Geld, wir schon. Also geben wir ihm was. So oder so ähnlich war das ja auch bei Sankt Martin. Oder König Drosselbart.

Matthias Schäfer, Stadtrat (Junges Forum Konstanz) und Vater von zwei Söhnen

Matthias Schäfer
Matthias Schäfer | Bild: www.annaglad.com
„Ich antworte, dass diese Menschen nicht genügend Essen und Trinken haben und keine schlechten Menschen sind, nur, weil sie auf der Straße sitzen. Mit dem abstrakten Begriff Geld können Kinder ja wenig anfangen. Bei stillen Bettlern ist die Frage einfach zu beantworten. Bei aufdringlichen Bettlern finde ich es schwieriger. Wenn uns jemand hinterher geht und um Geld bittet, wenn jemand aggressiv wird, dann sage ich den Kindern auch, dass das nicht in Ordnung ist. Dass da eine Grenze überschritten wird. Genau so wird aus meiner Sicht eine Grenze überschritten, wenn mit Kindern gebettelt wird. Insofern befürworte ich das Vorgehen der Stadt, gegen das aggressive, bandenmäßig organisierte Betteln vorzugehen. Über die Kampagne lässt sich aber streiten. Ich empfinde sie als zu präsent und in der Gestaltung zu aggressiv.“

Dass es allerdings nicht immer ein märchenhaftes Ende im Leben gibt, darüber kann man mit Kindern durchaus sprechen. Darüber, dass es Situationen gibt, die dazu führen, dass man auf der Straße sitzt: Arbeitslosigkeit, Unfälle, Krankheiten, Drogen.

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Der Pädagoge und Psychologe Damian Miller rät allerdings, das nicht anhand eines Bettlers zu tun, den man nicht kennt. Und schon gar nicht den Spruch hinterher zu schieben: "Wenn du nicht fleißiger für die Schule arbeitest, dann endest du so!"

Moral und Mitgefühl entwickeln sich schon im ersten Lebensjahr von Kindern, sagt Miller, der an der Pädagogischen Hochschule in Kreuzlingen und Konstanz lehrt. Lachen, Glucksen, Weinen – von Gefühlen anderer lassen sich Kleinkinder anstecken. Im vierten Lebensjahr entwickeln sie eine Vorstellung von Besitz – wissen also was "deins" und "meins" ist.

Und somit auch, dass man teilen kann.

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„Ich habe versucht, meiner Tochter zu erklären, dass manche Bettler gar nicht so arm sind. Dass es auch Betrüger gibt, die nur so tun, als wären sie arm. Natürlich kam dann die Frage, woran man das merkt. So wirklich wusste ich darauf aber auch keine Antwort.“
Annette Scheuer aus Konstanz, Mutter von zwei Kindern

Einfache Kinderfragen zwingen uns so oft, über unsere eigene Sicht nachzudenken. Damian Miller hat dazu eine persönliche Meinung. "Ich wurde in meinem Leben viel mehr von sogenannten rechtschaffenen Menschen oder feinen Damen und Herren betrogen, belogen und hintergangen, da spielen ein bis zwei Euro, die ich möglicherweise in einen betrügerischen Hut geworfen habe, überhaupt keine Rolle."

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Also sollte man den Kindern nicht erklären, dass es auch Betrüger gibt?

"An bettelnden Menschen ein Exempel statuieren zu wollen, weil es Betrüger unter ihnen gebe, ist nicht fair und unmenschlich", sagt Miller. Wem man etwas spenden will, müsse man selbst entscheiden.

"Vermutlich tut man gut daran, das Herz entscheiden lassen."