Der Gang vom Bahnhof zu meinem ersten Platz in der Kanzleistraße. Ich trage Schmuddelhose, altes T-Shirt, heruntergekommene Schuhe, dreckige Mütze tief im Gesicht und eine in die Jahre gekommene Billigsonnenbrille auf der Nase. Meine größte Sorge ist, dass ich erkannt werde.

Einen Tag werde ich als Bettler an verschiedenen Standorten der Konstanzer Fußgängerzone verbringen. Wie ist es, am Boden zu sitzen und auf Unterstützung von Mitmenschen zu hoffen? Wie fühlt es sich an, wenn man um Hilfe betteln muss? Wie nehme ich die Stadt und ihre Bewohner aus der unteren Perspektive wahr? Der Respekt vor den Menschen auf der Straße verbietet die Annahme, dass ich mich in sechs Stunden komplett in ihren Zustand versetzen könnte. Doch ich möchte zumindest eine kleine Ahnung davon haben, wie sich das Leben auf Augenhöhe mit Schuhsohlen und Kniekehlen anfühlt.

Kanzleistraße

Ich sitze kaum eine Viertelstunde in der Kanzleistraße gegenüber einer Boutique, da kommt ein junger Mann im Rollstuhl auf mich zu. Er bleibt rund ein Meter vor mir stehen und gibt mir wortlos zu verstehen, dass ich hier an dieser Stelle nicht erwünscht bin. In der kleinen Schüssel vor mir liegen zwei Euro in kleinen Geldstücken. Noch hat mir niemand etwas hineingeworfen, das ist mein Startkapital, mit dem ich die Passanten zur Spende auffordern möchte. Daneben ein selbst gebasteltes Schild mit der Aufschrift "Danke".

Der ebenfalls recht ungepflegt wirkende junge Mann im Rollstuhl schaut in die Schüssel, dann wieder zur mir. Mit seinem Kopf zeigt er immer wieder ziemlich grimmig Richtung Obermarkt. Ich bin hier nicht geduldet. Der Grund: die minütlich zunehmende Zahl von Menschen, die durch die Kanzleistraße gehen. Touristen, Geschäftsleute, Anwohner. Dieser Teil der Altstadt ist stark frequentiert. Je mehr Menschen, desto mehr Geld. Die Rechnung ist so einfach wie logisch. Und ich wildere in fremdem Revier.

Ich bleibe noch ein paar Minuten sitzen. Kurz nachdem sich mein Kontostand auf 3,20 Euro erhöht hat, erscheint eine andere, dieses Mal humpelnde Person und gestikuliert mir die nächste unmissverständliche Aufforderung zu, von hier zu verschwinden. Er sagt einige Worte, die ich nicht verstehe – doch die Botschaft ist klar. Ich packe meine Tüte, die Schüssel und das Schild zusammen und ziehe davon. Kaum bin ich weg, übernimmt der junge Mann im Rollstuhl meinen Standort.

Schon nach einer Stunde meines Selbstexperimentes wird deutlich: Der Markt ist umkämpft, die besten Standorte sind vergeben. Wer sich nicht an die ungeschriebenen Regeln hält, wer neu in Konstanz unterwegs ist, der wird mehr oder weniger dezent darauf hingewiesen. Was wäre passiert, wenn ich die Kanzleistraße nicht verlassen hätte? Keine Ahnung. Die Antwort will ich womöglich auch gar nicht wissen.

Augustinerplatz

Nächste Station Augustinerplatz. Für mich zunächst die Bestätigung, dass ich nicht so einfach zu erkennen bin. Ein Freund steht plötzlich direkt neben mir und erklärt ein paar Touristen den Weg zum Münster. Ich erwecke nicht wirklich seine Aufmerksamkeit. Später am Tag spreche ich ihn darauf an – zumal er noch drei weitere Male direkt an mir vorbeigegangen ist. "Ich hatte keinerlei Ahnung, wer da saß", versichert er, immerhin bemerkte er, dass da jemand am Boden kauerte. Andere Menschen scheinen mich gar nicht wahrzunehmen. Wer mich von Weitem sieht, schaut schnell in eine andere Richtung und geht dann an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Am Augustinerplatz
Am Augustinerplatz | Bild: Pfanner, Sandra

Dieses Verhalten kenne ich. In aller Regel mache ich es genauso. Doch aus meiner jetzigen Perspektive fühlt sich das anders an. Verletzend. Und auch respektlos.

Am Abend rede ich mit einer Nachbarin, der ich auf meinem Weg zur dritten Station an der Dreifaltigkeitskirche begegne. Auch sie erkannte mich nicht, erinnert sich aber an einen komischen, ungepflegten Typen, der eine große Einkaufstasche vor sich trug. "Ich arbeite seit 20 Jahren am Augustinerplatz", erzählt sie mir. "Seither steigt die Anzahl der Bettler immer mehr. Und da wir wissen, dass viele Bettler organisierten Banden angehören, geben wir kein Geld mehr."

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Eine Schweizerin kommt an der Dreifaltigkeitskirche direkt auf mich zu, durchsucht ihre Geldbörse und gibt mir 70 Cent. "Leider habe ich nicht mehr in Euro", sagt sie. "Aber vielleicht hilft Ihnen das trotzdem. Alles Gute für Sie." Sie vermittelt mir mit ihren Worten ein schönes Gefühl. "Jede Hilfe zählt. Vielen Dank", erwidere ich ihr. Sie winkt mir zu und geht.

Bild: Sandra Pfanner
Bild: Sandra Pfanner | Bild: Anna Gladkova

Rosgartenstraße

Zur Mittagszeit sitze ich in der Rosgartenstraße, jede Menge Passanten sind hier unterwegs. Es dauert nur ein paar Minuten, ehe ein anderer Bettler, der bemitleidenswert humpelt und zittert und sich offenbar nur mithilfe eines Stocks aufrecht halten kann, neben mir stehenbleibt. "Nichts. Weg!", sagt er und schaut mich böse an. "Nichts. Weg!"

In der Rosgartenstraße
In der Rosgartenstraße | Bild: Pfanner, Sandra

Während ich nicht darauf eingehe, bettelt er weiter. Seine Methode ist deutlich aufdringlicher als meine: Er geht direkt auf die Menschen zu und lässt vor deren Körpern das Geld in seinem Papierbecher klimpern. Aggressives Betteln nennt die Stadt das – und das ist laut Hinweisschildern verboten. Damit ist er sehr erfolgreich. Während meine rund 90 Minuten hier mit kaum zwei Euro recht wenig Ertrag brachten, werfen zahlreiche die Menschen alle paar Minuten Kleingeld in seinen Becher.

Irgendwann kommt eine junge Frau zu mir. "Möchten Sie Fischbrötchen?", fragt sie mich und hält mir eine Tüte hin. "Wenn nicht, kaufe ich Ihnen gerne ein anderes Brötchen." Ich bedanke mich herzlich und beobachte, wie sie einem weiteren am Boden sitzenden Menschen rund 50 Meter neben mir ebenfalls eine Tüte schenkt. Dieses Verhalten schenkt mit erneut ein gutes, warmes Gefühl. Das Fischbrötchen hat übrigens ausgezeichnet geschmeckt.

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Doch kaum habe ich es gegessen, wird mein gutes Gefühl jäh beendet. Der Mann 50 Meter neben mir steht auf, packt seine wenigen Sachen zusammen und kommt herüber. "Asozial. Mein Platz", flüstert er mir zu und: "Hau ab." Wieder habe ich bei der Wahl meines Platzes gegen ungeschriebene Gesetze verstoßen. Ich verschwinde sofort.

Münster

Letzter Halt Münster. Große Gruppen von Touristen aus halb Europa gehen ins Gotteshaus oder kommen heraus. Geld wirft mir niemand in die Schüssel. Auch Blickkontakte werden tunlichst vermieden.

7,62 Euro habe ich in sechs Stunden von barmherzigen Menschen erhalten. Und sie gleich weitergegeben: in den Hut der Bettler im Stadtgarten.