Manche Gemeinde blickt wohl ein klein wenig neidisch auf Dingelsdorf, denn dort ist Engagierten das gelungen, woran andere scheiterten: Sie haben Unsichtbares sichtbar und erlebbar gemacht. Im Sommer 2010 wurden weit mehr als hundert prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen zum Unesco-Welterbe erklärt – auch in Dingelsdorf.

Die Crux: Die Relikte befinden sich unter Wasser. In Dingelsdorf ist der Coup jedoch geglückt. Bereits im Jahr 2009, also ein Jahr vor der Erhebung zum Welterbe, wurde dort ein Förderverein gegründet und im Jahr 2011 eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung mit Originalfunden eröffnet.

Jetzt, zehn Jahre später, ist die Fördervereinsvorsitzende Elisabeth von Gleichenstein stolz und glücklich, denn: „Es ist kein verstaubtes Museum. Es gibt viel zum Anfassen und zum Erleben.“

Ein Sammler mit Leidenschaft

Der Erfolg hat viele Mütter und Väter, mit Sammler Herbert Gieß aber einen absoluten Kenner der Materie, der seine Begeisterung für die Steinzeit zu vermitteln versteht. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Landesdenkmalamts hatte er sich längst in Fachkreisen einen guten Ruf gemacht.

Herbert Gieß ist Sammler prähistorischer Funde, die er nicht nur dem Dingelsdorfer Pfahlbaumuseum zur Verfügung stellt.
Herbert Gieß ist Sammler prähistorischer Funde, die er nicht nur dem Dingelsdorfer Pfahlbaumuseum zur Verfügung stellt. | Bild: Scherrer, Aurelia

An seiner Sammlung, die von überregionaler Bedeutung ist, wollte Gieß auch die Öffentlichkeit teilhaben lassen und trat an Ortsvorsteher Heinrich Fuchs heran. Dieser hat sofort einen geeigneten Raum gesucht und alles darangesetzt, engagierte Mitstreiter für einen entsprechenden Förderverein zu finden.

Mit Elisabeth von Gleichenstein, der ehemaligen Leiterin des Konstanzer Rosgartenmuseums, konnten die Initianten die Idealbesetzung für den Posten der Vorsitzenden gewinnen. Dieser sollte mit vielerlei Aktivitäten das Museum mit Leben füllen.

Eine Ausstellung im Taschenformat

In Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt wurden Schautafeln für das kleine Museum im Dingelsdorfer Rathaus erstellt und im Jahr 2011 die Eröffnung gefeiert.

Als „kleine Ausstellung im Taschenformat“ beschrieb Helmut Schlichtherle vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg seinerzeit während des Eröffnungsfestes das neue Pfahlbau-Museum. Bei dessen Konzeption hatte er gemeinsam mit seinem Team tatkräftig mitgewirkt.

Experimentierfreude bleibt erhalten

Auf kleinstem Raum wurde eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung über das Leben, Arbeiten und die Techniken der Menschen der Alt- und Mittelsteinzeit realisiert. Der Hauptteil ist der Pfahlbauzeit am Überlinger See gewidmet. Herbert Gieß und der Förderverein füllen seither das Museum mit Leben, bieten Workshops, Aktionen für Kinder und Vorträge.

Das Erfolgsgeheimnis liegt insbesondere in der Experimentierfreude der Fans um Herbert Gieß begründet, der sich der experimentellen Archäologie verschrieben hat. Gieß hat sich nämlich die kindliche Neugier und den Wissendurst bewahrt und versucht immer wieder aufs Neue, das Wie und Warum zu erforschen.

Die Experimentierfreude der Dingelsdorfer Pfahlbau-Erleber kennt keine Grenzen. Herbert Gieß zeigt hier, wie man Feuer macht.
Die Experimentierfreude der Dingelsdorfer Pfahlbau-Erleber kennt keine Grenzen. Herbert Gieß zeigt hier, wie man Feuer macht. | Bild: Scherrer, Aurelia

Gemeinsam mit sehr aktiven Ehrenamtlichen, die sich selbst Pfahlbau-Erleber titulieren, startet er unablässig neue Experimente und Selbstversuchsreihen. Damit will er herauszufinden, wie die Techniken funktioniert haben und wozu diverse steinzeitliche Utensilien nützlich waren.

Zum einen wollen die Pfahlbau-Erleber selbst mit allen Sinnen hautnah erleben, wie es den Steinzeitmenschen ergangen ist, zum anderen sind sie der Ansicht, dass sie nur dann ihr Wissen entsprechend vermitteln können.

Mit Steinzeitliebe anstecken

Katrin Zorn gehört eben zu jener experimentierfreudigen Gruppe: „Wir wollen andere Menschen mit unserer Steinzeitliebe anstecken“, sagt sie. Mit Liebe meint sie vor allem die Bewunderung für die Menschen jener Zeit, denn: „Sie hatten ein hartes Leben. Man muss Respekt haben, wie sie mit den wenigen Dingen, die sie hatten, überleben konnten – jeden Tag auf Neue.“

Stundenlang mussten die Frauen in der Steinzeit mit Steinen Getreide mahlen, gibt Elisabeth von Gleichenstein ein Beispiel und fügt an: „Es gibt Funde von deformierten Frauen-Knien, wohl vom stundenlangen Getreidemahlen seit Kindheit an.“

Immer wieder Neues

Doch nicht nur mit Workshops und vielseitigen Aktionen bleibt das kleine Museum lebhaft und lebendig. „Die Sammlung von Herbert Gieß ist unheimlich vielseitig. Er hat viele einmalige Objekte“, so Elisabeth von Gleichenstein.

Immer wieder Neues zu zeigen, falle da nicht schwer. Einmal im Jahr erarbeiten die ehrenamtlichen Museumsmacher aufwendig eine thematische Sonderausstellung, „um immer wieder neue Akzente zu setzen“, sagt die Vorsitzende. Sie betont: „Das sind Ausstellungen, die wissenschaftlich Hand und Fuß haben.“

Feier zum zehnten Geburtstag

Zum zehnjährigen Bestehen der Pfahlbau-Ausstellung haben die Fördervereinsmitglieder eine Festschrift, ein 150-seitiges, reich bebildertes Buch, herausgegeben. Hierin geben sie nicht nur einen Einblick in das Werden und Geschehen des Museums; vielmehr beinhaltet das Buch Beiträge von Archäologen über Funde in der Region und viele weitere Themen, bis hin zur Bierherstellung in der Vorzeit.

Dass die Pfahlbau-Erleber den Museums-Geburtstag nicht allein in schriftlicher Form feiern, ist selbsterklärend: Sie haben ein buntes Rahmenprogramm für das kommende Festwochenende erarbeitet, damit Kinder und Erwachsene Steinzeit hautnah erleben können.

Die Freunde und Förderer der Pfahlbau-Ausstellung feiern das zehnjährige Bestehen des kleinen Museums im Dingelsdorfer Rathaus mit einem Festwochenende.