Es hat Jahre gedauert. Einen Anlauf nach dem anderen benötigt. Und doch ist es immer wieder gescheitert. Man könnte meinen, dass das in der Natur der Sache liegt, wenn man einen neuen Trick auf dem Skateboard erlernen will. Doch hier geht es um viel mehr als das: Nämlich nicht um Tricks, sondern um die Gründung des ersten Konstanzer Skatevereins, der endlich auf den Beinen steht.

Das lange Warten hat sich gelohnt

Gemeinsam mit fünf anderen Kumpels, die sich allesamt an den Konstanzer Skateparks kennengelernt haben, haben Jacob Mauersberger und Tim Schäfer genau dieses Projekt in Angriff genommen. Mauersberger ist Sozialarbeiter in Konstanz, Schäfer ist Lehrer in Hegne. Noch kurz vor der Pandemie gründeten sie Knallbrett e.V., vor knapp zwei Jahren. Allerdings geht es erst jetzt richtig los, denn wegen Corona war das Vereinsleben zum Stillstand verdammt.

Beiden geht es bei dem Verein um weit mehr, als nur miteinander Freizeit zu verbringen. Sie wollen einen Raum schaffen, in dem sich unterschiedliche Leute aus verschiedenen Kulturen begegnen können: Egal ob reich oder arm, ob Ur-Konstanzer oder Geflüchtete, ob jung oder alt – der Sport soll sie zusammenbringen. Ganz gezielt wollen die beiden Männer die Integration von Benachteiligten mit Workshops fördern.

Direkt unter der neuen Rheinbrücke, wo tagsüber die Schulbusse ankommen, trainieren abends die Skater. Die Schanzen und Hindernisse haben sie selbst gebaut.
Direkt unter der neuen Rheinbrücke, wo tagsüber die Schulbusse ankommen, trainieren abends die Skater. Die Schanzen und Hindernisse haben sie selbst gebaut. | Bild: Hanser, Oliver

Als der SÜDKURIER sie bei einem Training unter der neuen Rheinbrücke besucht, spürt man wieso. Immer wieder scheppert und knallt es, in Windeseile brettern die zehn anwesenden Skater die Straße herunter und springen über ihre selbst angebrachten Schanzen. Ab und zu stürzen sie auf den Boden, alles andere als sanft versteht sich, stehen aber wieder auf und strahlen.

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„Es ist einfach schön“, fasst Jacob Mauersberger zusammen. Er selbst ist 28 Jahre alt. Seit ungefähr 20 Jahren ist er an den Konstanzer Halfpipes zu finden. „Skaten ist für mich etwas, dass ich als kleiner Junge gefunden habe und das mich mein ganzes Leben begleitet hat“, erzählt er. Er kommt ins Schwärmen, wenn er von der Leidenschaft erzählt, die einst am Bordstein vor seiner Haustür begann und über die er irgendwann später sogar seine Bachelorarbeit schrieb.

Für Jacob Mauersberger ist das Skaten eine Identität: „Man skatet nicht nur, sondern man ist Skater.“
Für Jacob Mauersberger ist das Skaten eine Identität: „Man skatet nicht nur, sondern man ist Skater.“ | Bild: Hanser, Oliver

Eine Vereinsgründung in Konstanz sei aber schon lange ein übergeordnetes Ziel gewesen, erzählt er. Dass sie aber erst jetzt zustande kommt, hat mehrere Gründe. „Einerseits liegt das sicher an der Faulheit der Skater, sich zu organisieren“, erklärt Mauersberger. „Auf das Vereinsding hatte man früher nie Bock.“ Auch jetzt seien regelmäßige Treffen eher schwierig. „Mittlerweile aber eher, weil wir alle Väter sind.“

Denn andererseits liege die späte Gründung auch am Wandel, die der einstige Trendsport in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. „Wenn vor 30 Jahren ein Typ in meinem Alter mit einem Skateboard durch die Gegend gefahren wäre, hätte man darüber gelacht. Heute ist es cool“, erzählt Mauersberger. Bestes Beispiel dafür: Sein heutiger Vorstandskollege Tim Schäfer. Er kam erst vor drei Jahren zum Skaten, hat davor andere Sportarten ausprobiert.

Tim Schäfer kam erst vor drei Jahren zum Skaten. Heute ist er Vorstand des KNallbrett e.V.: „Ich habe die Gemeinschaft so ganz stark lieben und schätzen gelernt, dass es ein ganz fester Bestandteil meines Alltags und meines Freundschaftskreises ist“
Tim Schäfer kam erst vor drei Jahren zum Skaten. Heute ist er Vorstand des KNallbrett e.V.: „Ich habe die Gemeinschaft so ganz stark lieben und schätzen gelernt, dass es ein ganz fester Bestandteil meines Alltags und meines Freundschaftskreises ist“ | Bild: Hanser, Oliver

„Ich dachte mir so, dass ich jetzt nicht alt und grau werden kann, ohne Skaten zu können“, erzählt er über seine Anfänge. Also sei der heute 40-Jährige immer mal wieder zur Miniramp am Schänzle gefahren, um zu üben. Schnell kam er in Kontakt mit den anderen Skatern, unter denen auch Mauersberger war. „Ich wollte mich aber auch schon lange mal mehr auf kommunaler Ebene einbringen und Dinge bewegen“, berichtet Schäfer.

Vor allem Kinder und Eltern dabei

„Dann habe ich mal nachgefragt, ob wir nicht einen Verein gründen wollen. Und da waren dann genug Leute da, die gesagt haben, dass sie es angehen wollen.“ Rund 30 Mitglieder zähle der Verein mittlerweile – darunter vor allem Kinder und ihre Eltern. Genau dieser Fakt gestalte das Vereinsleben heute so dynamisch. „Das Interesse gleich möglichst hoch und möglichst heavy zu skaten, schwindet mit der Zeit“, erklärt Schäfer und lacht.

Vorstand Jacob Mauersberger skatet seit seiner Kindheit: „Es ist einfach ein Teil meiner Persönlichkeit, es ist pure Freiheit ist und irgendwie auch Familie.“
Vorstand Jacob Mauersberger skatet seit seiner Kindheit: „Es ist einfach ein Teil meiner Persönlichkeit, es ist pure Freiheit ist und irgendwie auch Familie.“ | Bild: Hanser, Oliver

„Das liegt daran, dass wir alle unsere Kinder zwar gerne mitnehmen, sie aber nur ungern vier Meter tiefe Gruben runterstürzen lassen.“ Durch den Verein könne man so nun gemeinsam Schritt für Schritt trainieren. „Ich muss ganz ehrlich sagen, ich diese Gemeinschaft so ganz stark lieben und schätzen gelernt, dass es ein ganz fester Bestandteil meines Alltags und meines Freundschaftskreises ist“, erzählt Schäfer.

Und trotz aller Lockerheit sind die Planungen der Skater ambitioniert. Aktuell tragen sie den Bodensee-Skate-Cup aus, der am 25. und 26. September auch in Konstanz Halt macht. Parallel seien Workshops, unter anderem in Kooperation mit Theaterpädagogin Tanja Jäckel auch für Geflüchtete, in Planung. Denn die Marschroute bei Knallbrett ist klar, wie Tim Schäfer unterstreicht: „Wir wollen etwas bewegen.“