Frau Felske, welche Reaktionen haben Sie erreicht, wenn ein Kind einer weiterführenden Schule zugewiesen wurde?

Wir erleben das ganz unterschiedlich. In einem solchen Fall gibt es Eltern, die sehr gelassen reagieren oder sagen: „Wer weiß, wozu diese Entscheidung gut ist.“ Aber es gab auch Fälle, in denen ein Rechtsanwalt eingeschaltet wird und die Kommunikation mit der Schule von Anfang an sehr schwierig ist. Wir erleben also das gesamte Spektrum.

Unserer Erfahrung nach ist es so: Je unnachgiebiger darauf reagiert wird, desto schwieriger wird es, anschließend miteinander ins Gespräch zu kommen. Und die Kinder, die spüren das ja alles – sie kriegen das mit und sind davon natürlich dann auch betroffen.

Sollten Eltern also gelassen bleiben, um ihr Kind nicht zu ängstigen?

Natürlich sollte das Ganze authentisch sein. Das Kind spürt ebenfalls, wenn die Eltern sehr verärgert sind oder das überhaupt nicht nachvollziehen können und dann vor dem Kind so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Ein Kind spürt da diese Differenz, kann das dann gar nicht einordnen und ist erst recht verwirrt. Also ich würde sagen, wenn Eltern das bei sich merken, dass sie größere Probleme damit haben, damit umzugehen, dass sie dann erst einmal miteinander ins Gespräch gehen – wenn es zwei Elternteile sind.

Vielleicht kann auch ein Freund oder eine Freundin hinzugezogen werden bei so einem Gespräch. Aber bitte keine stundenlangen Gespräche mit dem Kind darüber führen, was die Eltern eigentlich erst einmal unter sich ausmachen müssen. Außerdem können sich Eltern in so einem Fall an uns wenden, dafür stehen wir auch gerne zur Verfügung.

Verstehen Sie, dass sich Eltern „machtlos“ fühlen können, weil über ihren Kopf hinweg etwas entschieden wurde?

Ich denke, es ist wichtig, dass den Eltern klar ist, dass es hier nicht um Macht geht. Es geht um Realitäten, wie beispielsweise dass eine Klasse, eine Schule oder eine Stufe voll ist, die man akzeptieren und die irgendwie geregelt werden muss. Das ist ein Lernprozess, der immer wieder im Leben passiert. Und ich finde, oftmals entstehen daraus auch ungeahnte Chancen. Wenn das Kind zum Beispiel in der anderen neuen Schule ganz tolle Freundschaften schließt. In Deutschland sind die Entscheidungskriterien ja transparent und niemand wird unfair bevorteilt.

Das heißt, es wird zum Beispiel nach Einzugsgebieten oder nach Geschwisterkindern entschieden. Man kann sicher sein, dass es eben nicht um „Macht“ geht – im Sinne von „Wir da oben und ihr da unten“ und „Wir haben das Sagen“. Man will mit dieser Situation, die eben aufkommen kann, möglichst fair umgehen. Ich denke, wenn Eltern das auf diese Weise annehmen können, dann fällt es ihnen auch leichter eine solche Entscheidung zu akzeptieren.

Wie können Eltern den Übergang auf die neue Schule, die nicht die erste Wahl des Kindes war, unterstützen?

Wenn ich als Elternteil dem Kind für diesen Wandel Zuversicht geben möchte, dann kann man sich zum Beispiel gemeinsam diese andere Schule angucken. Wenn die offiziellen Besichtigungstermine bereits vorbei sind, könnte man dort auch anrufen und nachfragen, ob eine Lehrkraft Zeit hätte, meinem Kind diese Schule ein bisschen zu zeigen, falls das Kind sehr traurig ist, weil es nicht an die Wunschschule gekommen ist.

Oder man könnte die eigene Geschichte erzählen – vorausgesetzt sie stimmt. Wenn man selbst als Kind nicht auf die gewünschte Schule gehen konnte oder durfte und man dennoch gute Erfahrungen mit dieser Schule und dem Umfeld dort gemacht hat. Das könnte ja auch die Tante oder die Oma erlebt haben, die dem angehenden Fünftklässle, dann aus ihrem Leben erzählen.

Müssen Eltern das Schulkind auf eine mögliche Enttäuschung vorbereiten?

Auch wenn ich sage, dass nicht alle Diskussionen vor dem Kind stattfinden sollten, heißt das nicht, dass man nicht trotzdem offen und ehrlich ihm oder ihr gegenüber ist. Man sollte einem Menschen keine Versprechungen machen, bei denen nicht möglichst sicher ist, ob diese auch eintreten oder ob ich sie halten kann. Also zu sagen „Du kommst ganz bestimmt auf diese Schule“, sollte man nicht machen.

Ich würde sagen: „Wir probieren das. Das kann aber auch sein, dass es eine andere Schule wird.“ Das ist dann für das Kind nicht so ein großer Schreck, wenn es am Ende erfährt, dass es doch nicht mit der gewünschten Schule geklappt hat.

Ist das Ankommen an der weiterführenden Schule dann Sache des neuen Umfelds?

Man kann wirklich sagen, dass die Lehrkräfte aller Schulen sich Mühe geben, dass die Fünftklässler sich schnell wohl und angekommen fühlen. Aber natürlich gibt es an allen Schulen – auch den Grundschulen – Punkte, die man verbessern könnte. Dennoch hat auch die Schule, die vielleicht dritte Wahl war, das Potenzial die Traumschule meines Kindes zu werden. Das ist die Realität. Die Schulen arbeiten da wirklich gut.

Wie schnell kann sich ein Kind Ihrer Erfahrung nach an der neuen Schule einleben?

Ich denke, wenn die Eltern ihr Kind dort ankommen lassen, wenn sie etwas Zuversicht ausstrahlen und die neue Schule auch zur Schule ihres Kindes werden lassen, dann geht das meist sehr zügig. Das ist jedenfalls die Erfahrung, die wir in den vergangenen Jahren gemacht haben. Mit dem Rückhalt und dem Optimismus der Eltern finden die Kinder sich in diesem neuen Umfeld ganz schnell zurecht, sind stolz darauf und schließen Freundschaften zu den anfangs noch fremden Mitschülerinnen und Mitschülern.

Stichwort Freundschaft: Wie wichtig ist diese auf der neuen Schule?

Wir haben auch schon erlebt, dass Kinder mit ihren Grundschulfreundinnen und -freunden an die neue Schule gehen, dort dann aber ganz schnell andere Freundschaften knüpfen. Zwar ist der Wechsel ein Einschnitt im Leben, aber verbunden mit der Chance, Kontakt zu anderen Kindern zu finden, die bis dato sozusagen außerhalb des Radius des Kindes lebten.

Und wenn die Eltern da emotional mitgehen können, dann geht das sehr schnell. Außerdem kann dem Kind ja dabei geholfen werden, trotzdem die Grundschulfreunde zu sehen, wenn man sie beispielsweise am Wochenende einlädt. Das reguliert sich dann mit der Zeit von selbst: Entweder die Freundschaft bleibt bestehen oder man verliert sich aus den Augen. Das ist ganz normal.

Fragen: Julia Sondermann