Merle freut sich. Sie zeigt das mit heftigem Wedeln des Schwanzes. Bald liegt der Irish Setter mit den rotbraunen Haaren entspannt auf seinem Kissen. Es sieht so aus, als würde Susanne Matschulat das vier Jahre alte Tier kraulen. Doch es handelt sich um eine Therapie, bei der jeder Handgriff eine besondere Bedeutung hat.

Speziell für Hunde ausgebildet

Die 56-Jährige ist ausgebildete Physiotherapeutin. Seit etwa 30 Jahren für den Menschen und seit etwa 20 Jahren nach einer Sonderschulung mit Prüfung auch für Hunde. Oberstes Gebot bei ihrer Behandlung: „Einem Hund darf man keine Schmerzen zufügen.“

Jeder Griff sitzt. Susanne Maschulat weiß, wie sie Hunden bei Beschwerden helfen kann.
Jeder Griff sitzt. Susanne Maschulat weiß, wie sie Hunden bei Beschwerden helfen kann. | Bild: Claudia Rindt

Es gilt also bei der Therapie mit Tieren das, was sich mancher Mensch auch wünschen würde. Doch einem Erwachsenen könne man erklären, warum er jetzt mal die Zähe zusammenbeißen müsse, einem Tier nicht, sagt Susanne Matschulat. Manchmal löse sich ein Problem schneller, wenn man sich an den Rand des Schmerzes herantaste. Doch bei Hunden gelte es, mit Geduld vorzugehen. „Der Hund zeigt, was ihm gut tut und was nicht.“

So wie Merle. Sie genießt es sichtlich, vom Profi durchgewalkt zu werden. Aber immer, wenn Susanne Matschulat einen der Hinterläufe nimmt und etwas mehr Druck ausübt, zuckt die Hündin zusammen. Das gefällt ihr nicht. Vielleicht hat sie Schmerzen.

Nichts gegen den Willen des Tieres

Susanne Matschulat, die auch Pfoten-Reflex-Therapie im Programm hat, reagiert sofort und nimmt Druck weg. Gegen den Willen des Tieres kann sie gar nichts tun, das zeigt sich auch, als sie die andere Seite behandeln möchte.

Merle bleibt erst einmal so liegen wie sie liegt und ignoriert die Leckerli der Besitzerin. Erst als sie mit einem Ball gelockt wird, springt Merle dann doch auf. Nach einigen Versuchen lässt sie sich auf der gewünschten Seite nieder.

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Der vier Jahre alte Irish Setter hat ein strahlendes Fell, wirkt aufgeweckt und keineswegs krank. Braucht so ein junges Tier überhaupt Physiotherapie? Ja, sagt Susanne Weber, das Frauchen von Merle. Sie habe bemerkt, dass die Hündin nicht mehr so gern spazieren ging und im Spieltraining manche Bewegungen vermied. Mit der Physiotherapie seien die Probleme verschwunden. Vieles sei vorbeugend, um große Schwierigkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen.

Verletzungen und Fehlstellungen

Doch wie kann es beim Hund überhaupt zu Problemen kommen, wenn der doch gar keine Fehlhaltungen wie das ständige Sitzen vor einem Computer kennt? Der Hund muss zwar nicht zur Arbeit, und er hat eine andere Statik als der Mensch, aber viele Probleme und Verletzungen kennt auch er. Kreuzbandrisse, das Auskugeln oder Verkalken eines Gelenks, Fehlstellungen, Rückenprobleme, die Folgen einer OP.

Susanne Matschulat weiß, wo sie zufassen muss – und kann.
Susanne Matschulat weiß, wo sie zufassen muss – und kann. | Bild: Rindt Claudia

Manches sei angeboren, sagt Susanne Matschulat. Bei kleinen Hunderassen beispielsweise springe die Kniescheibe gern heraus. Schon seit Beginn ihrer Selbständigkeit 1992 habe sie sich gefragt, warum man Physiotherapie nicht auch auf Hunde anwendet. Bis sich schließlich die Chance bot, sich entsprechend weiterzubilden.

Ruckartige Bewegungen vermeiden

Bei ihrer Arbeit gilt oft: „Ich kann die Ursache nicht beseitigen, aber die Begleiterscheinungen.“ Auch Fehlbelastungen nach einer Verletzung, zu wenig Bewegung und Übergewicht spielten eine Rolle. Ebenso das falsche Spielen. Das Zerren und das abrupte Abbremsen können Gift sein bei manchen Gelenkschäden. Alles Ruckartige gelte es zu vermeiden.

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Die 56-Jährige hat keine Scheu vor den Tieren: „Wir hatten immer Hunde. Ich bin in einem Hundehaushalt groß geworden“. Inzwischen hat sie selbst zwei große Hunde (Ridgebacks), mit ihnen wäre Physiotherapie aber nicht möglich. Sie lassen sich nicht gern anfassen. Von ihr nicht, und schon gleich gar nicht von anderen. „Und mit Zwang geht es nun mal nicht.“

Ganz anders ist Merle veranlagt. „Das ist ein Kuscheltier“, sagt Susanne Weber. Die Hündin genießt es, auch von Fremden gekrault zu werden.

Bei der Behandlung spielt Vertrauen eine große Rolle.
Bei der Behandlung spielt Vertrauen eine große Rolle. | Bild: Rindt Claudia

Susanne Matschulat kommt in den Haushalt des Tieres. Es darf auf seiner Lieblingsmatte liegen. Sie begibt sich auf seine Ebene, was in der Regel heißt: Sie hockt sich auf den Boden. Und Susanne Weber ist froh, dass sie Merle den Stress des Transports und Besteigens einer Liege ersparen kann.

Begegnet die Therapeutin einem fremden Hund das erste Mal, lässt sie ihn erst einmal schnüffeln und Vertrauen fassen. Der Besitzer sei immer dabei. Leckerli gebe es auch nur von ihm. Denn nur er wisse genau, was der Hund vertrage und was nicht.

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Dann folge oftmals das vorsichtige Abtasten. Matschulat weiß: Ein größerer Hund zeigt sehr deutlich sein Unbehagen. Wenn er sich versteift und die Ohren zurücklegt, sind das Warnsignale. In den rund 20 Jahren als Hunde-Physiotherapeutin sei sie zweimal gebissen worden. Das sei also die Ausnahme. „Den meisten Hunden tut es gut. Sie halten still.“

Susanne Matschulat hat ein Herz für große Hunde. „Ich hatte auch schon einen Polizeihund in Behandlung.“ Ohne Polizeigeschirr sei der ein ganz Lieber gewesen. Bei ganz kleinen Hunden, etwa dem Chiwawa, müsse sie dagegen ganz vorsichtig vorgehen. Die Beine seien einfach so winzig.