Herr Rottler, die erste Frage muss ich einem Schornsteinfeger einfach stellen: Bringen Sie Glück?

Ja, ich bringe Glück! Die Zünfte haben sich im Mittelalter gegründet und so zogen fortan auch die Schornsteinfeger von Gehöft zu Gehöft und reinigten die Schornsteine, was zuvor die Knechte taten. So gab es weniger Schadensfälle und man sagte: Wir haben Glück, der Schornsteinfeger war da. Bis heute sorgen wir für Sicherheit, denn wir überprüfen alle Feuerstätten rund ums Haus und führen Abgasmessungen durch. Somit bringen wir den Menschen Glück.

Und auch die Digitalisierung macht den Schornsteinfeger nicht überflüssig?

Nein, denn die Feuerstätten werden zwar effizienter, aber das heißt nicht, dass Parameter nicht ausfallen können. Jeder Ofen mit allen technischen Komponenten muss regelmäßig begutachtet werden, damit Gefahren reduziert werden. Wir Schornsteinfeger prüfen Feuerstätten auf Herz und Nieren, daher sind wir weiterhin und auch in Zukunft gefragt. Aber natürlich verändert sich unser Arbeitsbereich, wie in vielen anderen Handwerksberufen auch.

Warum haben Sie sich als Sohn eines Landwirts für den Beruf Schornsteinfeger entschieden?

Mein älterer Bruder lernte schon Schornsteinfeger und ich fand Gefallen an seinen Erzählungen. Ich hatte aber ohnehin Interesse am Handwerk und schätze den hohen Anteil an Dienstleistung in unserem Beruf, den Kontakt mit den vielen Menschen. Mein Vater hat zwar versucht, mir andere Branchen schmackhaft zu machen, vom Werkzeugmacher in der Industrie über das Elektrohandwerk bis zu Heizung/Sanitär/Klima. Ich habe auch überall hineingeschnuppert, aber letztendlich kam der Kontakt zu meinem Ausbilder über den Musikverein im Ort. Meine Eltern hatten einen befreundeten Musiker, der Schornsteinfeger war und auch meinen älteren Bruder ausbildete. So konnte ich meine Eltern überzeugen, dass ich gerne auch Schornsteinfeger werden möchte. Ich habe die Wahl nie bereut, denn mein Beruf ist abwechslungsreich und wird durch ständig neue Technologien an der gesamten Gebäudehülle mit einhergehenden Fragen zur Energieversorgung, der Lüftung und Hygiene nie langweilig.

Was sind die Vorteile der Selbstständigkeit? Und was sagen Sie jungen Menschen, die davor vielleicht Angst haben?

Angst muss niemand haben. Für mich ist der klare Vorteil, dass man sich im eigenen Betrieb eigenständig organisieren und entfalten kann. Aber natürlich muss man immer die Zukunft im Blick haben und sich überlegen, wie man vorsorgen kann für Zeiten, in denen es nicht so glatt läuft. In der Pandemie zum Beispiel haben viele Handwerksbetriebe Dinge in der Werkstatt oder in der Verwaltung aufgearbeitet, die liegen geblieben waren. So lassen sich die To-do-Listen reduzieren.

Warum sollten sich junge Menschen fürs Handwerk begeistern?

Ich finde das Hineinhören in die jungen Menschen ganz wichtig. Es gibt so viele Berufe und jeder muss für sich entscheiden, wo die Fähigkeiten und Interessen liegen. Ich empfehle, über Praktika in Betriebe hineinzuschnuppern und offen zu sein für verschiedene Wege. Meiner Meinung nach hat die Gesellschaft hier einen entscheidenden Fehler begangen, indem über Jahrzehnte immer propagiert wurde, junge Menschen müssten nach der Schule in eine Richtung gehen, zum Beispiel studieren. Aber ich kann nur Werbung für die offene Berufsorientierung machen – und zwar an allen Schultypen, auch am Gymnasium. Jeder sollte selbst entscheiden, wo er sich am wohlsten fühlt. Da landen nicht alle automatisch im Handwerk, aber eben auch nicht alle an der Universität, wie es die Gesellschaft für gut befindet. Diese oft einseitige Beratung halte ich für absolut falsch. Im Handwerk haben wir so viele Möglichkeiten, eine Führungsposition zu übernehmen oder auch als klassischer Mitarbeiter glücklich zu werden.

Es gibt ja auch Mischformen. Mit einem Meisterbrief lässt sich immer noch ein Studium anhängen, wenn gewünscht.

Natürlich, die Wege sind offen! Es ist nicht unüblich, dass junge Leute erst einmal Erfahrung in einer handwerklichen Ausbildung zum Beispiel als Schreiner sammeln, bevor sie Architektur oder Ähnliches studieren. Und später übernehmen sie selbst eine Führungsposition oder gründen einen Betrieb, sodass sie dem Handwerk wieder zur Verfügung stehen. Die Vielfalt ist sehr groß.

Finanziell kann das Handwerk ja auch attraktiv sein. Trifft das Sprichwort „Handwerk hat goldenen Boden“ in der Pandemie noch zu – oder gerade dann?

Der goldene Boden war fürs Handwerk nie weg, wir haben die Krise im Allgemeinen gut gemeistert und die Verdienstmöglichkeiten sind ebenfalls gut. Wenn man die Verdienstspanne betrachtet, ist das Einkommen von Handwerkern vergleichbar mit dem von Akademikern. Denn Handwerker stehen früher im Beruf. Deshalb ist für mich wirklich der Wohlfühlfaktor entscheidend. Jeder sollte sich in seinem Beruf am richtigen Platz sehen.

Sie sind ja nicht nur Schornsteinfeger, sondern im Ehrenamt auch Präsident der Handwerkskammer Konstanz. Wie sieht ein typischer Tag für Sie aus?

Sehr vielseitig (lacht). Neben der Arbeit in meinem eigenen Betrieb bin ich Repräsentant der Handwerksbetriebe im Kammerbereich Konstanz, also in den Landkreisen Konstanz, Rottweil, Tuttlingen, Waldshut und dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Ich höre rein, wo die Interessen der einzelnen Branchen liegen, wo man Prozesse verbessern kann, wo ich politisch begleiten kann. Außerdem gehört das Repräsentieren in der Öffentlichkeit zu meinen Aufgaben. Themen sind unter anderem die Selbstverwaltung des Handwerks, das Prüfungswesen, die Rahmenbedingungen für die Weiterbildung. Meine Tür steht auch immer offen, wenn irgendwo der Schuh drückt, dann versuche ich zu vermitteln. Die übergeordnete Aufgabe des Präsidenten ist, nach außen zu vertreten: Ohne Handwerk geht es nicht!

Wie viel Zeit setzen Sie ungefähr für das Ehrenamt ein und warum machen Sie das gern?

Man könnte es fast mit einem Vollzeit-Job vergleichen. Aber egal, wo man ehrenamtlich tätig ist: Man muss bereit sein, die eigene Zeit dafür einzusetzen, und es so gut wie möglich mit der Arbeit verknüpfen. Ich habe früher sehr gern Trompete, Flügel- und Tenorhorn im Musikverein gespielt und dort auch schon meine Ideen eingebracht. Da kommt man automatisch in die Situation, dass andere zum Beispiel sagen: Du könntest ja noch Schriftführer werden. Das Ehrenamt stärkt unser kulturelles Leben, deshalb setze ich sehr gern meine Lebenszeit für die Gemeinschaft ein.

Wenn einen Tag lang jemand für Sie aufs Dach steigen würde: Mit wem würden Sie gern mal tauschen?

Ich bin bereit für alle Berufe. Reinschnuppern kann ich durch mein Amt zum Glück ohnehin in viele Branchen, ob es beim Sattler ist oder beim Heizungsbauer oder Schneider. Aber auf Dauer tauschen möchte ich nicht, dazu liebe ich zu sehr meinen Beruf als Schornsteinfeger.

Fragen: Kirsten Astor

Zur Person

Werner Rottler, 58 Jahre, stammt aus Obereschach (heute Ortsteil von Villingen-Schwenningen) und ist Handwerker aus Überzeugung. Er absolvierte eine Ausbildung zum Schornsteinfeger, legte 1986 die Meisterprüfung ab und machte sich 1995 selbstständig. Seitdem ist Rottler Bezirksschornsteinfegermeister im Schwarzwald-Baar-Kreis. Zudem engagierte er sich früh ehrenamtlich: zunächst als Geselle im Zentralverband Deutscher Schornsteinfeger, dessen Bundesvorsitzender er von 1990 bis 1994 war, sowie in der Schornsteinfegerinnung für den Regierungsbezirk Freiburg. Deren 200 Mitglieder vertrat er von 2009 bis 2019 als Obermeister und Geschäftsführer. Seit Dezember 2019 ist Werner Rottler Präsident der Handwerkskammer Konstanz. Er ist verheiratet und nutzt den Schwarzwald gerne für Wander-, Ski- und Fahrradtouren. Sein früher größtes Hobby, die Musik, gab er zugunsten des Ehrenamts auf. (kis)

Der kurze Draht zu den Kollegen

Kreis Konstanz – Mittendrin, das ist Hansjörg Blenders liebster Standort. Der Kreishandwerksmeister empfängt die Besucherin in seinem Radolfzeller Autohaus im gläsernen Büro. Hier hat er alles im Blick. Hier ist er ganz nah an der Basis seines Unternehmens. Hier entgeht ihm nichts. Und das lässt sich auch auf sein berufsständisches Ehrenamt übertragen. Während des Gespräches mit der Reporterin bleibt die Tür offen. Man spürt, wie der Meister alle Informationen aufsaugt, um sie gefiltert durch den Blickwinkel des Handwerks neu einzuordnen.

2012 ließ Hansjörg Blender sich an die Spitze der Handwerker im Landkreis Konstanz wählen. Doch wozu braucht es überhaupt eine Kreishandwerkerschaft? Sie ist ein Verbund der Innungen im Kammerbezirk und Interessenvertreterin der beteiligten Branchen. Um es neudeutsch auszudrücken: sie ist Lobbyistin für das Handwerk. Während die Mitgliedschaft in der Kammer verpflichtend ist, können sich die Betriebe in der Kreishandwerkerschaft freiwillig beteiligen. 14 Innungen mit rund 700 Betrieben haben sich der Kreishandwerkerschaft Konstanz angeschlossen. Ziel ist der Informationsaustausch über die Gewerke hinweg und die Suche nach Lösungen. Ein gravierendes Problem, das fast alle Branchen betrifft, ist der Nachwuchsmangel.

„Wir werden die Zukunft nicht ohne das Handwerk stemmen können“, ist Hansjörg Blender überzeugt und nennt als Beispiel allein die Herausforderungen im Energiesektor: „Wer baut denn die Solardächer und die modernen Heizungen?“ Der eklatante Mangel an Fachkräften und der Überhang an offenen Lehrstellen machen nicht nur ihm große Sorgen – das Thema Nachwuchs beschäftigt praktisch alle in der Kreishandwerkerschaft vertretenen Branchen. Dabei gilt noch immer: das Handwerk hat goldenen Boden. Allerdings ist diese Botschaft bei vielen jungen Menschen verblasst. Eine Ursache dafür seien die fehlenden oder mangelhaften Hinweise auf die vielfältigen Ausbildungs- und Aufstiegschancen für junge Menschen in den Schulen. Hier gebe es Defizite bei der Lehrerschaft, sagt Blender. Er selbst hat nach der Lehre noch mit 30 Jahren studiert. „Noch nie war das Bildungssystem so durchlässig. Es gibt fast unbegrenzte Karrieremöglichkeiten“, sagt er.

Die Schulen als Partner

Der Kreishandwerksmeister spricht von einer höheren Glaubwürdigkeit gegenüber Bauherren, wenn zum Beispiel ein Innenarchitekt vor seinem Studium eine Schreinerlehre absolviert hat. Da könne man davon ausgehen, dass es einen praktischen Bezug zur Planung gebe. Oder er erzählt, dass man mit 28 Jahren schon Meister mit eigenem Betrieb sein könne. Doch diese Möglichkeiten würden oft gar nicht in Betracht gezogen. Das liege zum Teil auch an den Schulen, wo das Handwerk häufig eine marginale Rolle spiele. Das will die Kreishandwerkerschaft durch gezielte Vorstöße ändern. In Stockach hat sie mit dem Schulverbund Nellenburg einen Partner gefunden. Vor drei Jahren wurde dort der Arbeitskreis „Chance Ausbildung“ ins Leben gerufen, der auch Eltern mit ins Boot holt. Die Initiative trage erste Früchte, erzählt Hansjörg Blender.

„Hochschulen und Handwerk kämpfen um die jungen Leute“, bedauert Blender. Immer mehr Schulabgänger würden sich für kaufmännische oder akademische Ausbildungswege entscheiden. Grund dafür seien alte Vorurteile. Diese zu bekämpfen sei zum Beispiel ein Ziel der Kreishandwerkerschaft: „Wir müssen den jungen Menschen vermitteln, wie modern und attraktiv unsere Berufe sind.“ Sie müssten erkennen, dass sie mit einer Berufsausbildung als Karrierestart nichts falsch machen.

Karriere mit Lehre, so lautet das Credo des Meisters. Mittlerweile hat er sich so richtig in Fahrt geredet. Man spürt seine Leidenschaft. Er will die junge Generation wachrütteln und für die Berufe begeistern. Genau das sieht er als erste Aufgabe der Kreishandwerkerschaft an. Dafür unterstützt die Vereinigung Ausbildungsmessen, organisiert Fortbildungen, gibt Hilfestellungen für Betriebe bei der Umsetzung neuer Gesetze und versteht sich als Bindeglied zwischen Betrieben, Schulen und der Handwerkskammer. Sie ist aber auch die Verbindung zwischen den Innungen und der Kammer.

Die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Pandemie haben es den handwerkenden Betrieben zusätzlich erschwert, an junge Leute zu kommen. Hier wieder mehr Beachtung zu finden, ist eine der größten Aufgaben. Ein akutes Thema sei derzeit die Frage „Wie bringen wir die geflüchteten Menschen in unsere Betriebe?“, sagt Hansjörg Blender. „Zusammen mit der Kammer kümmern wir uns um die rasche Überwindung der Sprachprobleme.“ Die Betriebe der Kreishandwerkerschaft wollen den Geflüchteten zur Einstiegsqualifizierung neben dem Spracherwerb Einblicke in den beruflichen Alltag ermöglichen. „Unser duales System mit Berufsschule und Bildungsakademie funktioniert nicht, wenn die Lehrlinge nichts verstehen“, sagt der Kreishandwerker.

Interessenvertretung

Die Kreishandwerkerschaft ist ein ehrenamtlich geführtes Organ, in dem sich verschiedene Innungen zusammengetan haben. Die Innungen, die aus den mittelalterlichen Zünften hervorgegangen sind, werden jeweils von Innungsobermeistern geführt. 14 Innungen mit rund 700 Betrieben haben sich der Kreishandwerkerschaft Konstanz angeschlossen. Sie ist Teil der Handwerkskammer Konstanz, mit 12.913 Betrieben in den Landkreisen Konstanz, Rottweil, Schwarzwald-Baar, Tuttlingen und Waldshut. Hier werden laut Handwerkskammer (Stand 31.12.2021) 4280 Lehrlinge ausgebildet. (gtr)

Das Rathaus des Handwerks

Schwarzwald-Baar-Kreis – Rainer Wagner und Martin Ballof haben jede Menge verschiedene Aufgaben – und Ballof erledigt sie sogar im Ehrenamt. Die beiden Männer stehen an der Spitze der Kreishandwerkerschaft im Schwarzwald-Baar-Kreis, in der sich alle Innungen im Bezirk bündeln. Martin Ballof steht als Kreishandwerksmeister an der Spitze, unterstützt vom Vorstandsgremium mit den stellvertretenden Kreishandwerksmeistern Gerhard Jordan und Bernhard Blenkle sowie den Vorstandsmitgliedern Dietmar Gemeinder, Achim Mink und Klaus Bittlingmayer.

Als hauptamtlicher Geschäftsführer ist Rainer Wagner bestellt. Er ist mit der Geschäftsführung von zehn der zwölf Innungen im Kreis betreut und vertritt gemeinsam mit Martin Ballof die Interessen der Innungen nach außen. Wagner leitet die Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft in Villingen-Schwenningen, unterstützt von den Sachbearbeiterinnen Halina Friese und Margitta Häßler.

Die Kreishandwerkerschaft versteht sich als das „Rathaus“ des Handwerks, pflegt Kontakte zu Politik und Wirtschaft und leistet damit wichtige Lobby-Arbeit für die Betriebe. „Weiterhin unterstützen wir die Handwerksbetriebe bei den Themen Datenschutz, Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit“, sagt Wagner. „Wir organisieren zum Beispiel für alle Innungen gemeinsam die Erste-Hilfe-Kurse und übernehmen die Formalitäten mit den Berufsgenossenschaften.“ Die Unternehmen müssten nur die Teilnehmer melden. „Da mehrere Kurse über das Jahr verteilt angeboten werden, können die Firmen ihre Pflichtaufgabe erfüllen, so wie es zeitlich passt“, erklärt der Geschäftsführer.

Handwerk bietet alle Möglichkeiten

Zu den übergeordneten Aufgaben der Kreishandwerkerschaft gehören die Übergabe der Goldenen Meisterbriefe und die Freisprechungsfeier für Gesellinnen und Gesellen aller Innungen. „Wir entlassen den Nachwuchs nicht nur feierlich ins Berufsleben, sondern zeichnen auch die Kammer-, Landes- und Bundessieger aus“, sagt Rainer Wagner.

Doch bevor ein Geselle freigesprochen wird, steht die Ausbildung an. Hierbei hilft man den Innungsbetrieben auf der Bildungsmesse „Jobs for future“ bei der Suche nach Auszubilden. „Wir möchten die Schülerinnen und Schüler über die sehr guten Zukunftschancen und Möglichkeiten im Handwerk informieren und vor allem den Eltern die Angst vor einer Ausbildung im Handwerk nehmen“, sagt Kreishandwerksmeister Martin Ballof. Es gebe gute Verdienstmöglichkeiten, und ein Ausbildungsberuf im Handwerk sei auch Grundstock für die Weiterbildung zum Meister, Techniker oder ein anschließendes Studium. „Der Mythos, man mache sich nur schmutzig und verdiene nicht viel, ist immer noch fest verankert“, meint Ballof. Wagner ergänzt: „Alle sprechen davon, Handwerk habe goldenen Boden, aber dann heißt es: Meine Tochter oder mein Sohn hat Abitur und muss studieren.“ Viele wüssten nicht, dass man auch im Handwerk studieren könne. „Eine Ausbildung zum Schreiner dient oftmals als Basis für ein späteres Studium der Architektur“, so Wagner. Mit Bestehen der Abschlussprüfung im Handwerk könne man auch an einer Fachhochschule studieren, und der Meistertitel sei mit einem Bachelor-Abschluss zu vergleichen. „Es gibt noch viel Unwissenheit, da ist einige Aufklärungsarbeit nötig“, betont Rainer Wagner.

„Ein Ziel der Kreishandwerkerschaft, gemeinsam mit den Verbänden, der Handwerkskammer und den Innungen, ist es, Auszubildende für das Handwerk zu gewinnen, um dem bestehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken“, so Wagner. Wichtig dabei sei, dass die Handwerksbetriebe auch die Bereitschaft zeigen, selbst auszubilden. Nach dreieinhalb Jahren Lehre steht die Gesellenprüfung an. Größere Innungen dürfen ihre Gesellenprüfung selbst abnehmen. Auch hier steht die Kreishandwerkerschaft den Innungen im Prüfungsausschuss zur Seite und hilft bei den administrativen Aufgaben. Sie unterstützt die Innungen und damit die Handwerksbetriebe also auf vielen Ebenen und nimmt ihnen Arbeit ab, was den Firmen für die tägliche Arbeit Freiraum verschafft. Gemeinsam lassen sich Interessen effektiver vertreten und durchsetzen. Davon sind Martin Ballof und Rainer Wagner fest überzeugt.

Die Innungen

Innungen sind Zusammenschlüsse von Handwerkern desselben Berufsstandes auf regionaler Ebene, mit dem Ziel, gemeinsame Interessen zu fördern. Die Struktur ähnelt einem Verein mit dem Rechtsstatus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Mitgliedschaft ist freiwillig, der gewählte Vorsitzende wird Innungsobermeister genannt. Für die administrativen Aufgaben wird ein Geschäftsführer bestellt. 12 Handwerksinnungen mit 351 Mitgliedsbetrieben werden in der Kreishandwerkerschaft Schwarzwald-Baar geführt, bei zehn davon fungiert Rainer Wagner als Geschäftsführer. Martin Ballof vertritt als Delegierter in der Handwerkskammer Konstanz die Interessen der Innungsbetriebe des Schwarzwald-Baar-Kreises.

„Eine Ausbildung im Handwerk ist eine gute Basis.“

Martin Ballof, Kreishandwerksmeister

Gratis-Fitnessstudio

Kreis Konstanz – Bauunternehmer Axel Regber aus Singen hat die Firma von seinem Vater übernommen und beschäftigt 14 Facharbeiter, darunter seinen Sohn, der nach dem Abitur die Lehre bei ihm absolvierte und inzwischen Meister ist. Der Firmeninhaber schwärmt: „Von allen Handwerksberufen ist der Maurer mit der abwechslungsreichste. Wir fangen auf der grünen Wiese oder in der Baugrube an und enden oben beim Dachspitz oder Kamin.“ Unten beginnt der Maurer mit dem Verlegen der Rohrleitungen, bevor der Boden betoniert wird. Dann schalt er die Kellerwände außen herum. Die Betondecke wird verlegt und mit der Treppenanlage betoniert. „Ab dem Erdgeschoss haben wir klassisches Mauerwerk. Dadurch ergibt sich ein ständig wechselndes Tätigkeitsfeld.“ Der 57-Jährige betont: „Eine Frau kann heute ohne Weiteres diesen Beruf erlernen. Keiner gräbt mehr von Hand oder trägt was nach oben. Dafür haben wir einen Baukran oder Hebebühnen.“

Im Landkreis Konstanz gibt es 40 Maurerbetriebe, darunter 15 Ein-Mann-Betriebe. Die anderen würden gerne mehr Auszubildende nehmen – aktuell haben sie insgesamt 20. Die Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, Verkürzungen sind möglich. Axel Regber sagt: „Ein Hauptschulabschluss ist nicht zwingend, aber wünschenswert. Mitdenken und handwerkliches Geschick sind wichtiger. Ein Maurer muss aber schon mal was ausrechnen, zum Beispiel die Menge an Beton, die er für ein Bauteil braucht.“ Der Blockunterricht der Berufsschule findet im ersten Lehrjahr in Konstanz statt, die überbetriebliche Ausbildung in Donaueschingen. Zunächst lernen die Maurer gemeinsam mit Fliesenlegern und Gipsern. Im zweiten und dritten Jahr ist der Unterricht in Donaueschingen. Die Zwischenprüfung findet am Ende des zweiten Jahres statt, nach dem dritten Jahr die Gesellenprüfung.

Wenn die Maurer auf dem Bau fertig sind, übernehmen unter anderem die Zimmerer. Ihre Ausbildung ist ähnlich aufgeteilt. Zimmerermeister Markus Hirling aus Radolfzell sagt, anfangs seien die Auszubildenden überwiegend fort, nur etwa ein Fünftel der Zeit arbeiteten sie im Betrieb. Im Laufe der Lehre kehrt sich das Verhältnis um. Ein Zimmerer arbeitet bei Neu- und Ausbau sowie Sanierungen, errichtet Dachstühle, macht Dachdeckungsarbeiten und ist im Innenausbau beschäftigt mit Trockenbau, Isolierungen, Dachfenstern und Holzrahmenbau.

Kreatives Arbeiten

Markus Hirling leitet den Familienbetrieb in fünfter Generation. Zwei Söhne sind im Betrieb, einer hat die Meisterausbildung angefangen. Sie lieben das Arbeiten mit Holz und die Flexibilität des Berufs. Hirling sagt: „Jeder Dachstuhl, jedes Haus ist anders. Bei Architekten ist oft alles vorgegeben, aber bei Privatbauleuten versucht man, Ideen einzubringen. Sie wollen individuelle Lösungen, aber manche Dachkonstruktionen erlauben statisch nicht alles. Da kommen wir ins Spiel.“ Mit einem CAD-System wird ein 3D-Modell erstellt, das man in jede Richtung drehen kann. So wird dem Kunden gezeigt, was möglich ist. Das Berufsbild wird durch vermehrte Digitalisierung und veränderte Arbeitsprozesse immer innovativer. „Heute ziehen wir komplette Wände mit dem Kran hoch“, beschreibt der 47-Jährige eine der Verbesserungen.

Markus Hirling hat zwölf Mitarbeiter – alles Männer. „Frauen können diese Arbeit aber auch. Im ersten Jahr erfolgt ein ordentlicher Muskelaufbau, das Fitnessstudio ist quasi inklusive. Danach ist das Arbeiten bei fast jeder Witterung Gewohnheitssache.“