Herr Hiltner, die Wegwerfgesellschaft ist inzwischen ein Auslaufmodell, viele achten auf die Langlebigkeit von Produkten. Was glauben Sie, woher kommt der Wandel?

Das liegt unter anderem an der veränderten Einstellung junger Menschen, die die Bedrohung durch den Klimawandel erkannt haben und dies durch reichweitenstarken Protest kundtun, der in der Gesellschaft wirkt. Dazu kommt eine ressourcenschonendere Produktion. Auch hier hat zum Glück ein Wandel eigesetzt, der dafür sorgt, dass sich Menschen immer mehr mit der Frage beschäftigen, ob man ein Produkt kaufen muss und wenn ja, ob es nachhaltig ist.

Bild 1: Nachhaltigkeit plus Karriere = HANDWERK: „Das Handwerk spielt eine zentrale Rolle“

Auf den ersten Blick lässt sich aber mit Dingen, die schnell kaputt gehen, mehr verdienen.

Viele Branchen zeigen, dass sich mit höherwertigen Erzeugnissen auch gute Umsätze machen lassen und es sogar besser für das Image des Unternehmens ist. Durch den öffentlichen Druck hat auch auf Herstellerseite ein Umdenken stattgefunden.

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Nachhaltigkeit hat viele Facetten. Was verstehen Sie darunter?

Ich verstehe darunter sozio-ökonomisch und gesellschaftlich gesehen, dass meine Generation und die nachfolgende sich damit beschäftigen müssen, dass ihr Tun einen Fußabdruck hinterlässt. Nach den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen haben wir nicht mehr viel Zeit, eine positive Veränderung zu erreichen. Deshalb muss sich jeder Einzelne damit auseinandersetzen, wo er einen Beitrag dazu leisten kann, dass wir als Gesellschaft dieser Erde eine Chance geben. Auch global wird ein Umdenken stattfinden müssen, damit soziale und ökonomische Konflikte nicht weiter eskalieren.

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Was ist Ihr persönlicher Beitrag?

Bei den Lebensmitteln versuchen wir als Familie, nachhaltig zu agieren. Wir kaufen regionale Erzeugnisse, kochen frisch und produzieren vieles selbst, zum Beispiel Marmelade. Außerdem versuchen wir, uns in der Umwelt so zu verhalten, dass die Artenvielfalt nicht weiter dezimiert wird.

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Zu den Aktivitäten junger Menschen zählen die Demonstationen von Fridays for Future (FFF), die auch vor dem Gebäude der Handwerkskammer regelmäßig vorbeiziehen. Schauen Sie aus dem Fenster oder laufen Sie mit?

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Mitgelaufen bin ich noch nicht, habe das aber verfolgt. Ich gehöre von meiner Generation und vom Studium her auch eher zu den Menschen, die versuchen, mehrere Aspekte zusammenzubringen. Ich frage, wie die Wirtschaft umgebaut werden muss, damit die Klimaziele erreicht werden können. Vielleicht nicht mit der Radikalität wie die Jungen, wobei ich auch verstehen kann, dass man erstmal laut protestieren muss. Man muss die Balance finden zwischen Umweltschutz und notwendigem ökonomischem Wachstum. Das kann gelingen, aber man muss es sehr kontrovers diskutieren und vielschichtiger betrachten. Ich bin bemüht, zu einer Versachlichung beizutragen.

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Warum passen Nachhaltigkeit und Handwerk gut zusammen?

Weil ich glaube, dass das Handwerk enorme Potenziale hat, die Nachhaltigkeit zu zeigen. Im Bauhandwerk, der größten Branche in Baden-Württemberg, gibt es das größte Potenzial, einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Darüber hinaus bestehen quer durch alle Gewerke riesige Chancen, an der Energiewende mitzuwirken und auch die Verhaltensänderung der Bevölkerung positiv zu beeinflussen. Es geht immer um zwei Wege: Zum einen tragen Handwerker dazu bei, bei ihren Kunden mehr Nachhaltigkeit zu erreichen, zum Beispiel durch Dämmung oder Smart Homes. Zum anderen können sie auch ihre eigenen Betriebsabläufe umweltfreundlicher gestalten, sei es durch eine Flotte mit Elektroautos oder die energetische Sanierung des eigenen Betriebs.

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Wie berücksichtigen Sie das in Ihrer Aus- und Weiterbildung?

Das Handwerk reagiert auf die Herausforderungen, indem Ausbildungsberufe diversifiziert werden und wir einer größeren Zielgruppe die Möglichkeit geben, aktiv an der Energiewende mitzuwirken. Der eine möchte vielleicht eher im Elektrohandwerk mit Steuerungselektronik und digitalen Elementen arbeiten, der andere eher praktisch auf der Baustelle. Das Handwerk hat einen entscheidenden Anteil an der Energiewende, aber wir brauchen noch viel mehr Fachkräfte für die kommenden, massiven Auftragslagen zur Bewältigung der Aufgaben. Wir sind auch im Dialog mit Städten, Gemeinden und Kreistagen und fragen ab, was die Kommunen in Sachen Energiewende konkret tun wollen und wie das Handwerk sich daran beteiligen kann. Auf unserer Seite bieten wir aktiv Weiterbildungen für Handwerker an, damit sie energetische Sanierungen umsetzen können, Photovoltaikanlagen aufs Dach bekommen und die Endkunden beraten können. Unser Schwerpunkt als Handwerkskammer ist dieses Jahr die Nachhaltigkeit.

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Wird es das Handwerk auch in 50 Jahren noch geben oder schneiden künftig Roboter die Haare?

Alle Branchen werden die Digitalisierung spüren und tun es auch schon, aber gerade die dienstleistungsnahen Berufe spielen sicher weiter eine zentrale Rolle. Trotzdem stellen sich Zukunftsfragen. Zum einen: Wird das Handwerk später nur noch zum Einbauer industriell gefertigter Produkte? Hoffentlich nicht! Zum anderen: Wer hat die Oberhand über die Daten? Zur Kundenbeziehung gehört auch, dass ich Zugriff auf Kundendaten habe. Aber wenn die Wertschöpfungskette sich ändert, kann es dazu führen, dass die Datenhoheit plötzlich beim Hersteller liegt. Dann wird auch der Service über den Hersteller gesteuert und der Handwerker verliert die Beziehung zum Kunden. Deshalb erachte ich es als wichtige Aufgabe, dass die Kundendaten für die Handwerker gesichert werden. Außerdem empfehle ich allen Betrieben, sich auch fit zu halten, was soziale Medien angeht. Die Kernkompetenz ist zwar nach wie vor die handwerkliche Leistung, aber die Digitalisierung und die Kommunikation mit den Kunden werden immer wichtiger. Auch die Bewertungsportale im Internet nehmen einen steigenden Stellenwert ein. Dem müssen sich die Betriebe stellen. Das sind Risiken, aber aus meiner Sicht überwiegen die Chancen deutlich.

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Junge Menschen könnten sich fragen: Warum soll ich trotz dieser skizzierten Risiken ins Handwerk gehen?

Weil es innerhalb der Karriereplanung ein sehr gutes Fundament darstellt. Man kann sich nach dem Schulabschluss zunächst handwerkliche Kompetenz aneignen und später viele Wege gehen. Die Durchlässigkeit des Bildungssystems ist enorm. Entweder bleibt man im Handwerk und bildet sich weiter, macht den Meister. Oder man erlernt erst ein Handwerk, studiert anschließend und kehrt in führender Position ins Handwerk zurück, übernimmt einen Betrieb. Für die junge Generation bietet das Handwerk ein ziemlich gutes Portfolio.

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Fragen: Kirsten Astor

Zur Person

Georg Hiltner, 58 Jahre, stammt aus Pforzheim. Nach dem Geografie-Studium an der TH München arbeitete er als Referent für Städtebau in München und von 2000 bis 2004 als Geschäftsführer des Passau Marketing e.V. sowie als Citymanager für die Stadt Passau. Anschließend war er bis 2007 Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands BAG und arbeitete danach in einem Textilunternehmen in Nürnberg. Seit 2009 ist Georg Hiltner Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz. Er ist verheiratet und geht gern Motorrad- und Skifahren, ins Theater und Kino. (kis)

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Sie gestalten die Energiewende mit

Schwarzwald-Baar-Kreis – Der klassische Beruf des Elektroinstallateurs hat sich zu einem zukunftsweisenden Ausbildungsberuf gewandelt. Früher gab es in der Raummitte einen Leuchtenanschluss und an den Türen einen Schalter, mit dem die Beleuchtung ein- und ausgeschaltet wurde. Der Elektroinstallateur verlegte die Elektroleitungen, um Steckdosen, Leuchten, Küchenherd und Heizung mit Strom zu versorgen. Heute werden Kabel und Leitungen zwar weiterhin in oder auf der Wand und in Kanälen sowie Trassen verlegt, aber zum Elektrowerkzeug gesellt sich nun ein Laptop. Zu Starkstromleitungen kommen Netzwerkleitungen hinzu. „Heute gestalten wir im Elektrohandwerk die Zukunft mit“, sagt Ralf Pfaff, Obermeister der Elektroinnung Schwarzwald-Baar und Inhaber von Pfaff Energie- und Gebäudetechnik in Königsfeld.

Rüstzeug für die Zukunft

Die Gebäude werden intelligenter, das gesamte Haus ist vernetzt, man spricht von einem Smart Home. Sensoren steuern Rollläden und Jalousien, lassen Markisen automatisch einfahren, und Lichtszenen mit modernen LED-Leuchten sorgen für Wohlfühlatmosphäre. All dies und eine weitere Herausforderung bescheren dem Elektrohandwerk beste Zukunftschancen: Die Energiewende. „Früher bildeten sie einen Randbereich, aber heute rücken Photovoltaik, Elektromobilität und Wärmepumpen in den Fokus“, so Pfaff. Die Energieeinsparung sei abhängig von Steuerungs- und Regeltechnik und das gehe nur mit intelligenter Gebäudetechnik. Dabei sei es umso wichtiger, dass die unterschiedlichen Gewerke näher zusammenrücken. „Wir müssen im Handwerk mehr kooperieren, das gilt auch auf Verbandsebene“, appelliert Pfaff.

„Den Schulabgängern bietet das Elektrohandwerk ein gutes Rüstzeug für die Zukunft, einen sicheren Arbeitsplatz, bei dem ihnen alle Türen offen stehen“, so Pfaff. Das beinhalte die Weiterbildung zum Meister oder Techniker bis hin zum Studium oder dem eigenen Unternehmen. Fünf Ausbildungsberufe zum Elektroniker bietet das Elektrohandwerk an (siehe Infotext). Julian Öttle ist einer von vier Azubis bei Pfaff und im ersten Lehrjahr. Der Realschüler entschied sich nach einem Ferienjob für den Ausbildungsberuf zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Nicht nur das Installieren, sondern auch das Konfigurieren von Gebäudesystemtechnik gehört später zu seinen Aufgaben. „Für mich ist es wichtig, dass man am Ende des Tages sieht, was man geleistet hat“, sagt Öttle. Lob kommt vom Chef: „Julian ist einer unserer besten Auszubildenden, er wird seinen Weg gehen“.

Der Nachwuchs ist bei Pfaff mit den Gesellen nicht nur auf den Baustellen tätig. Ein eigener Werkstatt- und Onlineunterricht ergänzt neben der Berufsschule die praktische Arbeit beim Kunden. „In der Werkstatt können die Auszubildenden Grundschaltungen verdrahten und an einem Labortisch ein Bussystem aufbauen und programmieren“, erklärt Ralf Pfaff. Das Elektrohandwerk biete eine riesige Spielwiese und für jeden Typ die passende Ausbildung sowie die Möglichkeit, die Energiewende vor Ort in die Praxis umzusetzen. Lediglich mehr junge Frauen wünscht sich der Obermeister in dem noch von Männern dominierten Elektrohandwerk.

Anlagenmechaniker SHK

Wie im Elektrohandwerk hat sich auch das Berufsbild der einstigen Heizungs- und Sanitärinstallateure geändert. Sie sind heute Spezialisten für moderne Gebäudetechnik und heißen Anlagenmechaniker für Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik. Sie verlegen zwar weiterhin Rohrleitungen, löten, sägen und installieren Anschlüsse. Während früher die klassischen Öl- und Gasheizungen angedockt wurden, rücken aktuell Themen wie Pellets-Heizungsanlagen, Wärmepumpen, elektrische Infrarotheizungen und Photovoltaik in den Vordergrund. Da gilt es, sich in der Ausbildung mit Steuerungs- und Regelungssystemen auseinanderzusetzen. Mit dem Laptop werden Heizungs- und Klimaanlage in die Gebäudesystemtechnik integriert.

„Das Berufsbild wird immer komplexer. Heizungs- und Sanitärinstallateur waren früher separate Berufe und bilden heute ein gemeinsames Berufsbild“, sagt Dirk Gläschig, der das Villinger Familienunternehmen in der dritten Generation führt. Kenntnisse in der Blechbearbeitung, aber auch zusätzliche elektrotechnische Grundkenntnisse seien erforderlich. „Die Ausbildung allein auf der Baustelle reicht heute nicht mehr aus“, sagt Gläschig. Es gebe zu viele Anforderungen an die Auszubildenden, die auf der Baustelle zu kurz kämen, und da müssten die Betriebe mehr tun. Der künftige Lehrplan bei Gläschig sieht vor, dass neben der schulischen die innerbetriebliche Ausbildung intensiviert wird. „Wir richten hierzu eine Ausbildungswerkstatt ein“, so Gläschig. Der Handwerksbetrieb bildet neben den Anlagenmechanikern auch Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik aus.

Azubi mit klaren Vorstellungen

Die Ausbildungswerkstatt wird im Bereich der Blechbearbeitungshalle eingerichtet, in der Jan Hauptvogel gerade eine CNC-gesteuerte Langabkantbankmaschine zur Blechbearbeitung programmiert. Hauptvogel ist im dritten Ausbildungsjahr zum Anlagenmechaniker und hat eine klare Vorstellung davon, wie es nach der Gesellenprüfung weitergeht. „Ich werde noch einige Zeit Erfahrung im elterlichen Betrieb sammeln und nach der Meisterprüfung das Unternehmen weiterführen“, sagt Hauptvogel.

Die Zukunftschancen für die Auszubildenden sind vielfältig mit sehr guten Verdienstmöglichkeiten. „Jeder spricht vom Klimawandel. Wir gestalten diesen mit jeder Anlage, die neu gebaut oder ersetzt wird, und sorgen so für weniger CO2-Ausstoß“, sagt Gläschig. „Darauf kann man stolz sein. Handwerk ist zwar auch körperliche Arbeit und manchmal anstrengend, aber lasst die Kinder schaffen, denn das ist gut für Körper und Geist und man sieht, was am Ende des Tages geleistet wurde“, appelliert er.

Elektro- und Metallberufe

  • Das Elektrohandwerk bietet fünf Fachrichtungen zum Elektroniker an: Energie- und Gebäudetechnik, Gebäudesystemintegration, Automatisierungs- und Systemtechnik, Maschinen und Antriebstechnik sowie Informationselektroniker. Die Ausbildung dauert jeweils dreieinhalb Jahre. Die 56 Mitgliedsbetriebe der Elektroinnung Schwarzwald-Baar konnten 2021 stolze 54 neue Ausbildungsverträge abschließen. Der Durchschnitt der vergangenen Jahre lag bei 32 neuen Auszubildenden. In Baden-Württemberg waren es zum Jahresende 2021 annähernd 5500 Auszubildende. Informationen zu den Fachrichtungen sowie Ausbildungs- und Praktikumsstellen im Internet: www.e-zubis.de
  • Die Ausbildung zum Anlagemechaniker Heizungs-, Sanitär- und Klimatechnik dauert ebenfalls dreieinhalb Jahre. Die schulische Ausbildung findet in der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen statt. Mindestens ein guter Hauptschulabschluss und gute Noten in Mathematik und Physik sind wichtig. 55 Handwerksbetriebe sind Mitglied in der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Schwarzwald-Baar. Infos im Internet: www.kh-schwarzwaldbaar.de (rod)

Sie installieren Zukunft

Kreis Konstanz – Es gibt sie noch, die Einzelkämpfer in der Metall- und Elektrobranche. „Das sind die Tüftler, die gerne für sich alleine arbeiten“, sagt Harald Liehner. Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft im Landkreis Konstanz kennt das gesamte Spektrum der Innungsbetriebe. 28 Unternehmen haben sich der Metall-Innung angeschlossen. In der Elektro-Innung sind 51 Betriebe organisiert. Doch im Kammerbezirk, der für die Landkreise Konstanz, Tuttlingen, Rottweil, Villingen-Schwenningen und Waldshut-Tiengen zuständig ist, gibt es weit mehr Ausbildungsbetriebe für die Metall- und Elektroberufe. Das Thema Ausbildung hat in allen Handwerksberufen enorm an Bedeutung gewonnen. Spannend daran ist die Vernetzung der verschiedenen Gewerke.

Die moderne Haustechnik, die neue Mobilität, die Anforderungen durch die Klimaziele machen das Handwerk interessant für Schulabsolventen. „Die Lehre gibt nicht nur Einblicke in moderne Technik“, sagt Harald Liehner. „Sie bietet auch die Grundlage für eine persönliche Weiterentwicklung bis hin zum Studium.“ Liehner weiß, wovon der spricht: Er selbst ist Kfz-Meister und schloss eine kaufmännische Lehre an, um schließlich eine Mercedes-Vertretung zu leiten. Doch damit nicht genug: Harald Liehner ist heute Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft und verantwortlich für die Schiedsstelle. In dieser Funktion sieht er, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. „Die meisten Reklamationen haben wir dort, wo es keine Meisterpflicht gibt“, sagt er als Mediator. Aber auch die Kundschaft sei anspruchsvoller geworden. Umso wichtiger ist, dass nicht nur der Meister sein Handwerk versteht, sondern auch die Gesellen.

Einer der beliebtesten Berufe in der Metall- und Elektrobranche ist der des Kraftfahrzeugmechatronikers. Alleine in dieser Innung sind rund 300 Betriebe des Kammerbezirks organisiert. „Das geht vom Ein-Mann-Betrieb bis zu großen Markenwerkstätten mit bis zu 60 Angestellten“, sagt Liehner. Innungsobermeister im Kfz-Handwerk im Kreis Konstanz ist Paulo Rodrigues, der mit Jürgen Ries die Bosch-Werkstatt in der Singener Südstadt leitet. Auf dem Hof stehen jede Menge Postautos von DHL mit Elektroantrieb. „Die E-Mobilität stellt ganz andere Anforderungen an die Branche als die bekannten Verbrennungsmotoren“, erklärt Rodrigues. „Für die neue Antriebstechnik braucht es eine Zusatzqualifikation.“ Manuel da Silva hört dem Meister aufmerksam zu. Er ist im zweiten Lehrjahr und findet vor allem den praktischen Teil spannend. Über ein Praktikum hat er sich für den Beruf des Kfz-Mechatronikers begeistert. Die Praxis ist es auch, die ihm besonderen Spaß macht. „Das ist viel besser als Schule“, sagt er.

Ohne Schule geht es aber nun mal nicht. Das Handwerk ist stolz auf seine duale Ausbildung, in der Theorie und Praxis miteinander verknüpft werden. Harald Liehner zückt die Unterlagen für die Prüfungen der Kfz-Lehrlinge. Die Fragen werden von den jeweiligen Innungen erarbeitet. „Im ersten, klassischen Teil geht es um Demontieren, Warten und Montieren von Kraftfahrzeugen“, erklärt Liehner. „Im zweiten Teil, der den Stoff ab dem dritten Lehrjahr abfragt, müssen die Prüflinge sich mit allen Fragen zum Messen und Prüfen bei Pkw, Nutzfahrzeugen und Motorradtechnik auseinandersetzen.“ Ab dem dritten Lehrjahr wird auch das Wissen für Elektrofahrzeuge vermittelt. „Wir müssen die Lehrpläne für das Berufsbild ändern“, sagt Liehner. „Das muss auf Landes- und Bundesebene geschehen. Und das dauert eben.“

Ansporn für jeden Tüftler

In der Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sind die Aufgaben bereits eng verknüpft. Hier werden Heizungen maßgeschneidert projektiert, Leitungen verlegt, Anschlüsse vorbereitet. Kommt Elektrizität ins Spiel, wie bei der Nutzung von Sonnenenergie mit Hilfe einer Photovoltaikanlage, muss der Elektriker ran. Der Klimawandel und die Folgen des Ukrainekrieges lösten eine enorme Nachfrage nach alternativen Energiequellen aus. Für Liehner ist das ein Paradebeispiel für gewerkübergreifende Handwerksleistung. „Solche Aufgaben sind knifflig und ein Ansporn für jeden Tüftler“, schwärmt er. „Hier ist Köpfchen gefragt. Die moderne Technik erleichtert die Arbeit mithilfe von kleinen Robotern.“ Wie interessant das Berufsspektrum im Handwerk sein kann, versuchen die Kammer und die Innungen mit Vorträgen in den Schulen zu vermitteln. Ein nicht zu unterschätzender Punkt sind dabei auch die relativ guten Verdienstmöglichkeiten. Von den Schulen wünschen sich die Fachleute noch mehr Zeitfenster für Praktika, damit sich die jungen Leute umfangreicher informieren können.

Echte Branchenvielfalt

Der Metall- und Elektro-Branche gehören viele verschiedene Gewerke an. Durch die wachsenden Anforderungen an die Haus- oder Fahrzeugtechnik werden auch die Aufgaben anspruchsvoller und spezieller. In der Branche sind unter anderem folgende Berufe vertreten: Kfz-Mechatroniker, Anlagenmechaniker (Sanitär-Heizung-Klimatechnik), Feinwerkmechaniker, Metallbauer, Goldschmied. Der Bereich Elektrizität gewinnt an Bedeutung durch E-Mobilität und moderne Heizungstechnik wie Photovoltaik oder Wärmepumpentechnik. Im Bezirk der Handwerkskammer Konstanz gibt es (Stand 2021) 769 Kfz-Betriebe, 686 Elektrotechnikbetriebe, 623 Installateure und Heizungsbauer und 265 Metallbauer. Im gesamten Kammerbezirk gibt es 12.913 Unternehmen und 4280 Auszubildende. (gtr)

Im Traumberuf

Kreis Konstanz – Eigentlich hatte Julia Pfingst ganz andere Pläne: Nach der Mittleren Reife besuchte sie das Berufskolleg an der kaufmännischen Wessenbergschule Konstanz, schloss eine Ausbildung zur Bankkauffrau ab und arbeitete ein halbes Jahr lang in diesem Beruf. „Dabei habe ich schnell gemerkt, dass mir diese Art der Arbeit zu eintönig ist“, sagt Julia Pfingst. „Deshalb habe ich mich für einen ganz anderen Beruf im Handwerk entschieden.“ Sie absolvierte bei der Firma Pfingst GmbH in Konstanz eine dreijährige Ausbildung zur Spenglerin. Das Unternehmen wird von ihrem Vater und dessen Bruder geführt. Sie könne sich vorstellen, den Betrieb irgendwann zu übernehmen.

Zur praktischen Ausbildung kam die Theorie. Julia Pfingst erklärt: „Die Berufsschule für alle künftigen Spengler in Baden-Württemberg ist in Ulm.“ Auf dem Plan stehen Dinge wie Mathematik, Deutsch, Geschichte und Zeichnen mit Bleistift und Zeichenbrett. „An einem Tag in der Woche hat man Werkstattunterricht. Da kommt alles dran, was man auch beim Arbeiten macht. Man baut ein Dachmodell oder übt Kaminverwahrungen (das ist der Übergang vom Kamin zum Dach; Anm.d.Red.) und löten.“ An ihre Berufsschulzeit denkt die junge Frau gerne zurück: „Wir haben im Brauer-Internat bei den Brauern und Mälzern gewohnt. Als einziges Mädel hatte ich Glück und bekam ein Einzelzimmer.“ Der jetzige Lehrling ihrer Firma habe sogar vier Mitschülerinnen an der Berufsschule.

In ihrem Berufsalltag erlebt Julia Pfingst nun viel Abwechslung. „Wir machen Gauben-Verkleidungen, Rinnen und Fallrohre, Metalldächer und -fassaden, Fensterbänke und Leibungen (Teile rechts und links eines Fensters) sowie Turmdächer. Das Gebäude der Handwerkskammer Konstanz wurde zum Beispiel 2019 saniert, das Turmdach haben wir neu angefertigt, das übrige Material wurde wiederverwendet.“

Noch in diesem Jahr beginnt sie den Meisterkurs bei der Bildungsakademie in Singen. Die Module eins und zwei bilden den praktischen Teil, bei dem die Teilnehmer ihr Meisterstück erstellen. Die Teile drei und vier sind der Theorie gewidmet. Für alle vier Module müssen die Teilnehmer insgesamt rund 8.300 Euro bezahlen. „Aber wenn man sich in der Ausbildung anstrengt, kann man ein Stipendium und Leistungen vom Staat erhalten“, verrät Julia Pfingst. Nicht ohne Stolz fügt sie hinzu: „Ich bin in meiner Ausbildung als einzige Frau unter 70 männlichen Kollegen Kammersiegerin geworden und habe die Möglichkeit, ein Stipendium zu erhalten.“ Als Ausbildungsbotschafterin erzählt sie auch an Schulen von ihrem Werdegang und wirbt fürs Handwerk.

Mädchen sind gesucht

Julia Pfingst ist begeistert von ihrem Beruf. Als Belohnung habe man oft tolle Aussichten und das Fitnessstudio sei inklusive. In ihrem Betrieb ist sie derzeit die einzige Frau, doch bald kommt eine Praktikantin. Julia Pfingst macht besonders Mädchen Mut, sich für das Berufsbild des Spenglers zu öffnen: „Motivation, Geschick und Schwindelfreiheit sind die Voraussetzungen. Es gibt keine gesetzliche Vorgabe, man kann auch ohne Hauptschulabschluss eine Ausbildung beginnen, wenn man ein gutes Praktikum macht und Talent zeigt. Dann entscheidet der Betrieb, ob es gemeinsam laufen kann.“