Mein letzter Geschichts- und Politiklehrer war lange vor den pazifistischen 1970er-Jahren, in denen er uns unterrichten musste, preußischer Offizier und Weltkriegsteilnehmer gewesen. Langhaarige Jungs mochte der demzufolge gar nicht: „Geh erst mal zum Friseur, bevor Du mit mir über Marx diskutieren willst“, lautete eine seiner weniger intelligenten Parolen.

„Lange Haare machen noch keinen Beethoven.“

Der Mann unterrichtete auch Musik und leitete das Schulorchester. Langhaarige Schüler, die in der Schulband das Schlagzeug oder die E-Gitarre droschen, beschied er: „Lange Haare machen noch keinen Beethoven.“

Tobias Engelsing ist Direktor der Städtischen Museen und als Publizist tätig.
Tobias Engelsing ist Direktor der Städtischen Museen und als Publizist tätig. | Bild: Südkurier

Annäherung an das Vokuhila-Gardemaß der 70er-Jahre

Auch wenn ich sein romantisches Preußentum ganz gern mochte und selbst nicht der Langhaar-, sondern eher der natürlich gelockte Wuschelkopf-Typ war, die Friseursprüche unseres „Herrn Major“ waren mir ein Greuel, sie klingen bis heute nach. Dieser Tage ganz besonders, denn ich würde gerne zum Friseur gehen!

Meine Hinterkopfmatte nähert sich dem Gardemaß der „Vokuhila“-Mode der späten 70er: vorne kurz, hinten lang. Zu lang. Was früher Protest gegen Wehrdienst und Spießertum war, hat Zweckmäßigkeitserwägung Platz gemacht: So eine wuchernde Mähne macht Arbeit, bis man sie in den Alltag hinaustragen kann.

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Weil ich es einfach nicht glauben wollte, dass selbst mein Friseur vom Schließungsbeschluss betroffen sein könnte, radelte ich dieser Tage am Hallenbad vorbei. Dort führt, in dritter Generation, der Figaro meines Vertrauens sein Geschäft. Oliver Dietrich und ich sind Gefährten aus fernen Konstanzer Volksschultagen. Das verbindet, ihm vertraue ich mein alterndes Haupt zur wohlwollenden Kürzung des Bewuchses seit Ewigkeiten an.

Die Furcht vor dem elektrischen Haarschneider

Doch auch seine Schaufenster bleiben dunkel. In der Not kommt man nun auf abwegige Gedanken: Ein anderer alter Kumpel aus den Tagen von Donat Heppelers Tanzschiff „Kempten“ hat mir über eine Arbeitskollegin einen elektrischen Haarschneider ausgeliehen, selbstverständlich komplett desinfiziert.

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Nun starren wir zu Hause das mattsilbern schimmernde Teufelsgerät an, das unter dem Diktat einer verabscheuungswürdigen Mode innert weniger Minuten aus netten jungen Leuten Aspiranten auf den Eintritt in Wehrmacht, Reichsarbeitsdienst und Waffen-SS macht.

Soll ich dieses Maschinengewehr der Friseurkunst wirklich einsetzen? Oder mit der Würde des Alters – zumindest von hinten – noch ein paar Wochen lang so aussehen wie zuletzt 1975? Corona stellt uns vor wirklich schwierige Entscheidungen.

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