Bei allen Menschen, die den Journalisten der Lokalredaktion Konstanz 2020 ihre Zeit und ihr Vertrauen geschenkt haben, möchten wir uns an dieser Stelle bedanken. Sie haben das Jahr mit Ihren Geschichten geprägt.

Januar

Der Witwer Hans Pannwitz

Bild: Schuler, Andreas

Anfang des Jahres 2020 wagt Hans Pannwitz den Schritt an die Öffentlichkeit. Der Konstanzer möchte die Gesellschaft für das Thema Depression sensibilisieren. Er selbst verlor seine Frau im Jahr 2015 an die heimtückische seelische Krankheit. Vier Kinder müssen ohne ihre Mama aufwachsen. Der Vater pflegt deshalb eine offene Kommunikationskultur in der Familie. „Es bringt ja nichts, irgendetwas zu verschweigen“, sagt er.

Genauso offen wie er innerhalb seiner Familie über Krankheit, Depression, Tod und Verlust spricht, geht Hans Pannwitz auch mit diesen Themen an die Öffentlichkeit. Sein erklärtes Ziel ist es, dass Depression nicht mehr tabuisiert wird. „Wenn wir nur einem Menschen damit helfen können, dass wir mit unserer Geschichte nach draußen gehen, dann wäre schon viel erreicht“, sagte der Konstanzer im Januar dem SÜDKURIER.

Februar

Der OB-Kandidat Luigi Pantisano

Bild: Hanser, Oliver

Im Februar startet der frühere Berchen-Quartiersmanager Luigi Pantisano seinen Wahlkampf für die Oberbürgermeisterwahl, die eigentlich Anfang Juli erfolgen sollte. Unterstützt wird der Kandidat, der sich besonders für die Themen Wohnen und Klimaschutz engagiert, von Grünen und Linken. Dann kommt Corona und bremst nicht nur den Wahlkampf aus – auch die OB-Wahl wird auf den Herbst verschoben.

Am Wahlsonntag, dem 27. September, erhält Luigi Pantisano 38,3 Prozent der Wählerstimmen und liegt damit drei Prozentpunkte vor Amtsinhaber Uli Burchardt. Da kein Kandidat mehr als die Hälfte der Stimmen auf sich vereinen kann, erfolgt die Neuwahl am 18. Oktober. Hier erreicht Pantisano sogar 45,1 Prozent. Doch noch mehr Wähler haben ihr Kreuz beim Konstanzer Oberbürgermeister gemacht. Es war ein spannender Wahlkampf.

März

Die getrennten Konstanzer und Kreuzlinger

Bild: Marinovic, Laura

Vor wenigen Wochen ist das Corona-Virus auch in Deutschland und der Schweiz nachgewiesen worden und die Infektionszahlen steigen. Vielerorts herrscht große Verunsicherung. Lange Zeit heißt es, dass die Grenzen offen bleiben. Dann kommt dieser sonnige Frühlingstag Mitte März – und plötzlich ist alles anders. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht auf Schweizer und deutscher Seite: Die Grenze ist geschlossen.

Viele hätten es nicht für möglich gehalten, dass jemals wieder ein Zaun entlang der Grenze die Städte Konstanz und Kreuzlingen teilen würde. Es beginnt eine Zeit des Wartens, Hoffens und Bangens für Familien, Paare und Freunde. In den folgenden Wochen wächst die Sehnsucht und immer mehr Menschen fordern die Öffnung der Grenze. Diese Zeit zeigt aber auch: In den Konstanzer Köpfen existiert diese Grenze nicht mehr.

April

Das Liebespaar Kati Sallai-Balog und Adrian Lottenbach

Bild: Schuler, Andreas

Niemals hätten Kati Sallai-Balog und Adrian Lottenbach mit diesem Trubel gerechnet. Als die Konstanzerin aus dem Vorort Litzelstetten mit dem SÜDKURIER-Reporter an der Grenze wartet und wartet, bis endlich ihr Lebenspartner aus dem schweizerischen Rorschacherberg auf der anderen Seite des Zauns erscheint, ahnt sie noch nicht, was in den kommenden Wochen auf sie zukommen wird. „Wir wollten eigentlich nur zeigen, dass diese Grenzschließung sinnlos ist“, sagt sie. „Als ob ein Virus sich dadurch stoppen lassen würde.“ Hätten sie einen Trauschein in der Tasche, dürften sie beliebig hin und her pendeln.

Kurz nach Erscheinen des SÜDKURIER-Artikels geht es los: Medien auf beiden Seiten der Grenze wollen das Paar interviewen oder ins Studio einladen. Jeder will die Frau vom Bodensee sprechen und sehen. Selbst amerikanische Zeitungen schreiben über sie. Dann kippt die Stimmung. Kati Sallai-Balog wird persönlich angegriffen und beleidigt. „Vielleicht war es ein Fehler, dass ich zugegeben hatte, dass wir uns über die Grenze geküsst haben. Aber ist das ein Verbrechen?“, sagt sie im Rückblick und fügt hinzu: „Irgendwann haben wir beschlossen, uns zurückzuziehen.“

Mai

Die Archäologin Fiona Vernon

Bild: Zoch, Thomas

Fiona Vernon räumt bei Allensbach, direkt neben der B33, mit einer kleinen Schaufel nach und nach Dreck und Sand weg. Bis die Archäologin auf das nächste verkohlte Knochenstück in den rötlichen oder schwarzen Erdschichten stößt. Das kommt dann zu den anderen Knochenfragmenten der Menschen, die hier bis ins 18. Jahrhundert hingerichtet und verscharrt oder verbrannt wurden. „Gut erhaltene Zähne sind mir unheimlich, wenn sie aus der Erde kommen“, gesteht die junge Archäologin.

„Wenn es um Hinrichtungsopfer geht, ist das was anderes, als wenn jemand normal gestorben und sorgfältig bestattet worden ist“, so die 26-Jährige. Mindestens bis zum Jahr 1770 wurden hier Menschen gehängt, geköpft, gerädert und verbrannt, die vom Hochgericht des Klosters Reichenau und später des Bischofs von Konstanz zum Tode verurteilt worden waren. Am Ende der Ausgrabungen ergeben die Funde eine Bilanz des Grauens.

Juni

Der Bauer Patrick Romer

Bild: Schuler, Andreas

Im Juni gibt Patrick Romer es bekannt: Er nimmt im Sommer 2020 bei der RTL-Show „Bauer sucht Frau“ teil und sucht nach der großen Liebe. Die Damenwelt ist entzückt und reißt sich förmlich um den Junggesellen aus Oberdorf. Laut Angaben des Privatsenders hat noch nie ein Kandidat der Kuppel-Show so viele Zuschriften von potentiellen Partnerinnen bekommen. Auch Romer selbst hat mit so viel Zuspruch nicht gerechnet.

Ab Herbst bis in die Adventszeit flimmern die Folgen mit Patrick Romer über den Bildschirm. Die Einschaltquoten schnellen nach oben, wenn der smarte junge Mann auf dem Bildschirm erscheint. Wochenlang weiß er nicht, für welche junge Dame er sich entscheiden soll – er nimmt drei potentielle Partnerinnen mit auf die Hofwoche nach Oberdorf. Vor der Kamera entscheidet er sich für die Münchnerin Julia. Doch Ende des Jahres präsentiert er dann eine andere Auserwählte...

Juli

Der Konstanzer Lukmann Lawall

Bild: privat

Seine Abschiebung nach Nigeria kurz vor Weihnachten 2019 ging querbeet durch alle Medien. Niemand wollte es wahrhaben, dass der bestens integrierte Lukmann Lawall zurück in seine Heimat Nigeria geschickt wurde – von dort war er aufgrund terroristischer Bedrohung nach Deutschland geflohen. Im Konzil arbeitete er schon seit Jahren und galt als zuverlässig, freundlich und zuvorkommend. Hunderte Konstanzer gingen auf die Straße und forderten die Politik zum Umdenken auf. Vergeblich.

Im Juli 2020 kontaktiert der SÜDKURIER den Mann in der Heimat, wo er bei seiner Schwester lebt. Nach eigenen Angaben hat er mehrere Kilo abgenommen. „Es ist schrecklich in Nigeria, nicht nur, weil wegen Corona eine Ausgangssperre herrscht.“ Nichts wünsche er sich mehr als eine Rückkehr nach Konstanz. „Hier ist mein Leben, hier sind meine Freunde, hier ist meine Arbeit.“ Die große Politik? Rührt sich nicht.

August

Die Covid-19-Patientin Sabine Bürk

Bild: Wagner, Claudia

Corona ist schon seit dem Frühjahr präsent. Doch viele Menschen können die Virus-Erkrankung nicht so richtig greifen. Im August 2020 geben wir der Krankheit ein Gesicht: das von Sabine Bürk. Ein Freund der Konstanzerin reist Anfang März nach Ischgl zum Skifahren. Dessen Tochter und Sabine Bürk rufen ihn zurück, als sie in den Nachrichten von den Corona-Ansteckungen in Ischgl erfahren. „Am Dienstag reiste er zurück, kam zu mir und verbrachte den Abend hier“, erinnert sich Sabine Bürk.

Zwei Tage später hat der Skifahrer Fieber, wird getestet, auch Bürk soll als Kontaktperson in Quarantäne. Weitere zwei Tage später hat sie Halskratzen, Halsschmerzen, Gliederschmerzen. Ein Arzt, den sie aufsucht, sagt ihr, sie könne sich den Test sparen, ihre Symptome seien eindeutig. Ende April hat sie die Krankheit glücklicherweise überstanden. Doch die Spätfolgen sind geblieben, weshalb sie ihre Konstanzer Mitbürger mit ihrer Geschichte aufrütteln möchte.

September

Die Mutter Ina Gandor

Bild: Stegmann, Eva Marie

Es ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann: Das eigene Kind stirbt. Dieser Albtraum wird im September 2020 für Ina Gandor wahr. Ihre Tochter verunglückt bei einem Unfall auf dem Bodanrück tödlich. Patti war Leistungssportlerin, erst Werfen, dann Speer, Kugelstoßen, Diskus. Ihr Ziel waren die Olympischen Spiele. „Das Werfen hat sie von mir“, sagt Ina Gandor und lächelt in der Erinnerung an ihre Tochter. Doch die Medaillen, die die Mutter um das Holzkreuz am Grab ihrer Tochter gehängt hat, verschwinden. Jemand hat sie von dort weggenommen.

Passiert sein muss es am Freitag, den 18. September. Am Morgen, so hat es der Totengräber gesagt, waren die Trophäen noch da. Am Nachmittag, als Ina Gandor wie jeden Tag Pattis Grab besuchen wollte, nicht mehr. Auf Facebook schreibt sie daraufhin: „Ich will sie wieder zurück!!!“ Einige Tage später, auf dem Hauptfriedhof, fragt sie: „Wer macht sowas?“ Die Medaillen seien komplett wertlos, materiell. Ihr aber bedeuten sie alles. Bis heute sind sie nicht wieder aufgetaucht. Was bleibt, ist die Frage: Wer tut das einer trauernden Familie an?

Oktober

Der Oberbürgermeister Uli Burchardt

Bild: Ondreka, Lukas

Die Zeit des Wahlkampfs 2020 ist hart, anstrengend, ermüdend. Nichts Ungewöhnliches, wenn eine Oberbürgermeister-Wahl ansteht. Aus einem Fünfkampf wird nach und nach ein Zweikampf zwischen Amtsinhaber und Herausforderer Luigi Pantisano. CDU gegen Linkspartei, etabliert gegen frischen Wind. Am Ende setzt sich die Erfahrung von Uli Burchardt durch.

Aber Uli Burchardt bemerkt, dass es Zeit für Veränderungen ist. Er verspricht, in Zukunft viele Dinge anders machen zu wollen – und er hält nach der Wiederwahl seinem nachweislich kompetenten und beliebten Herausforderer symbolisch die Hand entgegen: „Ob ich mir eine Zusammenarbeit mit Luigi Pantisano bei der Stadt vorstellen kann? Warum nicht!?“ Eher ungewöhnlich für das Ende eines langen Wahlkampfs.

November

Der Gelehrte Stefan Postius

Bild: Schuler, Andreas

Stefan Postius meldet sich im Herbst schriftlich bei der Redaktion des SÜDKURIER und gibt seine Einschätzung zur Corona-Entwicklung ab. Beim Lesen der Zeilen wird schnell klar: Der Mann weiß, wovon der spricht. Er wünscht nur Kontakt übers Smartphone, etwas anderes kommt für ihn aufgrund der Infektionsgefahr nicht infrage. Der studierte Biologe, Wissenschaftler und Pharmakologe bringt sein Unverständnis gegenüber Corona-Leugnern und Querdenkern klar zum Ausdruck.

„Sie dürfen ja andere Meinungen haben. Wir leben ja in einer Demokratie, auch wenn sie das abstreiten“, sagt er. „Doch wenn sie andere Menschen in Gefahr bringen, weil sie keine Masken tragen und keinen Mindestabstand halten wollen, dann ist das unbegreiflich und verwerflich.“ Das Wissen über die Gefahr und die Verbreitung des Virus sei ja vorhanden, „man muss es nur abrufen“. Wer trotzdem die Existenz leugne oder die Gefahr herunterspiele, „der entscheidet sich dazu wider besseren Wissens“.

Dezember

Der Geflüchtete Harrison Chukwu

Bild: Schuler, Andreas

In Märchen endet die Geschichte meist mit einem Happy End. Ende gut, alles gut. Diese Floskel trifft voraussichtlich auch auf die Geschichte des Harrison Chukwu zu. Der heute 30-Jährige wurde in seiner Heimat Nigeria laut eigener Aussage Zeuge der Ermordung seines Bruders und seines Arbeitgebers, weshalb er 2010 schwer traumatisiert nach Europa flüchtete. Hier erhoffte er sich ein neues, friedliches und sicheres Leben. Der Asylantrag wird 2011 jedoch abgelehnt. Diverse Härte-, Duldungs- oder Eilanträge im Laufe der Jahre ebenfalls.

Dennoch wird Konstanz in dieser Zeit zu Harrison Chukwus Heimat. Aber aufgrund eines Formalfehlers soll er zum 30. November Deutschland endgültig verlassen. Doch dann, Anfang Dezember, die wundersame Wende: Die Abschiebung wird bis 31. Dezember aufgeschoben. Mehr noch: Nach SÜDKURIER-Informationen steht anschließend eine Aufenthaltsgenehmigung mit Arbeitserlaubnis über 18 Monate zur Debatte. Danach würde die Integration des Nigerianers beurteilt und weiter entschieden.