Ihr Name soll auf ein Schild. Die Frau heißt Lotte Simon-Eckener, lebt von 1906 bis 1995 und damit in einer Zeit, in der sich der größte Teil des weiblichen Rollenverständnisses in den drei „Ks“ erschöpft: Kinder, Küche, Kirche.

Lotte Simon-Eckener passt nicht in dieses Bild. Sie ist Fotografin, Buchautorin, Verlegerin – vor allem aber nimmt sie starken Einfluss auf das kulturelle Leben der Stadt Konstanz nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu dieser Überzeugung jedenfalls sind Dorothea Cremer-Schacht und Siegmund Kopitzki gekommen, die deshalb bei der Stadtverwaltung die Benennung einer Straße nach Lotte Simon-Eckener beantragen.

„Stille Vorbereiterin des Wandels“

„Lotte Simon-Eckener ist eine von den vielen Frauen, deren Lebenswerk schnell in Vergessenheit zu geraten droht“, schreiben die beiden Antragsteller in ihrer Funktion als Sprecher des Forums Allmende für Literatur. Frauen hätten insbesondere in der Zwischen- und Nachkriegszeit Außergewöhnliches geleistet, um sich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen.

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Um das zu verdeutlichen, erlauben sich Dorothea Cremer-Schacht und Siegmund Kopitzki einen kleinen Seitenhieb auf aktuelle Entwicklungen: „Gerade in der heutigen Zeit, in der der Ruf nach Gleichheit oft schrill und reißerisch daherkommt, ist es wichtig, dass die vielen stillen Vorbereiter eines gesellschaftlichen Wandels nicht in Vergessenheit geraten.“

Was die Vorbereitung für die angestrebte Ehrung von Lotte Simon-Eckener anbelangt, so haben sich die Antragsteller ihrerseits schwer ins Zeug gelegt. Sie haben ein Buch über Lotte Eckener verfasst, das in einer von Stadtarchivar Jürgen Klöckler herausgegebenen Schriftenreihe als 22. Band erschienen ist. Parallel zu der Publikation wurde eine Ausstellung im Hesse-Museum in Gaienhofen organisiert, die bedingt durch Corona zurzeit nicht zu sehen ist.

Der Übervater: Vorteil oder Ballast?

Wer aber genau soll da dem Furor des Vergessens entrissen werden? Lotte Simon-Eckener entstammt einer hoch angesehenen Familie, was für ihre Rolle als Frau in einer Männergesellschaft zu gleichen Teilen als Vorteil und Ballast betrachtet werden kann.

Dem als Annäherung zu verstehenden Buch ist zu entnehmen, dass Lotte Simon-Eckener vor allem im Schatten ihres Vaters Hugo Eckener steht, dem – in der Nachfolge des Grafen Zeppelin – der Nimbus eines Columbus der Lüfte anhängt und der in der Politik für eine kurze Phase als Alternative zum Reichspräsidenten Paul von Hindenburg gehandelt wird.

Klar, wer hier in der Mitte steht: Der Übervater Hugo Eckener mit Tochter Lotte (links) und Ehefrau Johanna.
Klar, wer hier in der Mitte steht: Der Übervater Hugo Eckener mit Tochter Lotte (links) und Ehefrau Johanna. | Bild: Uwe Eckener

Ob die Tochter nun will oder nicht: Zeitlebens fährt sie irgendwie stets auf dem Ticket des Übervaters, was auf Seite 32 des Buchs ebenso exemplarisch wie treffend durch die Wiedergabe einer Sonderseite der „Berliner Illustrierten“ im Jahr 1931 zum Ausdruck kommt. Die Zeitung porträtiert die Töchter berühmter Väter, und Lotte Eckener ist dabei neben den Töchtern von Enrico Caruso, Thomas Mann, Benito Mussolini, Fjodorf I. Schaljapin und Arturo Toscanini zu sehen.

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Zu dieser Zeit hat Lotte Simon-Eckener bereits erreicht, was für viele Frauen unvorstellbar ist – man bedenke beispielsweise, dass das Frauenwahlrecht in Deutschland erst ab 1919 gilt. Sie aber ist als Fotografin tätig, wozu sie sich von 1924 bis 1926 in München ausbilden lässt, führt fürderhin ein kosmopolitisches Leben, hält sich nur noch gelegentlich in ihrer Geburtsstadt Friedrichshafen auf, es zieht sie ins Berlin der 20er Jahre, sie schreibt Bücher und mit dem Vater reist sie nach New York.

Der Vater ist es auch, durch den sie im Berchtesgardener Land Zeugin einer Begegnung von Hugo Eckener mit Adolf Hitler im Sommer 1933 wird. Dazu gibt es folgende Notiz von Lotte Simon-Eckener: „Meine Mutter und ich konnten durch Fensterglas und Gardine beobachten, wie sich die Beiden völlig beziehungslos gegenüber standen. Standen, denn Hitler hatte meinen Vater nicht zum Sitzen aufgefordert, und der Tisch, der zwischen ihnen stand, war wie eine Kluft, über die sich keiner dem andern auch nur um Haaresbreite nähern konnte. So trennten sie sich wieder nach kurzer Zeit.“

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Es sind die Jahre, in denen ein anderer Mann im Leben von Lotte Simon-Eckener wichtig wird: Sie heiratet Paul Simon, einen Zahnarzt, mit dem sie 1936 nach Konstanz zieht, wo sie bis zu ihrem Lebensende bleibt. Ihre Rolle in der Familie und im Netzwerk von in die innere Emigration verbannten Künstlern während dieser Zeit fängt eine Passage des Buches auf, in der die Entstehung einer von Otto Dix angefertigten Lithografie von Hugo Eckener geschildert wird. Ohne Lotte Simon-Eckener wäre es vermutlich zu keiner Begegnung gekommen.

Es sind die Beziehungsgeflechte und Kontakte, von denen nach dem Krieg ein entscheidender Impuls für einen wagemutigen Schritt der Lotte Simon-Eckener ausgehen dürfte. Zusammen mit Marlis Schoeller gründet sie den Schoeller Kunstverlag Kattenhorn, und nach dem Tod der Mitbegründerin führt Lotte Simon-Eckener mit Martha Koch das Unternehmen in Form eines neuen Verlags unter dem Namen „Simon & Koch“ weiter.

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„Es war der erste nach der Stunde Null von Frauen gegründete und geführte Buchverlag im Westen Deutschlands“, schreiben dazu Dorothea Cremer-Schacht und Siegmund Kopitzki. Nach ihren Recherchen sind bis zur Auflösung des Verlags im Jahr 1967 etwa 30 Bücher erschienen, überwiegend Kunstbände und allein fünf davon stammen demnach von Lotte Simon-Eckener.

Forum Allmende stößt überfällige Diskussion an

Es ist zweifelhaft, ob sich Lotte Simon-Eckener (oder auch eine ihrer Weggefährtinnen) der Pionierleistung für die Gleichstellung von Mann und Frau bewusst ist – die Lektüre des zu ihrem Leben und Werk erschienenen Kompendiums gibt dazu keine handfesten Belege. Was aus einem Beitrag von Manfred Bosch aber deutlich hervorgeht, ist der über die Region hinausreichende Einfluss auf Kulturleben und Verlagswesen in Konstanz und Umgebung.

Im Umfeld von Lotte Simon-Eckener tauchen dabei viele bekannte Namen auf – die Maler der Höri, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer oder der Verleger und SÜDKURIER-Gründer Johannes Weyl. Sie sind verewigt in Büchern, Werken, auf Schildern. Warum nicht Lotte Simon-Eckener? Das Forum Allmende für Literatur stößt mit seinem Antrag auf eine nach ihr benannten Straße eine überfällige Diskussion an.

Dorothea Cremer-Schacht / Siegmund Kopitzki (Herausgeber): Lotte Eckener – Tochter, Fotografin und Verlegerin; UVK Verlag, München; 232 Seiten
Dorothea Cremer-Schacht / Siegmund Kopitzki (Herausgeber): Lotte Eckener – Tochter, Fotografin und Verlegerin; UVK Verlag, München; 232 Seiten | Bild: Hoffmann, Florian