Er hat vor neun Jahren den begehrten Förderpreis für junge Künstler der Stadt Konstanz bekommen. Im Konstanzer Gewölbekeller hat er seine Arbeiten bereits ausgestellt. Seine Installation im Kunstmuseum Singen war weitum beachtet. In Radolfzell-Stahringen hat er den alten Bahnhof zu seiner künstlerischen Heimat gemacht. Doch angekommen, sagt Florian Schwarz, ist er noch nicht vollständig.

„Es geht mir um den Menschen“

Obwohl er längst zu den einflussreichen Fotokünstlern seiner Generation zählt, ist er sich noch nicht einmal sicher, ob die Fotografie für immer sein hauptsächliches Ausdrucksmittel sein wird. So ist es wohl, wenn jemand mehr Reiz an Fragen findet als an vermeintlich gewissen Antworten. Und so kommt es dann auch, dass Florian Schwarz so spannende Kunst macht.

Beeindruckende Bilder: Florian Schwarz zeigte in Konstanz Porträts von Menschen, die in der Corona-Pandemie Großes leisten.
Beeindruckende Bilder: Florian Schwarz zeigte in Konstanz Porträts von Menschen, die in der Corona-Pandemie Großes leisten. | Bild: Florian Schwarz

In Konstanz erinnern sich noch viele an seine großen Plakate aus der ersten Corona-Zeit. Florian Schwarz hatte Menschen fotografiert, die in der Pandemiezeit für uns da waren. In Krankenhäusern, Supermärkten, Pflegeheimen oder bei den Rettungsdiensten. Die Porträts entstanden direkt nach der Schicht, noch in Arbeitskleidung. Oft mit müdem Gesicht, aber voller Würde. An der Grenze zwischen Arbeit und Erholung loteten Florian Schwarz‘ Bilder auch diese Zwischenwelt aus.

Grenzen und das Dazwischen, das sind dann auch zwei Konzepte, die Florian Schwarz immer wieder beschäftigen. Seit Jahren fotografiert er Menschen, die unterwegs sind. Als Flüchtende oder als Arbeitssuchende zum Beispiel. In der Konstanzer Ausstellung, die ab Freitag in der Leica Galerie zu sehen ist, stehen zwei Teile seines gerade entstehenden Zyklus‘ im Mittelpunkt.

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„Nicht Anfang und nicht Ende“ heißt das Projekt, und die beiden ersten Episoden widmen sich Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen unterwegs sind – auf der einen Seite osteuropäische Wanderarbeiter auf dem Weg nach Baden-Württemberg und auf der anderen Seite ein ehemaliger Transsahara-Lastwagenfahrer, der als eine Art Aussteiger in einer Höhle auf Kreta gelandet ist.

Woher kommt dieses Interesse, dieser Wunsch, mit Kunst etwas zu erkennen (und erkennen zu geben)? „Es geht mir um den Menschen“, sagt Florian Schwarz, er will wissen, „was der Mensch sei“. Das klingt nach einem sehr großen und tiefen Streben nach Erkenntnis; Florian Schwarz ist nicht nur ein ernsthafter, sondern auch ein ernster Künstler.

„Das sind sehr fragile Momente“

An der Fotografie interessiert ihn nicht die Technik, sondern „die Zerbrechlichkeit des Mediums“. Aber war nicht die Verheißung der Fotografie, dass sie den flüchtigen Augenblick einfangen kann? Florian Schwarz sieht es anders: „Was ich mache, entsteht zum Beispiel in einer sechzigstel Sekunde, das sind sehr fragile Momente.“

Das Ergebnis dieser Arbeit sind Bilder, die tatsächlich oft fragil wirken. Wohin tendiert der Gesichtsausdruck der Menschen, die er fotografiert? Ist die Person, die er in Rumänien beim Hüten der Tiere fotografiert, noch ein großer Junge oder schon ein junger Mann?

Hirte (Orezu, Rumänien), 2019
Hirte (Orezu, Rumänien), 2019 | Bild: Florian Schwarz

Beginnt er gerade etwas oder schließt er gerade etwas ab? Strahlen seine anderen Porträtierten Ruhe oder Unruhe, Vertrauen oder Scheu aus? Das sind so einige der Fragen, die Florian Schwarz stellt, und die Betrachter seiner Bilder können sich kaum entziehen.

„Meine Bilder sind Gefährten“

Auch auf den Künstler selbst üben die Bilder eine starke Kraft aus, wie Florian Schwarz selbst sagt. Seine Fotos, sagt er, muss er oft erst einmal ein wenig ruhen lassen. Erst dann werden sie im Stahringer Bahnhof, der somit mehr Werkstatt als Studio ist, aufwendig bearbeitet. Steht eine Ausstellung an, überlässt der Künstler nichts dem Zufall (oder seinen Kooperationspartnern in Museen oder Galerien).

So sind es mehr Installationen, geschaffen für einen bestimmten Raum, als Bildersammlungen, die er seinen Zuschauern anbietet. Im Kunstmuseum Singen kombinierte er Porträts mit Bildern aus und von Sternwarten, die er im Rahmen eines ungewöhnlichen Stipendiums machte.

smoking study #07
smoking study #07 | Bild: Florian Schwarz

Und so schließt sich der Kreis. Zur Suche nach dem richtigen Medium – für Schwarz ist es derzeit die Fotografie, „denn ich fühle mich nie so frei, wie wenn ich fotografiere – kommt die Suche nach der geeigneten Art der Präsentation. Von vielen Bildern stellt Florian Schwarz in seiner Werkstatt kleine Auflagen von seine Foto-Zyklen her.

Eine große Rolle spielen für ihn Künstlerbücher. Wie eine Ausstellung, lassen auch sie die verschiedenen Bilder miteinander sprechen, spannen einen größeren Rahmen auf und setzten so das einzelne Porträt in Wert und würdigen so auch die Porträtierten.

Carina, by the sea, 2020
Carina, by the sea, 2020 | Bild: Florian Schwarz

All das spricht auch aus den Texten, die für Florian Schwarz integraler Bestandteil seiner Arbeit sind und ein zweites großes Talent dieses Künstlers aufscheinen lassen. In seinen Worten steckt schon für sich eine oft poetische Kraft, die doch immer genügend Sicherheitsabstand zum Kitsch hält. All das lässt sich am besten erfahren, wenn Florian Schwarz selbst spricht.

Am 6. und 7. Mai soll es so weit sein, wenn die Leica Galerie Konstanz in Kooperation mit Schwarz‘ eigentlicher Heimat, der Galerie Vayhinger in Singen, die Vernissage nachholt. Dann wird Florian Schwarz selbst erläutern, warum er Fragen lieber mag als Antworten und das Unterwegssein dem Ankommen vorzieht.

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