Dass Sina Oberle offen über die Pille, Libidoverlust und Menstruationsbeschwerden redet, liegt daran, dass diese Themen zu ihrem Beruf gehören. Seit mehr als vier Jahren coacht die 31-Jährige Frauen online in Workshops oder in Einzelgesprächen. Immer geht es dabei um Frauenfragen, die sie auch am eigenen Leib erfahren hat: Was macht die Pille mit mir? Und was passiert, wenn ich sie wieder absetze?

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Oberle hat, wie viel andere Frauen wohl auch, mit 14 begonnen, die Pille zu nehmen. „Der Frauenarzt hat sie verschrieben, ich hab sie genommen“, erzählt sie. Als sie diese dann mit 26 Jahren wieder absetzte, ging es los: Unreine Haut, extreme Stimmungsschwanken und Haarausfall traten auf, ein bis dahin kaum gekanntes Lustempfinden überforderte sie, und auch ihre Beziehung.

Mit einem Mal stellte sie sich der Frage: Wer bin ich eigentlich? „Ich wollte mit dem Leben, in dem ich drinsteckte, überhaupt nichts mehr zu tun haben.“ Es beschäftigte sie aber auch eine zweite Frage: „Wie hätte ich mich entwickelt, wenn ich die Pille nicht genommen hätte?“

Die Gründerinnen programmierten selbst

Sina Oberle kündigte ihren Job, machte sich selbstständig. Genau wie ihre Mitstreiterin Judith Islitzer, die ähnliche Erfahrungen hat. 2019 gründeten sie gemeinsam die Firma „paopao essentials“. Das erste Wort stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet „eins mit der Natur sein“. Zugute kam den beiden Frauen dabei, dass sie beide Informatik studiert hatten.

„Wir nutzen ein Online-System, aber alles andere konnten wir selbst programmieren“, sagt Oberle. Mit dem Startkapital aus einem Crowdfunding, bei dem sich Privatleute finanziell an der Firma beteiligen können, brachten sie ihre erste Produktlinie heraus: „Post Pill“- Öle und Cremes für Frauen, die die Hormonpille nicht weiter nehmen wollen.

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„Plötzlich wird die so lange unterdrückte Periode wieder zugelassen“, sagt Islitzer. Sie weiß, wovon sie spricht, genau wie Oberle, bei der die Periode erst einmal anderthalb Jahre lang ausblieb, nachdem sie die Pille abgesetzt hatte. Für viele der dadurch auftretenden Probleme hat paopao nun ein Mittel parat: Etwas zur Hautpflege auf Aloevera-Basis und mit Hamamelis („Zaubernuss“).

Es gibt aber auch den sogenannten Stimmungsmacher mit Muskateller-Salbei, Lavendel und Ur-Zitrone. Der helfe gegen Stimmungsschwankungen. Oder den Massage-Öl-Roller „Periodenzeit“, der mit der Pflanze Ylang Ylang gegen Menstruationsschmerzen hilft. All das ist in einem Online-Shop erhältlich, der seit September 2019 geschaltet ist.

Social Media hilft bei der Kundengewinnung

Inzwischen haben ihre Kanäle in den sozialen Netzwerken 12.000 Follower, 10.000 Kundinnen haben bei ihnen nach ihrer Aussage eingekauft. Oberle habe mehrere hundert Frauen beraten, sie hat außerdem drei Bücher geschrieben, während Islitzer sich zur Yogalehrerin und Aromatherapeutin fortgebildet hat.

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Mit ihren Produkten und dem Thema haben sie wohl einen Nerv getroffen. „Wie oft höre ich den Satz: Oh, du sprichst mir aus der Seele!“, sagt Islitzer. Noch immer muss Oberle feststellen, dass viele Frauen ihre Körperthemen mit Tabus belegen: „dass die Periode etwas Schmutziges und Ekliges ist, über das Frau am besten nicht spricht!“

Dabei sei es so wichtig, den eigenen Zyklus kennenzulernen und auf ihn zu hören. „Präsentationen und Gehaltsverhandlungen lassen sich zum Beispiel besser um den Eisprung herum führen als während der Periode“, raten die Expertinnen. Das Wissen über all das werde an Mädchen nicht mehr vermittelt, ein Aufklärungsunterricht in den Schulen hat vermeintlich diese Aufgabe übernommen.

Produktpalette soll immer weiter wachsen

„In anderen Kulturen nehmen die Oma und die Mutter das Mädchen, wenn es in das Alter kommt, zur Seite, um sie einzuweihen.“ In unserer Kultur sei nur zurückgeblieben, dass die Mädchen früh lernen, einem Medikament, der Pille, mehr zu trauen als ihren eigenen Körpersymptomen.

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Die Startup-Gründerinnen sind nun knapp über 30, beide Mutter von einem Kleinkind. Deshalb wollen sie als Nächstes eine Produktreihe für Mütter entwickeln. Schwanger werden, Wochenbett und all das Wichtige drumherum. Sie wollen die Linien quasi parallel zu ihren Lebensläufen mitwachsen lassen.

Irgendwann wird wohl auch etwas für Mädchen in der Pubertät folgen. Man wünscht ihnen, dass sie schon bald eines erreichen: Dass viele junge Frauen ganz selbstverständlich über die Pille und ihre Periode reden, mit Kenntnis über sich und ihren Körper. Und ganz ohne Scham und Scheu.