Frau Schauer, was glauben Sie: Werden wir mehr Corona-Babys haben oder mehr Corona-Scheidungen?

Ich glaube nicht, dass es mehr Geburten geben wird. Wir erleben eine globale Krise mit Zukunftsängsten, da sind Menschen sehr viel vorsichtiger. Zumindest diejenigen, die Zugang zu Wissen, Bildung und Verhütungsmitteln haben. Ich gehe davon aus, dass wir mehr Trennungen erleben werden. Die Menschen machen in den eigenen vier Wänden allerlei Krisen durch. Das kann zu irreparablen Konflikten führen.

Wochenlang sitzen wir in den eigenen vier Wänden aufeinander. Wie kann man Konflikte verhindern?

Soziale Dichte, wenn Menschen lange eng aufeinander sitzen, kann zu steigenden Aggressionen führen. Das ist bei Tieren nicht anders. Wichtig sind Rücksichtnahme und Räume, in die man sich alleine zurückziehen kann. Fatal ist soziale Kontrolle, wenn das Handy des Partners durchgeschaut wird oder wenn es einen Kommentar gibt, weil man sich diese oder jene Soap anschaut. Dies ist keine Phase für Erziehungsmaßnahmen oder Strafen. Sprechen sie lieber an, worüber Sie froh sind, fragen Sie, wie es ihm oder ihr geht, und vergessen Sie nicht körperliche Betätigung, vor allem für Kinder.

Was für eine Rolle spielt eine Struktur des Tages?

Der wichtigsten Faktoren sind Kontrolle und Vorhersagbarkeit. Was geschieht? Was muss ich tun? Welchen Spielraum habe ich? Wie lange dauert das alles? Die Aufregung führt zu pausenlosem Konsum von Schreckensnachrichten, die uns hilflos und traurig machen. Irrationale Ängste steigen an. Da wird es dann schwer, sich aufzurappeln. Struktur und feste Zeiten sind hilfreich. Es ist bewiesen, dass viele in ein Depressionsloch fallen, wenn das soziale Miteinander und die Rolle, die man im Leben spielt, wegfallen – noch dazu für unbestimmte Zeit. Nehmen sie sich konkrete Aufgaben vor: Nach dem Aufstehen Wäsche aufhängen, dann frühstücken, anschließend eine begrenzte Zeit Nachrichten verfolgen, dann am Computer arbeiten, Essen zubereiten und so weiter. Pflegen Sie am Telefon und über Skype soziale Kontakte.

Bild: Maggie Schauer

Wer ist jetzt am meisten gefährdet?

Vorbelastete Menschen. Bei Großereignissen wie jetzt gibt es mehr psychiatrische, vor allem posttraumatische Symptome. Besonders gefährdet sind aber Menschen, die schon andere Traumata erlebt haben, etwa in der Kindheit. Weiterhin Menschen, die mit wenig sozialer Unterstützung leben müssen und in schlechten sozioökonomischen Verhältnissen – und wenn es dann noch zu sexueller und körperlicher Gewalt kommt... Positiv ist eines: Wir sind aufgerufen, freiwillig in Quarantäne zu gehen, der Staat zwingt uns nicht dazu. Wir wissen, dass wir uns selbst schützen, wenn wir drinnen bleiben. Unter Zwang ändert sich diese Wahrnehmung. Ein Beispiel: In Kanada wurden 2003 bei der SARS-Pandemie Menschen weggesperrt, damit sie anderen nicht gefährlich werden. Die durchschnittliche Quarantäne damals betrug gerade Mal zehn Tage – und trotzdem gab es schwerwiegende Folgen für die Psyche.

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Wie können wir Müßiggang verhindern?

Müßiggang ist doch in Ordnung. In so einer Ausnahmesituation müssen wir nicht perfekt funktionieren. Zunächst einmal fühlt es sich ja auch wie Urlaub oder Ferien an. Gleichzeitig liegt Bedrohung in der Luft. Wird es mich erwischen? Wenn ja, wie schwer und wann? Und alle Menschen, die mir etwas bedeuten – was wird aus ihnen? Vielleicht eine Zeit, das eigene Leben einmal vom Ende her zu denken.

Befürchten Sie einen Anstieg von häuslicher Gewalt?

Ja, den beobachten wir ja jetzt schon. Das tagelange in den Wohnungen sitzen, die fehlende Intimität, keine soziale Kontrolle von außen und Drogenkonsum, auch aus Frust, da steigt der Druck, die Hemmschwellen sinken. Heimliche Hilferufe über digitale Medien zeugen etwa davon. In Dänemark kommen immer mehr Frauen in Frauenhäuser, weil sie vor ihren Männern fliehen. Sexuelle Übergriffe nehmen laut Studien in solchen Situationen bis zu 37 Prozent zu. Wir reden bei langfristigen Folgen immer nur von Arbeitsstellen. Doch wir müssen auch die Folgen für die Psyche berücksichtigen. Dadurch entstehen immense Kosten, die von der Gesellschaft getragen werden.

Bild: Felix Kästle

In Italien werden Ärzte angehalten, erst jüngere, dann ältere Menschen zu behandeln. Was hat das für Auswirkungen auf die Psyche?

Ich habe Familie und Kollegen in Italien. Es ist erschreckend, was mir da berichtet wird. Keiner wagt sich mehr raus. Erwachsene Kinder können ihren Eltern und Großeltern nicht mehr helfen, da sie sie nicht mehr besuchen dürfen. Hochbetagte müssen übers Telefon lernen, Partner oder Mitbewohner zu versorgen, etwa die Insulinspritze zu setzen oder Demente zu pflegen. Wer keine schriftliche Erlaubnis und Begründung für eine Fahrt hat, und so auf der Straße erwischt wird, wird von der Polizei aufgegriffen. Auch das Triage-Modell aus den Kriegen wird angewendet, also Patienten mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit und solche, mit mehr voraussichtlicher Lebenszeit, werden bevorzugt. Militärisch betrachtet war die Triage vielleicht sinnvoll. Doch dieses Modell findet immer mehr Eingang in die Notfall- und Katastrophenmedizin.

Was für eine fürchterliche Vorstellung...

Gesellschaftlich ist eine solche Selektion eine einzige Katastrophe, die traumatische Folgen haben wird, weil wir uns ausrechnen können, wie unsere Chancen stehen, im Ernstfall bestmöglich behandelt zu werden. Gerade anhaltende Angst und Bedrohungsgefühle erhöhen aber Psychopathologie. Eine ältere Frau sagte zu mir: ‚Die Einschläge kommen immer näher!‘ Es schmilzt auf die Formel zusammen: keine lebensrettenden Ressourcen mehr an Alte zu ‚vergeuden‘ zugunsten der Jüngeren. Psychologen und Psychiater berichten von desaströsen Zuständen in italienischen Kliniken. Die Menschen sind ohnmächtig und verzweifelt, schon jetzt nimmt die Suizidalität massiv zu.

Was macht die Situation mit uns?

Je weniger Sinneserfahrungen wir machen können, desto schwieriger wird es. Am schlimmsten ist Isolationshaft, wie wir von Folteropfern in unserer Ambulanz wissen. Zufügung von Gewalt traumatisiert, aber auch Entzug von sozialen Kontakten und Anregung sind Höchststrafen. Im Kopf entstehen dann Ersatzwelten, die uns in den Wahnsinn treiben können. Manche der Häftlinge beginnen zu fantasieren, wenn sie längere Zeit in Dunkelheit und ohne Ansprache bleiben. Natürlich ist die Quarantäne damit nicht vergleichbar. Einsamkeitsforscher sagen aber, dass man allein in der eigenen Wohnung sehr schnell lärmempfindlicher und gereizter wird.

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Sollen wir also öfter mal rausgehen?

Ja, gehen Sie einmal am Tag spazieren. Wir können beobachten, dass Menschen draußen Augenkontakt meiden. Sich freundlich ansehen und anlächeln kommt einer Annäherung gleich, die derzeit nicht erwünscht ist. Wir möchten den anderen in Ruhe lassen und seine Kontaktängste respektieren. Außerdem wissen wir nicht, wer ansteckend ist. Sehen Sie ihre Mitmenschen ruhig an und schenken Sie ihnen einen Gruß und ein Lächeln. Sonst verbauen wir uns selbst etwas Aufmunterung und sozialen Trost.

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Was passiert, wenn wir wieder unbeschränkt raus dürfen? Eine Explosion der Freude oder eine Art Schwermut?

Vorhersagen deuten darauf hin, dass der aktuelle Zustand lange dauern wird. Wissenschaftler gehen von mindestens zwölf Monaten aus. Das ist alles ein unheimliches Experiment für die kollektive und einzelne Psyche. Je länger die Ausgangssperre und die Angst vor Ansteckung dauernd wird, desto schleichender wird die Öffnung zur Normalität. Auch wenn die Politik das erlaubt, können wir womöglich nicht glauben, dass es vorbei sein soll.

Befürchten Sie Unruhen?

Vertrauen in die Entscheidungsträger und eine transparente Kommunikation durch seriöse Medien wie Tageszeitungen sind zentral. Explosive News sind Gift. Amerikaner fangen an, sich zu bewaffnen, um sich und ihre Ressourcen zu verteidigen. Doch es kann nur gemeinsam gehen – vielleicht ist diese Einsicht ein positiver Effekt der Krise. Ein Land ‚first‘ ist obsolet geworden.

Bietet die Krise auch Chancen?

Ich gehe davon aus, dass jeder jemanden kennen wird, der gestorben ist. Wir sehen jetzt schon, was an Trauerarbeit, Leid und Aufarbeitung auf uns zukommen wird. Es wird Wut und Verzweiflung geben. Viele Menschen aber sind sehr engagiert, den Stopp des Hamsterrades als Chance zu nutzen, eine Vision zu entwickeln für ein besseres Miteinander. Was wir beim Thema Klimaveränderung begonnen haben zu verstehen, wird stärker evident: dass egoistische Lebensführung, Ressourcenverschwendung, Ungleichheit und grausame Ausbeutung von Mensch und Tier für uns negativ sind. Schon jetzt sehen wir besser, was wirklich zählt im Leben – so viele Shopping-, Styling- und Foodartikel, die wir gar nicht brauchen. Wir beginnen uns mit existentiellen Fragen zu beschäftigen, wie alle, die Trauma erlebt haben. Der Wert sozialer Bindungen, Bildung für alle und ökologisches Denken rücken in den Vordergrund. Es gibt einen großen Wunsch nach Veränderung. Das Leben ist kurz. Wir können Gesundheit und Zufriedenheit nicht kaufen.

Fragen: Andreas Schuler

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