Es hätte ein Festjahr mit Strahlkraft nach außen geben können. So hatte sich Dekanin Hiltrud Schneider-Cimbal das Jubiläum zum 200-jährigen Bestehen der Luthergemeinde in Konstanz gedacht. Übrig blieb lediglich ein Festgottesdienst unter Corona-Bedingungen mit einer kleinen Auswahl an Gläubigen in der Lutherkirche. Immerhin kam der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh, um mitzufeiern.

In der über 500-jährigen Geschichte der Reformation gab es in Konstanz immer wieder Ansätze zur Bildung einer eigenen Gemeinde. Sicher kein leichtes Unterfangen, denn Konstanz war seit dem 6. Jahrhundert bis 1821 Bistumssitz.

Protestanten wurden unterdrückt oder vertrieben

Mit dem Konzil von 1414 bis 1418 war es für einige Jahre sogar das Zentrum der römisch-katholischen Welt. Trotzdem gab es hier später auch Protestanten. Ihre Zahl blieb aber klein. Nicht selten wurden sie unterdrückt oder gar aus der Stadt vertrieben.

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Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich einiges in der Kirchenwelt. Da war zum einen die durch Napoleon Bonaparte vorangetriebene Säkularisation. Zum anderen löste Papst Pius VII. (1742 bis 1823) im Jahr 1821 das Bistum Konstanz auf und verteilte die Zuständigkeiten neu.

Wünsche und Herausforderungen

Heinrich von Wessenberg als Vorkämpfer

Vorausgegangen waren jahrelange Streitigkeiten mit Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774 bis 1860), den der Papst nicht als Verwalter der Diözese anerkannte. Wie auf der Homepage der Erzdiözese Freiburg zu lesen ist, förderte Wessenberg „den Ausgleich zwischen den Konfessionen und kann so als Vorkämpfer der Ökumene gesehen werden – kein Wunder, dass er ähnlich unabhängigen und weltoffenen Protestanten wie Johann Peter Hebel (1760 bis 1826) freundschaftlich verbunden war“.

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Der Umschwung kam 1819, als Großherzog Ludwig I. von Baden (1763 bis 1830) eine Garnison in der Stadt begründete. „Das war der große Schrittmacher“, sagt Pfarrer Gerd Stauch nachdrücklich. Da das Haus Baden lutherisch war, kamen zwangsläufig viele gleichgesinnte Soldaten und Beamte in die Stadt.

Anfangs etwa 300 Gläubige

Die Garnison erhielt 1820 einen Pfarrer. Johann Julius Ferdinand Partenheimer wurde zudem der erste Gemeindepfarrer. In der Gemeinde kamen etwa 300 bis 400 Neubürger zusammen, wie Stauch berichtet. Die Zahl der Gläubigen wuchs schnell auf 600 an.

Christoph Storers Altarbild „Fischfang Petri“ entstand im 17. Jahrhundert und hing in der ehemaligen Kapuzinerkirche, die anfangs die evangelische Luthergemeinde beherbergte. Bild: Nikolaj Schutzbach
Christoph Storers Altarbild „Fischfang Petri“ entstand im 17. Jahrhundert und hing in der ehemaligen Kapuzinerkirche, die anfangs die evangelische Luthergemeinde beherbergte. Bild: Nikolaj Schutzbach | Bild: Nikolaj Schutzbach

Partenheimer übernahm am 27. Juli 1820 die Betreuung der Zivil- und Militärgemeinde. Die Gemeindegründung wurde am 10. Dezember 1820 gefeiert. Nachzulesen ist das im Buch „Evangelische Kirche in Konstanz 1518–1970“, das J. F. Mono anlässlich der 150-Jahr-Feier der Evangelischen Kirchengemeinde Konstanz veröffentlicht hat.

Protestanten sind immer noch eine Minderheit

„Die evangelische Kirche stand schon immer im Wettbewerb mit anderen christlichen Religionsgemeinschaften in Konstanz“, erklärt Stauch. „Um 1870 war die Stadt eine Hochburg der Altkatholiken“, ergänzt der Pfarrer. Die Christuskirche Sankt Konrad – gelegen zwischen Konzilstraße und Münsterplatz – zeugt noch heute davon.

Dekanin Schneider-Cimbal empfindet Konstanz als „sehr katholisch geprägt“. Der Anteil der Protestanten in der Stadt und im gesamten Kirchenbezirk liege bei etwa 20 Prozent Bevölkerungsanteil. Die Reformation habe „null Spuren hinterlassen. Wenn hier von Kirche die Rede ist, dann ist die katholische gemeint.“