Bedrückt wirken sie alle, die Dirigenten und Vorstände der Konstanzer Musikvereine. Die Corona-Pandemie hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Wir durften gar nichts“, stellt Marcel Kraus, Vorsitzender des Musikvereins Eintracht Petershausen, lakonisch fest. „Wir duften nicht einmal unser Vereinsheim betreten.“

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Erst seit dem 2. Mai ist dies den Musikvereinen unter starken Einschränkungen wieder gestattet. „Wir mussten alles desinfizieren und organisieren, wie wir die Hygienevorschriften umsetzen können“, so Kraus. „Für das Wasser aus den Instrumenten brauchen wir einen extra mit Folie ausgekleideten Behälter, den wir dann entsprechend entsorgen müssen“, gibt er ein Beispiel.

Querflöten sind „am gefährlichsten“

Und auch, wenn die Probelokale mittlerweile wieder betreten werden dürfen, ist die Freude seitens der Musikerinnen und Musiker verhalten. Kein Konstanzer Verein wird eine Gesamtprobe abhalten können, da die Räumlichkeiten zu klein sind.

Schließlich müssen die Aktiven ebenfalls 1,50 Meter Abstand halten. „Bei Querflöten sogar zwei Meter, weil das Instrument, wie in einer Forschungsarbeit festgestellt wurde, am gefährlichsten ist“, so Marcel Kraus.

Proben fallen aus

„Aufgrund des Betretungsverbots konnten die Aktiven nicht einmal für sich üben“, spricht Quirin Kissmehl, Dirigent des Musikvereins Wollmatingen, ein weiteres Problem an. Auch er nicht, denn er spielt Waldhorn und die Nachbarn wären nur mäßig begeistert, wenn er zuhause üben würde.

So gehe es vielen Musikerinnen und Musikern, sodass knapp drei Monate lang die Instrumente ungenutzt herumstanden. Immerhin seien jetzt Einzelunterricht und kleine Ensembleproben wieder möglich, sagen Kraus und Kissmehl mit gewisser Erleichterung.

Doch das hilft den Vereinen nicht wirklich, denn an Gesamtproben ist nicht zu denken. „Unser Proberaum im alten Wollmatinger Rathaus ist um das Dreifache zu klein“, berichtet Quirin Kissmehl. „Wir könnten maximal mit 18 Leuten proben.“ Die Stammkapelle des Musikvereins Wollmatingen aber hat 106 Aktive, die Jugendkapelle 40. Dem Musikverein Allmannsdorf und der Eintracht Petershausen geht es in dieser Hinsicht auch keinen Deut besser.

Narren und Musiker halten zusammen

Der Musikverein Wollmatingen hat zumindest ein kleines bisschen Glück. „Der Narrenverein Mühlenweg 18 Efeu hat uns seine große Wiese zu Verfügung gestellt. Ein tolles Entgegenkommen“, erzählt Quirin Kissmehl. „Mittlerweile können wir zu zehnt proben. Wenn wir mehr sein dürfen, nutzen wird das schamlos aus“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Die Wollmatinger Musiker lassen auch keine Chancen ungenutzt. „Seit Mitte März sind wir bei schönem Wetter jedes Wochenende unterwegs“, so Kissmehl. Kleinstformationen geben seither unter Einhaltung sämtlicher Corona-Auflagen kleine Freiluftständchen vor Altersheimen.

Seit Mitte März bringt der Musikverein Wollmatingen in Kleinsformationen unter Einhaltung der entsprechenden Regeln Senioren ein Ständchen, wie hier (von links) Dirigent Quirin Kissmehl, Marco Hotz, Melanie Riedmann, Markus Fischer und Florian Kunemann. Dass das Gesamtorchester in diesem Jahr auftreten kann, daran glaubt der Dirigent nicht.
Seit Mitte März bringt der Musikverein Wollmatingen in Kleinsformationen unter Einhaltung der entsprechenden Regeln Senioren ein Ständchen, wie hier (von links) Dirigent Quirin Kissmehl, Marco Hotz, Melanie Riedmann, Markus Fischer und Florian Kunemann. Dass das Gesamtorchester in diesem Jahr auftreten kann, daran glaubt der Dirigent nicht. | Bild: Scherrer, Aurelia

„Ohne Proben keine Auftritte“, stellt Tobias Scherer, Dirigent des Musikvereins Eintracht Petershausen, fest. Wann wieder Gesamtproben und Auftritte möglich sein werden, das steht in den Sternen. „Ich glaube nicht, dass in diesem Jahr noch eine Gesamtprobe möglich sein wird“, meint Quirin Kissmehl. „Wir sind die Allerletzten, die dürfen, wegen der Aerosole. Leider sind wir keine Bundesliga – die Lobby haben wir nicht.“ Diesen Aussagen pflichten Marcel Kraus und Tobias Scherer uneingeschränkt zu.

„Kultur hat nicht die Lobby wie der Sport, obwohl rund 1,7 Millionen Menschen in Deutschland in der Kulturbranche tätig sind“, sagt auch Tobias Scherer. „Ich bin froh, dass das Konstanzer Stadttheater das Sommertheater auf dem Münsterplatz macht, denn es hilft, dass die Kulturlandschaft erhalten bleibt.“ Kultur in ihrer Vielfalt werde immer unterschätzt.

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„Wir Musikvereine bringen Menschen zusammen, die sich sonst nicht treffen würden, denn Musik bewegt. Und wir fördern nicht nur mit unserer Jugendarbeit Sozialkompetenzen“, so Scherer. „In dieser Zeit merkt man, was es bedeutet, wenn Vereins- und Kulturleben wegfallen. Ich hoffe, dass dadurch das Bewusstsein für den gesellschaftlichen Wert gestärkt wird“, meint Simone Strauf, Vorsitzende des Musikvereins Allmannsdorf.

„Wenn man die Liste der aufgrund Corona abgesagten Konzerte ansieht, dann bekommt man Tränen in die Augen“, sagt Tobias Scherer. Den Musikerinnen und Musikern blute das Herz, denn zum einen musizieren sie gerne gemeinsam, zum anderen wollen sie mit den Auftritten den Zuhörern Freude schenken.

Überleben die Vereine ohne Einnahmen?

Die Vereins-Vorstände sehen aber auch die verlorenen Einnahmen, denn nicht die Mitgliedsbeiträge, sondern die Honorare für Auftritte und die Mitwirkung an Festen sind die Haupteinnahmequellen. „Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Jahr nicht einen Euro einnehmen werden“, sagt Marcel Kraus.

Das prognostiziert Quirin Kissmehl auch für den Musikverein Wollmatingen und Simone Strauf sagt für den Musikverein Allmannsdorf: „Wir werden mit einem Defizit rauskommen.“

Wie wollen die Vereine ohne Geld überleben? „Das weiß ich auch noch nicht“, sagt Marcel Kraus, zumal allen Vereinen eine Perspektive fehlt. Keiner weiß, wann weitere Lockerungen zu erwarten sein könnten, geschweige denn, ob auch das Jahr 2021 normal oder nur unter Einschränkungen verlaufen wird.

Das Vereinsleben sieht derzeit anders aus

Aktuell sind alle Vorstände damit beschäftigt, ihre Vereine zusammenzuhalten. Der Musikverein Wollmatingen hat frühzeitig den Sprung in den virtuellen Unterricht gemeistert. Der Musikverein Eintracht Peterhausen hat zu Beginn der Pandemie zur eigentlichen Probenzeit zum Online-Chat eingeladen.

„Das Angebot wird extrem gut angekommen. Man merkt, dass die Mitglieder nicht nur das Musizieren, sondern vor allem die Gemeinschaft vermissen“, berichtet Marcel Kraus. Er wünscht sich sehnlichst, dass „wir bald zu einem Vereinsleben zurückkommen“, wenngleich er weiß, dass die Auflagen sein müssen.

Was dem Verein aber gut getan habe, war das Videoprojekt. 23 Musikerinnen und Musiker haben sich zuhause selbst aufgenommen und Thorsten Saile hat die Einzelvideos mit den entsprechenden Tonspuren zu einem einzigen Video zusammengefügt.

„Es hört sich richtig gut an. Wir sind stolz darauf“, stellt Tobias Scherer fest. Der Musikverein Wollmatingen versucht, durch die Ensemble-Auftritte die Gemeinschaft zu befördern und der Musikverein Allmannsdorf arbeitet an seinem Beitrag zum bundesweiten Projekt „BeethovenAnders“.

Die Corona-Krisenzeit haben die Verantwortlichen für die konzeptionelle Arbeit genutzt. „Wir hoffen, dass wir es noch realisieren können“, meint Simone Strauf. Der Verein will die neun Sinfonien Beethovens in den Fokus rücken.

Simone Strauf, Vorsitzende des Musikvereins Allmannsdorf, und Dirigent Klaus Sell, hoffen, dass der Verein in diesem Jahr zumindest das Beethoven-Projekt realisieren kann.
Simone Strauf, Vorsitzende des Musikvereins Allmannsdorf, und Dirigent Klaus Sell, hoffen, dass der Verein in diesem Jahr zumindest das Beethoven-Projekt realisieren kann. | Bild: Scherrer, Aurelia

„Jeder haben wir ein Thema zugeordnet, das eine Verbindung zum Werk und zu seinem Leben herstellt“, so Simone Strauf, wie beispielsweise Mut/Vision, Kampf, Helden, Liebe, Schicksal, Natur, Bewegung, Rhythmus und natürlich Freude.

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Wie die Themen umgesetzt werden, das ist ganz der Phantasie der Teilnehmer überlassen. Simone Strauf denkt an Tanz, musikalische Aktionen und Interviews an unterschiedlichsten Orten in Konstanz. Sie ist aber optimistisch, dass das Projekt durchgeführt werden kann, denn geplant sind Einzelvideos, die letztlich zu einem Film zusammengeschnitten werden.