Oberbürgermeister Uli Burchardt wurde von der Nachricht am Morgen selbst überrascht. Sein erster Gedanke? „Das glaube ich nicht!“ Die Stadt würde eine korrekte, angemeldete Demonstration genehmigen, betonte er. Die Versammlungsfreiheit sei ein hohes Gut – man dürfe auch hier sagen, dass man mit den Corona-Maßnahmen nicht einverstanden ist. „Aber man muss sich natürlich an gewisse Regeln halten, zurzeit eben besonders an die Pandemie-Bestimmungen“, so Burchardt im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

Zudem erklärte der Konstanzer Oberbürgermeister: „Wir in Konstanz haben eine ganz breite Zustimmung in der Mitte der Gesellschaft, die im Großen und Ganzen mit den Corona-Maßnahmen einverstanden war und ist.“

Uli Burchardt, Konstanzer Oberbürgermeister.
Uli Burchardt, Konstanzer Oberbürgermeister. | Bild: Lukas Ondreka

Bis zu sechs Veranstaltungen mit mehreren tausend Menschen sollen nach derzeitigem Stand am 3. Oktober in Konstanz stattfinden. Darunter sowohl konkrete Gegenveranstaltungen als auch unabhängige Events. Burchardt äußerte Zweifel, ob überhaupt noch genug Platz für die Querdenker ist. Er meinte: „Die Wahrscheinlichkeit also, dass so eine Veranstaltung physisch noch in die Stadt Konstanz hineinpasst, die ist nach meinem Dafürhalten gering.“

Gegendemonstrationen sind bereits geplant

Einer derjenigen, der eine Demonstration angemeldet hat, ist der Konstanzer SPD-Stadtrat Jan Welsch. Unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ soll „klar Kante“ gezeigt werden „für Freiheit, Solidarität, Rechtsstaat und Demokratie“.

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Welsch hatte sich überlegt zu demonstrieren, noch bevor er wusste, dass die Querdenker anreisen wollen. Die Bilder aus Berlin vom Wochenende hatten ihn entsetzt, er wollte ein Zeichen setzen. Nun ist seine Kundgebung womöglich eine von mehreren Hindernissen für die Gruppierung.

Querdenken-Initiator: „So kann es nicht weitergehen“

Führender Kopf der Querdenken-Initiative in Konstanz ist Gerry Mayr. „Im April haben wir klein angefangen mit fünf Frauen, die das Grundgesetz auf der Marktstätte verteilt haben“, sagte der Unternehmer und Abenteurer, der die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen anzweifelt. Seit April hat die Gruppierung Querdenken 753 etliche Male im Stadtgarten demonstriert.

Der Konstanzer wollte mit Politik eigentlich nie zu tun haben. Er ist aber auch ein Mensch, der schlecht stillhalten kann. Der Extremsportler und Abenteurer betreibt einen Motorradladen im Konstanzer Industriegebiet. Als der Lockdown im März abrupt die Reisefreiheit und wirtschaftliche Tätigkeit einschränkte, reagierte er mit Verwunderung.

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In den Folgemonaten wurde er zu einem ausgesprochenen Kritiker der Corona-Maßnahmen der Regierung. „Ich habe so viele Beschimpfungen erlebt, dass ich mir sicher bin: so kann es nicht weitergehen. Wir müssen friedlicher miteinander reden“, sagt Mayr. Symbolisch für „Frieden und Meinungsfreiheit“, mitten in Europa, plant er am 3. Oktober mit seinen Mitstreitern eine Menschenkette, die von Vaduz in Liechtenstein über das österreichische Bregenz durch die Schweiz nach Konstanz reichen soll.

20.000 Demo-Teilnehmer auf Klein Venedig?

Am liebsten wäre ihm die Haupt-Kundgebung an der Kunstgrenze zwischen Kreuzlingen und Konstanz. „Das Areal Klein Venedig ist alternativlos“, sagte Mayr auf Nachfrage. Nirgends sonst gebe es genügend Platz für eine Kundgebung, bei der man Abstand halten könne. Mayr rechnet mit bis zu 20.000 Teilnehmern aus ganz Deutschland. Angemeldet hat das Orga-Team die Demo noch nicht, doch Mayr hofft auf eine Genehmigung. Als Veranstalter sei er bereit, auf die Einhaltung von Hygieneregeln zu achten.

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Eine Unterwanderung durch rechte Gruppierungen fürchtet er weniger. Aus mehreren Querdenken-Initiativen habe er ein Deeskalationsteam gebildet. Es sei dafür zuständig, die Demo zu beobachten. Rechte Umtriebe würden sofort an die Polizei gemeldet. Gut geschulten Ordnern könne man zutrauen, die Lage im Griff zu haben. „Ich glaube nicht, dass viele Rechte nach Konstanz kommen“, so Mayr.

Stuttgarter Stadtrat und Landtagsabgeordnete äußern sich

Neben Amtsinhaber Burchardt (“Die Wahrscheinlichkeit, dass so eine Veranstaltung physisch noch in die Stadt hineinpasst, ist nach meinem Dafürhalten gering.“) äußerte sich auch OB-Kandidat Luigi Pantisano zu der geplanten Demo. „Die Bedingungen für eine Genehmigung müssten folgende sein: Begrenzung der Teilnehmerzahl, da Konstanz nur begrenzt freie Flächen hat. Verpflichtender Mund-Nasen-Schutz“, schrieb er in einer Pressemitteilung.

Luigi Pantisano, Stuttgarter Stadtrat und OB-Kandidat für Konstanz.
Luigi Pantisano, Stuttgarter Stadtrat und OB-Kandidat für Konstanz. | Bild: Oliver Hanser

Gleichzeitig begrüße er mit Blick auf die Vorkommnisse von Berlin weitere Demonstrationen, die deutlich machten, dass in Konstanz kein Platz für Menschenfeinde und Rassisten sei. „Selbstverständlich müssten diese denselben Auflagen unterliegen.“

Die Landtagsabgeordnete Nese Erikli (Grüne) fürchtet, dass der Ruf der Stadt und der Region leiden könnte, wenn sie als Bühne für Verschwörungstheoretiker missbraucht würden. Auch die reale Infektionsgefahr sei nicht zu unterschätzen, wenn Tausende Menschen gleichzeitig nach Konstanz anreisten.

Nese Erikli, Landtagsabgeordnete Die Grünen.
Nese Erikli, Landtagsabgeordnete Die Grünen. | Bild: Lena Lux

In den sozialen Netzwerken verbreitete sich die Nachricht, dass Querdenken 711 in Konstanz eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen plant, wie ein Lauffeuer. Auf dem SÜDKURIER-Kanal „Konstanzer Seegeflüster“ auf Facebook brachten zahlreiche Nutzer ihren Unmut über die geplante Demo zum Ausdruck.

In den sozialen Netzwerken regt sich Protest

Die Mehrheit der Kommentatoren appellierte an mögliche Demonstranten, nicht am 3. Oktober nach Konstanz zu kommen. Unter anderem schrieben sie auf der Facebook-Seite der Konstanzer Lokalredaktion: „Bleibt bitte einfach weg aus Konstanz.“

Einige Nutzer richteten sich direkt an die Stadt Konstanz – mit der Bitte, die Demonstration zu verhindern. Daraufhin mahnten andere Kommentatoren, dass diese Bitte nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Zudem gab es Ankündigungen, Gegendemonstration organisieren zu wollen.

Unterdessen sendeten einige Menschen aus Berlin, wo am vergangenen Wochenende etwa 40.000 Menschen dem Ruf von Querdenken 711 gefolgt waren, via Twitter mahnende Worte in Richtung Konstanz. Ein Nutzer empfahl sogar die Stadt zu evakuieren. Ein anderer schrieb auf Twitter: „Habt ihr auch alle Mitleid mit Konstanz?“

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