Karin Göttlichs Kursteilnehmer loben die vielfältige Gestaltung der Kurse: „Sie hat tolle Ideen und nie das Gleiche gemacht“, sagt etwa Antje Vogel, die 20 Jahre lang unter Karin Göttlich trainierte. Jetzt zieht sich Karin Göttlich als Übungsleiterin zurück.

Wobei Bernhard Balschbach vom TVK durchaus Hoffnung hat, die 77-Jährige für Notfälle weiter rekrutieren zu können. Karin Göttlich, so berichtet er, gehöre zu denen, die immer kämen, wenn der Verein Unterstützung benötige, etwa bei Sportfesten oder dem Altstadtlauf. Einmal habe die Bäckerstochter im Alleingang 50 Kuchen gefertigt. Warum? Weil sie gebraucht wurden.

Seit insgesamt 70 Jahren beim TVK

Mit sieben Jahren war Karin Göttlich zum Turnverein Konstanz gekommen. Sie habe sich gern bewegt, und der Verein habe schon damals Angebote gehabt, die für Normalbürger bezahlbar waren. Als sie ein kleines Mädchen war, sahen die Turnstunden anders aus als heute, erinnert sich Göttlich.

80 Kinder tummelten sich in der Schottenhalle an der Laube, die das ganze Jahr über unbeheizt gewesen sei. Als sie zu den etwas Älteren gehörte, sei sie schnell als Riegenführerin eingesetzt worden, also zur Aufsicht und Anleitung für die Kleinen. Wenn sie diese Zeit hinzurechne, komme sie auf fast 50 Jahre im Trainingseinsatz für den TVK.

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Immer am Sonntag von 9 bis 12 Uhr habe sie sich selbst beim Geräteturnen austoben können. Das habe ihr „unzählbare blaue Flecken“ eingebracht. „Es hat Spaß gemacht – trotz allem.“ Erfolgreiche Wettkampfturnerinnen des Vereins, wie Hannelore Noll, seien damals ihre Vorbilder gewesen.

Sie selbst habe sich allerdings nie für den Turner-Wettbewerb erwärmen können. Sie habe sich einfach nur gern am Stufenbarren und anderen Geräten bewegt. Zeitweise zeigte die Turnerin auch beim Schwimmverein Sparta ihr Können. „Wir haben da Kunstspringen gemacht. Von der Körperhaltung und dem Körpergefühl hat es gepasst.“

„Es muss auch mal ein Ende haben“

Die große Zeit als Trainerin begann für Karin Göttlich, als sie schon Familie hatte und gelernte Buchhalterin war. Sie absolvierte Ausbildungen für Freizeitsport und Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen, die sie alle paar Jahre durch Auffrischungskurse erneuern musste. Sie habe viele Wochenenden und Ferientage in der Sportschule Steinbach bei Baden-Baden verbracht. Ihre Lizenzen hätte sie noch bis nächstes Jahr, doch sie sei zu dem Schluss gekommen: „Es muss auch mal ein Ende haben.“

Sie widme sich jetzt gern auch anderen Dingen, etwa ihren Bilderbüchern, in denen sie Kindern Prozesse in der Natur nahe bringen will. In einem der Hefte geht es um einen Wurm. Ihre Enkelin habe protestiert, und gesagt, sie könne doch nichts über so einen Erdling machen, sagt Karin Göttlich. Doch sie wolle zeigen, dass das unscheinbare Tier ein echtes Kraftpaket ist. Karin Göttlich tüftelt und zeichnet an den Geschichten, kopiert diese auf dicke Seiten und heftet sie dann zum Büchle zusammen. Sie verteilt die Heftchen bei Umwelt-Aktionen.

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„Es war anstrengend, aber sie hat das supergut gemacht“, sagt eine Hannelore, die fünf Jahre bei Karin Göttlich im Training war. „Sie war eine äußerst beliebte Übungsleiterin“, stellt Bernhard Balschbach für den Turnverein fest. „Wir sind alle traurig“, berichtet Antje Vogel. Sie spricht für diejenigen, die über viele Jahre bei Karin Göttlich im Training waren. Die heute 77-Jährige hatte Gruppen mit Kindern, Eltern, Senioren, Kindeskindern.

Immer wieder gelang es der Übungsleiterin, auch Hochbetagte in den Kursen zu halten, Menschen im Alter von über 90 Jahren. Die Übungen gestaltete sie gern mit Musik, immer passend zum Alter der Teilnehmer. Bei Senioren setzte sie beispielsweise den Schneewalzer ein, um zu Achterbewegungen mit dem Ball zu animieren, bei anderen Gruppen auch mal Powerpop. Karin Göttlich weiß nach Jahrzehnten: „Je älter die Leute, desto besser der Rhythmus.“ Eine Erklärung hat sie dafür nicht.

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Karin Göttlich berichtet, die Leitung der Kurse habe ihr Spaß gemacht – auch wenn sie sich immer über die kleine Fläche für die Gymnastik in der Schänzlehalle ärgerte. Sie zeigt auf die Fläche, und fordert dazu auf, sich dort das Mutter-Kind-Turnen vorzustellen. 10 bis 15 Kinder mit ihren Eltern. Ein Kind, das einfach mal ein bisschen rennen wolle, könne das dort aus Platzgründen nicht.

Karin Göttlich zeigt sich enttäuscht: „Die vielen tausend Menschen, die sich ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden zuliebe im Breitensport bewegen, und um ihre Gesunderhaltung bemüht sind, haben bessere Stätten und mehr Wertschätzung verdient.“

Sorge um die Zukunft des Sports in Konstanz

Über die Erweiterung der Schänzlehalle wird schon seit vielen Jahren diskutiert. Rainer Neff, der Vorsitzende des TVK, hofft auf den Spatenstich im nächsten Jahr. Er bekräftigt: Konstanz brauche Hallen, die nicht an den Schulbetrieb gebunden sind. Nur so könne ein Verein das ganze Jahr über Angebote machen, auch in Krisenlagen wie durch Corona. Der Sport erlebe derzeit noch immer Einschränkungen, weil wegen der Pandemie Hallenplätze als Ausweichräume genutzt werden. Denn vielfach könnten Schüler nur dort genügend Abstand halten.

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Als eine der schönsten Turnhallen von Konstanz ist Karin Göttlich die Schottenhalle in Erinnerung. Sie sagt, es gebe sie noch. Es handle sich um die historische Holzhalle, die auf dem Sportgelände der Universität Konstanz wieder aufgebaut wurde. Es war die Halle, in der Göttlich als Siebenjährige verzaubert wurde von der Welt der Turner.

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