10:50 Uhr: An diesem Tag ist überall Karfreitag. Still und kühl ist es in der St. Gebhardskirche in Petershausen. In den vorderen Kirchenbänken knien ein Mann und eine Frau, betend. Sie halten Abstand.

Stilles Gebet in der Kirche

Der Mann steht auf, zündet ein Opferlicht an, die Frau legt ihre Halskette wieder an, an ihr baumelt ein Kreuz. Der Mann und die Frau verlassen die Kirche gemeinsam, sie sind ein Paar. Einen Augenblick lang verfängt sich das Sonnenlicht in den roten Mosaikstücken an der Kirchenwand, die Jesu Wunden zeigen.

In der Gebhardskirche kann man gesegnete Palmzweige mitnehmen.
In der Gebhardskirche kann man gesegnete Palmzweige mitnehmen. | Bild: Wagner, Claudia

Leere Kirche, helles Sonnenlicht

An diesem Karfreitag ist es in den Kirchen stiller als sonst, es wird keine Andacht geben. Nicht an Karfreitag, keine Messe an Ostersonntag. Überall ist Karfreitag, nicht nur in den leeren Reihen der Kirchenbänken. Das warme Sonnenlicht gaukelt Ausflugsfreude vor.

11:25 Uhr, Insel Reichenau: Das Schild spricht eine deutliche Sprache: Bis auf Weiteres gesperrt: Campingplatz Sandseele, Hochwart, Schiffslände, Strandbad, Yachthafen, weitere Uferbereiche.

Barbara Paul ist mit ihren Kindern auf einer Wiese unterwegs. „Seit gestern ist es ein anderes Gefühl“, sagt sie. Sie stammt aus einer Familie von Kirchenmusikern. Dass Ostern still stattfinden wird, ohne Chöre, sei für sie befremdlich. „Das berührt mich. Dass man das Spirituelle im Moment nicht leben kann“.

12:20 Uhr, Campingplatz Sandseele: Ein Paar kehrt vom Spaziergang zurück. Dass der Uferbereich abgesperrt ist, finden beide richtig. Zu viele Touristen hätten sich dort aufgehalten. Zitiert werden wollen sie nicht. Ein Auto mit Tuttlinger Kennzeichen nähert sich, bremst, fährt zaghaft weiter.

Zufahrt zum Campingplatz Sandseele: gesperrt.
Zufahrt zum Campingplatz Sandseele: gesperrt. | Bild: Wagner, Claudia

12:25 Uhr, Niederzell: „Ich finde es gesponnen“, sagt Manfred Krämer unverblümt. Er will später in die Reben, auf der Hochwart wachsen seine Trauben. „Dort sehe ich oft die Leute den Sonnenuntergang ansehen. Die meisten halten sich an die Regeln. Irgendwohin müssen sie ja. Ich will nicht, dass die Insel ungastlich wird.“

Dass zu viele Touristen kommen könnten, glaubt er nicht. Die Vinothek, die der Winzerverein betreibt, dürfe geöffnet bleiben – doch dort komme kaum jemand hin, sagt er.

Manfred Krämer, Niederzell, Insel Reichenau
Manfred Krämer, Niederzell, Insel Reichenau | Bild: Wagner, Claudia

12:38 Uhr, Niederzell: Ein Paar spaziert Richtung Hochwart. Sie seien nicht von hier, sagen sie. Touristen seien sie auch nicht. Schnell gehen sie weiter, sie möchten nicht sprechen.

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Der höchste Punkt der Insel: abgesperrt

12:43 Uhr, Hochwart: Der Aussichtspunkt der Insel ist abgesperrt. Die Sonne brennt, als wäre es ein perfektes österliches Reisewochenende. Sophie Kienle, 19, und Nele Walz, 18, sind mit Inline-Skates und Longboard aus Konstanz hergekommen und außer Atem.

Bild: Wagner, Claudia

Es habe Spaß gemacht. Trotzdem hätten die jungen Frauen erwartet, Zugang zum See zu haben. „Es gibt im Moment so viele Unsicherheiten“, sagt Sophie. Die beiden wüssten zum Beispiel gern, ob sie nach den Ferien wieder in die Schule dürfen. Das Lernen in der Gemeinschaft falle doch leichter als allein.

Sophie Kienle (links) und Nele Walz sind von Konstanz auf die Reichenau geskatet und legen in der Nähe der Hochwart eine Rast ein. Bild: Claudia Wagner
Sophie Kienle (links) und Nele Walz sind von Konstanz auf die Reichenau geskatet und legen in der Nähe der Hochwart eine Rast ein. Bild: Claudia Wagner | Bild: Wagner, Claudia

13:05 Uhr, Mittelzell: Der Parkplatz ist für einen Feiertag viel zu leer. Trotzdem ist es wohl der belebteste Platz der Halbinsel. Burkhard Rohde schraubt eines der Fahrräder am Auto fest, für den Rücktransport. „Eine 47-Minuten-Radtour haben wir gemacht, rund um die Insel“, sagt der Schwenninger. Allen habe es gefallen, und „die Kinder brauchen mal Abwechslung“, sagt Rohde. Die Stimmung empfindet er als bedrückend, die Insel so still.

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Blumen am Radweg Richtung Inseldamm. Der Radweg ist am Nachmittag stark frequentiert.
Blumen am Radweg Richtung Inseldamm. Der Radweg ist am Nachmittag stark frequentiert. | Bild: Wagner, Claudia

Zurück in Konstanz

13:30 Uhr, Konstanz-Fürstenberg: Ein Seehas hält. Keiner steigt aus. „Geben Sie auf sich und andere Acht“, signalisiert die Anzeige am Gleis. „Reisen Sie nur, wenn es unumgänglich ist.“

„Geben Sie Acht auf sich und andere und reisen Sie nur, wenn es unumgänglich ist“, sagt die digitale Anzeige am Haltepunkt Fürstenberg.
„Geben Sie Acht auf sich und andere und reisen Sie nur, wenn es unumgänglich ist“, sagt die digitale Anzeige am Haltepunkt Fürstenberg. | Bild: Wagner, Claudia