Das Land Baden-Württemberg startet und finanziert erstmals das Programm Lernbrücken, das für Erst- bis Neuntklässler aller Schularten offen ist. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche, die schon vor der Corona-bedingten Schulschließung Probleme hatten, die während des Lockdowns nicht oder nur schlecht erreichbar waren oder die eigentlich eine Klasse hätten wiederholen müssen.

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Die Lehrer sollten den entsprechenden Familien eine Teilnahme nahelegen und die Rektoren meldeten die Teilnehmerzahlen dem Staatlichen Schulamt Konstanz, das für die Organisation zuständig ist.

Sie organisierten die Lernbrücken (von links): Martina Christ aus der Verwaltung des Staatlichen Schulamts Konstanz sowie die Personalschulräte Thomas Stingl (Landkreis Tuttlingen), Gerhard Schlosser (Kreis Konstanz) mit Amtsleiterin Bettina Armbruster.
Sie organisierten die Lernbrücken (von links): Martina Christ aus der Verwaltung des Staatlichen Schulamts Konstanz sowie die Personalschulräte Thomas Stingl (Landkreis Tuttlingen), Gerhard Schlosser (Kreis Konstanz) mit Amtsleiterin Bettina Armbruster. | Bild: Kirsten Astor

Der Unterricht erfolgt in Gruppen von maximal 16 Schülern und darf jahrgangs- und schulübergreifend stattfinden. Laut Bettina Armbruster, Leiterin des Staatlichen Schulamts Konstanz, kommen in Konstanz zehn Lernbrücken mit 15 Gruppen zustande, fast alle an Grundschulen.

Die größte Lernbrücke mit 51 Schülern entsteht an der Theodor-Heuss-Realschule. Dort werden zehn Berchen-Grundschüler und 17 Berchen-Werkrealschüler sowie 24 Geschwister-Scholl-Schüler fit gemacht. Unterrichten sollen Lehrer, die sich freiwillig dazu bereit erklären.

Kritik kommt von zwei Lehrerverbänden

Hier setzt die Kritik der Lehrerverbände an. So schrieb der Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE), er spreche sich „grundsätzlich dagegen aus, dass Lehrkräfte in den Ferien eingesetzt werden.“ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte die Mehrarbeit durch die Organisation der Lernbrücken am zurückliegenden Schuljahresende – in einer Zeit, in der Rektoren schon genug mit Zeugnissen und Abschlussprüfungen, Corona-Unterricht und Planung des neuen Schuljahrs voll ausgelastet seien.

Auch Gerhard Schlosser, Personalschulrat im Staatlichen Schulamt Konstanz, bestätigt: „Die Organisation der Lernbrücken hat uns zum Schuljahr­esende heftig beschäftigt.“ Nun stehen alle 81 Gruppen im Landkreis Konstanz fest (Stand 31. Juli), es wurden genügend Lehrpersonen gefunden. Gerhard Schlosser lächelt und ergänzt: „Hoffentlich kommen dann auch alle angemeldeten Schüler.“

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Dazu passen weitere kritische Fragen der Lehrerverbände: Werden nun tatsächlich die Kinder erreicht, die während des Lockdowns nicht greifbar waren? Warum dürfen nach der Ferien- und Reisezeit Schüler verschiedener Schulen miteinander lernen? Das könnte das Infektionsgeschehen negativ beeinflussen. Und wieso sollen die Lernbrücken nur aus Deutsch und Mathe bestehen und werden nicht mit attraktiven Freizeitangeboten kombiniert?

Große Nachfrage bei der Sommerschule

Genau dies war bislang immer der Ansatz der von der Stadt Konstanz organisierten Sommerschule: Morgens lernen, nachmittags Sport und Musik. Doch in diesem Jahr ist auch hier einiges anders, wie Organisatorin Petra Leising mitteilt: „Aufgrund der Corona-Vorgaben wird kein freizeitpädagogisches Rahmenprogramm angeboten. Der Unterricht findet vor- und nachmittags für unterschiedliche Schülergruppen statt.“

So konnten mehr als doppelt so viele Kinder aufgenommen werden als in den vergangenen Jahren, erstmals auch 40 Gymnasiasten. Die Nachfrage sei noch weit größer gewesen. Weiterhin geht es bei der Sommerschule um die Förderung in den Kernfächern Deutsch, Mathe und Englisch sowie um intensive Deutschförderung nicht deutschsprachiger Kinder.

Defizite sollen beseitigt werden

Ob Lernbrücke oder Sommerschule: „Wichtig ist doch nur, dass alle Schüler mit gleich gutem Kenntnisstand in das kommende Schuljahr starten können und wir nicht eine Bugwelle von Kompetenzlücken vor uns her schieben“, meint Frank Raddatz, Leiter der Theodor-Heuss-Realschule und Geschäftsführender Schulleiter der weiterführenden Konstanzer Schulen (außer Gymnasium).

Frank Raddatz, Leiter der Theodor-Heuss-Realschule sowie Geschäftsführender Schulleiter der Grund- und weiterführenden Schulen in Konstanz.
Frank Raddatz, Leiter der Theodor-Heuss-Realschule sowie Geschäftsführender Schulleiter der Grund- und weiterführenden Schulen in Konstanz. | Bild: Kirsten Astor

Die Lehrerverbände machen sich trotz allen Aufwands keine große Hoffnung, dass durch die Lernbrücken Defizite beseitigt werden. Sinnvoller fänden sie regelmäßige Förderkurse im neuen Schuljahr. Doch dafür fehlten – mal wieder – Lehrer und Stunden.

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