Ernste Gesichter herrschen bei den Menschen, die aus dem Konstanzer Konzil kommen. Nach mehr als zwei Stunden geht eine Veranstaltung für Mitarbeiter der Sparkasse Bodensee zu Ende. Einige der über 700 Beschäftigten, die nicht vor Ort sind, waren per Video zugeschaltet.

Aus der Veranstaltung dringt nach außen: Es sei ein „realistisches“ und ebenso „schonungsloses“ Bild der Lage des größten Kreditinstituts am Bodensee gezeichnet worden.

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Trend zur Digitalisierung durch Corona weiter beschleunigt

Dass Banken und Sparkassen durch historisch niedrige Zinsen belastet sind, ist hinlänglich bekannt. Zudem verlagern immer mehr Kunden den Kontakt von der Filiale ins Internet. „Der generelle Trend zur Digitalisierung hat durch die Corona-Pandemie eine weitere Beschleunigung erfahren“, bestätigt Lothar Mayer, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bodensee, im Nachgang an die Veranstaltung auf Anfrage des SÜDKURIER.

Lothar Mayer, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bodensee.
Lothar Mayer, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bodensee. | Bild: Sparkasse Bodensee

Keine Filialschließung geplant

Trotz der weiteren Zuspitzung seien keine Filialschließungen geplant. „Auf unsere laufenden Aktivitäten zur Neugestaltung unseres Standortes an der Marktstätte in Konstanz hat dies keinerlei Einflüsse“, sagt Mayer außerdem. Hier sei die Sparkasse Bodensee im Zeitplan.

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Dennoch spricht ihr oberster Chef von „intensiven Optimierungen unser Betriebsabläufe und einem sehr konzentrierten Kostenmanagement“. Nicht nur Mitarbeiter dürften aus diesen Zeilen den wachsenden Druck herauslesen.

Tatsache ist: Die Ausgaben von Mitbewerbern der Sparkasse ohne teures Filialnetz und ohne die Erwartung eines sozialen und kulturellen Engagements sind deutlich niedriger. Zudem leisten sich nur wenige Institute ähnlicher Größenordnung zwei Hauptstellen (Konstanz und Friedrichshafen) und eine weitere Direktion (Überlingen).

Fünf Prozent der Stellen werden bis 2021 gestrichen

Aus Kreisen der Mitarbeiter ist zu hören, dass Mayer im Konzil darum warb, anstehende Veränderungen mitzutragen. Inklusive der Reduzierung des Personals. Der Sparkassen-Vorstand räumt ein: Von derzeit 711 Beschäftigten sollen bis Ende des kommenden Jahres 38 Stellen entfallen. „Kündigungen schließen wir aus. Die normale Fluktuation deckt dies vollkommen ab“, sagt Lothar Mayer.

Altsparverträge kosten Sparkasse jährlich mehrere Millionen Euro

Neben fehlenden Einnahmen hat die Sparkasse Bodensee zudem ein Problem auf der Ausgabenseite. Bedingt auch durch unkündbare Sparverträgen, die zu Zeiten hoher Zinsen in den 90er- und 2000er- Jahren abgeschlossen wurden.

Das Ausmaß wird jetzt deutlich: So bestehen laut Lothar Mayer derzeit noch „mehrere Tausend dieser Sparverträge„ mit einer Vertragslaufzeit von bis zu 25 Jahren. Die Prämien seien „unter heutigen Gesichtspunkten völlig überhöht“. Gegenüber den Mitarbeiter soll im Konzil von acht Millionen Euro jährlichem Aufwand für die Sparkasse die Rede gewesen sein. Mayer nennt auf Anfrage „mehrere Millionen Euro“.

Verbraucherschützer drohten wegen Verträgen mit Klage

Diese Altsparverträge hatten Ende 2019 Verbraucherschützer auf den Plan gerufen. Die Sparkasse Bodensee versuchte damals, Kunden mit vermeintlich lukrativen Sofortzahlungen zur Kündigung zu bewegen. Was sie nicht sagte: Sparern könnten so vielfach höhere Zinserträge entgehen.

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Das ist kein singuläres Vorgehen der Sparkasse Bodensee. Verbraucherschützer sprechen von einem flächendeckenden Problem über ganz Deutschland. Die Sparkasse Bodensee reagierte auf die scharfe Kritik und kündigte Anfang 2020 an, keine solchen Angebote mehr zu verschicken. Eine Unterlassungserklärung wurde unterschrieben. Andernfalls hatte die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mit einer Klage gedroht.

Sparkasse bietet nach wie vor Auflösung an

In veränderter Form wirke das Kreditinstitut jedoch noch immer auf ihre Altkunden ein, berichtet auf Anfrage Niels Nauhauser. „Aus unserer Beratung wissen wir, dass die Sparkasse Bodensee erneut Auflösungsangebote verschickt hat“, sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale.

Niels Nauhauser ist Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.
Niels Nauhauser ist Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. | Bild: Wolfram Scheible

Sparkassen-Chef Lothar Mayer bestreitet das nicht. Kunden würde „auf Basis persönlicher Beratung gegen Zahlung einer Sofortprämie eine freiwillige vorzeitige Vertragsauflösung“ angeboten“.

„Angebot hilft in der momentanen Situation Ihnen und uns“

Ein Vertrag, der dem SÜDKURIER vorliegt, zeigt: Ein Kunde der Sparkasse Bodensee könnte bis Ende seiner Vertragslaufzeit 2032 noch mit Prämien in Höhe von circa 40.000 Euro rechnen. Die Sparkasse weist ihn auf die Konditionen bei einer Fortsetzung des Vertrags auch hin. Gleichzeitig bietet sie ihm bei einer Auflösung 4700 Euro an.

Das Angebot, schreibt das Institut, „hilft in der momentanen Situation Ihnen und uns“. Der Kunde könne sich einen lang ersehnten Wunsch „bereits morgen erfüllen und wir können für uns die negativen Wirkungen der Zinspolitik etwas abmildern“.

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