Der Erste, der sich nach dem Bericht im SÜDKURIER über den Obdachlosen Michael Müller und seine Angst vor dem Corona-Winter gemeldet hatte, war ein Konstanzer Friseur.

„Das ist nicht mein vordergründiges Problem“

Dieser bot an, Müller die Haare zu schneiden, kostenlos. Michael Müller freute sich sehr – und lehnte ab. „Das ist nicht mein vordergründiges Problem“, sagte der vollbärtige Mann zu Marie Königsdorfer, der Mitarbeiterin im Wohnungslosentreff der AGJ am Lutherplatz, wo er Nachmittags häufig Kaffee trank und Gedichte schrieb.

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Nachtlager im Viehtransporter

Zudem schneide er sich seinen grauen Vollbart samt Haarschopf selbst, mit einem elektrischen Bartschneider. Was Müller mehr als eine schicke Frisur, viel mehr als alles andere herbeisehnte war eine Unterkunft.

Bislang hatte Müller, der nachts in einem Viehtransporter schlief, seine Tage in den Bibliotheken der Stadt verbracht, sich aufgewärmt und vornehmlich theologische Sachbücher studiert.

Mehr habe er nicht gebraucht, sagte Müller. Nur: Wegen Corona konnte er nicht mehr in die Bibliotheken, konnte sich auch nicht in Cafés oder Kaufhäusern aufwärmen. Er sah einem kalten Winter mit ungewissem Ausgang entgegen und hatte Angst.

Hier zeigt Michael Müller sein altes Nachtlager ...
Hier zeigt Michael Müller sein altes Nachtlager ... | Bild: Eva Marie Stegmann
... ein Viehtransporter.
... ein Viehtransporter. | Bild: Eva Marie Stegmann
Bild: Eva Marie Stegmann

Eine Wohnung, und wenn nur für die kalte Jahreszeit, sei sein größter Wunsch, sagte er dem SÜDKURIER vor einigen Wochen. Darauf erschien ein Artikel über Müller und andere Männer vom Wohnungslosentreff der AGJ.

Dann kam die Karte

Kurze Zeit später wurde dort eine Karte für ihn abgegeben. Er erinnert sich an den Moment: „Ich konnte nicht glauben, was da drauf stand. Jemand schrieb, dass er eine Wohnung für mich hätte. Ich sagte zu Marie Königsdorfer ‚Da hat jemand eine Wohnung für mich‘ und wir beide konnten es nicht fassen.“

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Einige Wochen später: Es ist kalt und nieselt und die Wiese ist matschig, kein schöner Tag zum Draußen-Sein. In Petershausen an einem kleinen Haus mit Garten steht „M. Müller„ am Klingelknopf. „Kommen Sie rein“, ruft Michael Müller vom Balkon aus. Einige Treppenstufen später steht man in seiner neuen Bleibe unter hölzernen Dachbalken.

„Für mich hat sich alles verändert“

Ein kleines Schlafzimmer, ein kleines Wohnzimmer, in dem eine Hängematte neben einer Reihe von Büchern baumelt. „Für mich hat sich alles verändert“, sagt er, „der Vermieterin werde ich immer dankbar sein.“ Der Mietvertrag läuft bis ins Frühjahr hinein, vor dem Winter muss er keine Sorge mehr haben, die Kosten übernimmt das Amt. „Hier sitze ich und lese“, sagt er und deutet auf die Hängematte.

Müller ist kaum mehr draußen

Regen prasselt an die Scheibe. „Draußen bin ich kaum mehr.“

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Michael Müller bietet Kaffee und einen Platz auf dem Sofa an. Er sagt: „Ich bin dem SÜDKURIER sehr dankbar, die Wohnung hat mein Leben verändert.“ In seinen Worten klingt ein stummes ‚aber‘ an. Etwas stört ihn offensichtlich, nur was? Dann fragt er: „Muss das unbedingt sein, noch ein Artikel über mich?“ Man sagt ihm, dass es doch eine tolle Nachricht sei und viele Leser sein Schicksal berührt habe, die sich über die Nachricht freuen würden.

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Michael Müller sagt kurz nichts – und dann geradeheraus: „Ich will nicht wieder ‚der Obdachlose‘ in der Zeitung sein. Damit geht immer eine gewisse Stigmatisierung einher, ja, auf gewisse Weise eine Entmenschlichung. Das ist nicht gut, wenn man wie ich einen Job sucht.“ Er hat Pläne – und er hat Recht. Er ist jetzt nicht mehr Michael Müller, der Obdachlose.

Nur noch Michael Müller.