Die Härtefallkommission hätte dem baden-württembergischen Innenministerium vorschlagen können, Harrison Chukwu den weiteren Aufenthalt aus humanitären oder persönlichen Gründen zu erlauben. Doch das hat sie nicht getan. Warum? Dies bleibt offen.

Im Schreiben an die Unterstützer heißt es lediglich: Beschlüsse würden ohne Begründung gefasst. Auf SÜDKURIER-Nachfragen beim Innenministerium teilt Sprecher Carsten Dehner mit: „Die Härtefallkommission ist nach einer eingehenden und umfassenden Gesamtbetrachtungsweise zum eindeutigen Ergebnis gekommen, in diesem Fall kein Ersuchen an das Innenministerium zu stellen.“

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Für einen Härtefall hätten zwei Drittel der anwesenden Mitglieder stimmen müssen. „Die Kommission entscheidet grundsätzlich nach ihrer freien Überzeugung und frei von ausländerrechtlichen Beschränkungen. Darin liegt gerade das besondere Wesen einer Härtefallkommission“, so die Stuttgarter Behörde.

Eine Unterschriftenaktion ist angelaufen

In Konstanz wird Harrison Chukwu von einer Welle von Unterstützern getragen: 2400 Menschen hatten vor einem Jahr für den Verbleib des Mannes aus Nigeria unterschrieben. Auch der Runde Tisch zur Begleitung von Flüchtlingen in Konstanz, an dem Vertreter aus Behörden, Polizei, Politik, Kirchen und Flüchtlingsorganisationen sitzen, hatte den Härtefallantrag für Harrison Chukwu unterstützt.

Eine neue Unterschriftenaktion ist über die Internetseite des Café Mondial angelaufen (­https://cafe-mondial.org). Auch die Politik wird nun aktiv.

Im Café Mondial wird die Willkommenskultur gelebt, auch beim gemeinsamen Kickern. Ein spannendes Duell lieferten sich (von links) Luise Mösle, Lutz Rauschnick, Charles Nwosu und Lorenz Neuberger. (Archiv)
Im Café Mondial wird die Willkommenskultur gelebt, auch beim gemeinsamen Kickern. Ein spannendes Duell lieferten sich (von links) Luise Mösle, Lutz Rauschnick, Charles Nwosu und Lorenz Neuberger. (Archiv) | Bild: Schlüter, Kirsten

„Uns fehlt jedes Verständnis dafür, warum ein Mensch wie Harrison nicht weiter hier leben soll“, heißt es in dem Schreiben der Kreis-Grünen, der FGL und der grünen Jugend in Konstanz an den Innenminister. Sie verweisen auf die Verständigung der Regierungsfraktionen in Baden-Württemberg, nach der das Land im Bundesrat die Initiative für Bleibeperspektiven gut integrierter Flüchtlinge ergreifen wolle.

Manfred Hölzl, der für die CDU im Konstanzer Gemeinderat sitzt, kündigt an, den Fall in den Deutschen Industrie- und Handelskammertag tragen zu wollen. Es sei weder menschlich noch unternehmerisch tragbar, wenn besonders gut integrierte Flüchtlinge ausgewiesen werden, sagt Hölzl.

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Er hatte im Winter selbst einen engagierten Mitarbeiter durch Abschiebung verloren. Viele Unternehmer kritisierten diese Praxis. Erst würden Kräfte mobilisiert, damit Flüchtlinge in Arbeit kommen, dann seien alle Bemühungen umsonst.

Hilfsbereit, offen und freundlich: So ist der Mensch Harrison

Bei der Privatperson Daniela Winkler und Lorenz Wiese vom Café Mondial, die Harrison Chukwu beim Kampf ums Bleiberecht unterstützen, ist nach dem Ablehnungsbescheid der Härtefallkommission der Frust groß. „Wenn Harrison Chukwu nicht bleiben kann, wer denn bitte dann?“, fragt Daniela Winkler.

Harrison Chukwu aus Nigeria hofft auf eine Zukunft in seiner neuen Heimat Konstanz.
Harrison Chukwu aus Nigeria hofft auf eine Zukunft in seiner neuen Heimat Konstanz. | Bild: Claudia Rindt

Sie beschreibt den Nigerianer als Herz und Seele des Cafés. Er habe sich zur wichtigen Kontaktperson in der Flüchtlingsarbeit entwickelt. „Das ist einer, der uns die Türen öffnet.“ Als Christ engagiere er sich musikalisch in der Christusgemeinde in Radolfzell, eine Zeit lang habe er in der Jugendarbeit beim SC Konstanz-Wollmatingen ausgeholfen und im Münsterkindergarten habe er schon Trommel-Workshops geleitet. „Seine hilfsbereite, offene und freundliche Art machen ihn bei seinen Mitmenschen sehr beliebt“, schreiben Daniela Winkler und Lorenz Wiese im Härtefallantrag.

Ein bereits bereinigter Makel im Lebenslauf

Einziger Makel im Lebenslauf. Der 39-Jährige hatte plötzlich keinen Pass mehr, weswegen er von einem deutschen Gericht schon bestraft wurde. Der Vorwurf lautete damals, dass Chukwu sich nicht in einem angemessenen Zeitraum einen neuen Pass beschafft habe.

Inzwischen hat er einen Pass und die Zeit, in der er auf das Ergebnis des Härtefall-Antrags warten musste, genutzt: Chukwu gelang es, in einem Gastronomie-Betrieb Arbeit aufzunehmen. Er habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag, sagen die Unterstützer.

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Nach der Corona-Pause war der Nigerianer dort wieder tätig. In diesem Betrieb hätte er im vergangenen Jahr auch eine Ausbildung beginnen können, doch die dazu nötige Duldung hatte er nicht bekommen. Der Härtefallantrag erlaubt es ihm allerdings, erst einmal in Deutschland zu bleiben.

Zuvor war schon sein Asylbegehren abgelehnt worden. Harrison Chukwu gehört zur christlichen Minderheit in Nigeria und damit in diesem Land zu einer gefährdeten Person. Denn immer wieder kommt es regional zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen islamischen und christlichen Teilen der Bevölkerung, dies bestätigen Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International.

Wie ist die Situation in Nigeria?

Harrisons Bruder soll in so einem Konflikt ermordet worden sein. Asylbegehren haben aber dennoch in der Regel keinen Erfolg. Deutsche Behörden gehen davon aus, dass es Regionen innerhalb Nigerias gibt, in denen Bedrohte Schutz finden könnten.

Die Gründe, die Harrison Chukwu fürs Asyl vorgebracht hatte, spielen nun allerdings keine Rolle mehr. Es zählt nur noch das menschliche Ermessen. Jetzt bitten die Unterstützer den Innenminister persönlich, im Sinne des 39-Jährigen zu entscheiden.

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Sie wollten alles versuchen, „damit unser Freund und Mitarbeiter in der Stadt leben darf, in die er mittlerweile einfach gehört“, heißt es im Härtefallantrag, und das gilt weiter für das Team der Unterstützer. Sie richten Unterstützungsbitten auch an den Konstanzer OB Uli Burchardt und Vertreter von Parteien.