So hat sich Rosemarie Banholzer ihren 96. Geburtstag nicht vorgestellt. „Ich muss ihn hier in meiner Wohnung im kleinen Kreis verbringen“, sagt die Mundartdichterin enttäuscht. An große Feste wie früher im Hotel Halm oder dem Barbarossa mit der ganzen Familie sei wegen Corona nicht zu denken.

„Seit einem Jahr gehe ich nur noch auf den Balkon. Meine Wohnung verlasse ich kaum noch“, erzählt Rosemarie Banholzer, als der SÜDKURIER sie vor ihrem Geburtstag in ihrem Konstanzer Zuhause besucht.

Rosemarie Banholzer muss ihren Geburtstag dieses Jahr im kleinen Kreis feiern.
Rosemarie Banholzer muss ihren Geburtstag dieses Jahr im kleinen Kreis feiern. | Bild: Mario Wössner

Dort, auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, ist Rosemarie Banholzer umgeben von Erinnerungen an ein langes Leben mit vielen spannenden Geschichten. Man sieht, dass sie aus einer Uhrenmacherfamilie stammt.

An den Wänden hängen viele Uhren – alle 15 Minuten ertönen die Schläge. Im Nebenzimmer stehen unzählige Ordner mit Texten der Mundartdichterin. Rosemarie Banholzer hat sie alle aufgehoben – ebenso Briefe von Weggefährten.

Zum Lesen benötigt Rosemarie Banholzer ein Gerät, das die Texte vergrößert und vorliest. Mundart und Handschrift erkennt es leider nicht.
Zum Lesen benötigt Rosemarie Banholzer ein Gerät, das die Texte vergrößert und vorliest. Mundart und Handschrift erkennt es leider nicht. | Bild: Mario Wössner

Stolz zeigt sie eine Kiste, in der sie ihre berühmten Mundartkolumnen mit dem Titel „s‘Frichtle monnt“ gesammelt hat: „Ich würde Ihnen gerne etwas davon vorlesen.“ Doch leider lässt seit einiger Zeit Rosemarie Banholzers Sehkraft nach. „Die Blindheit ist für mich noch schlimmer, als nicht richtig laufen zu können. Es ist wie eine Strafe.“ Denn ihre Augen braucht die Mundartdichterin für das, was sie am liebsten macht: Lesen und Schreiben.

Unterkriegen lässt sich Rosemarie Banholzer davon aber nicht. Zwar geht das Lesen nicht mehr ohne ein Gerät, das die Texte stark vergrößert und vorliest. Doch schreiben kann die Dichterin auch fast blind noch – von Hand und mit Tastatur. Und so schreibt sie auch mit 96 Jahren weiter: „Zu meinem Geburtstag habe ich ein neues Gedicht verfasst.“

Und in ihrer Schublade liegen zwei volle Ordner mit Manuskripten in Dialekt und Schriftdeutsch – die sollten eigentlich noch veröffentlicht werden. Im vergangenen Juli verstarb jedoch ihr Verleger Michael Wegmann plötzlich. „Jetzt hoffe ich auf eine andere Möglichkeit“, sagt Rosemarie Banholzer. Denn genug vom Dichten hat sie noch lange nicht.

„Dieses verdammt viele Englisch“

Auch zu aktuellen Themen macht sich Rosemarie Banholzer noch ihre Gedanken – zum Beispiel dazu, wie sich die Sprache verändert: „Dieses verdammt viele Englisch.“ Die Konstanzerin kann das nicht verstehen: „Warum sagen die Leute heute ‚die Kids‘, und nicht mehr die Kinder. Alles ist englisch geworden. Schämen die sich für ihre Sprache?“

Doch Rosemarie Banholzer hat auch Verständnis – bei Fachausdrücken, die auf der ganzen Welt benutzt werden. Solche Dinge müssten weltweit gleich heißen, man müsse ja vernetzt sein. Aber der große Einfluss auf die Alltagssprache gefalle ihr nicht.

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Ein passendes Beispiel, wie sich Anglizismen vermeiden lassen, hat die Vorkämpferin für Mundart natürlich sofort parat: „Vor vielen Jahren haben Fans von mir extra einen Fanclub gegründet. Wir wollten aber einen deutschen Namen nehmen. Da ging Fanclub natürlich nicht. Also haben wir ihn den Fähnele-Klub genannt.“ Denn bei einer Lesung in Dettingen sei sie dort von Zuhörern mit kleinen Fahnen, also „Fähnele“, begrüßt worden.

„Ich habe die Schweizer beneidet“

Nicht nur bei diesem Beispiel wird deutlich, dass Rosemarie Banholzer ein besonderes Verhältnis zur Sprache und vor allem dem alemannischen Dialekt hat. „Die Sprache darf man nicht verhunzen und wegschmeißen wie einen alten Handschuh.“ Deshalb lobt sie auch die Schweizer: „Ich habe die Schweizer beneidet, dass sie so zu ihrer Sprache stehen. Die sprechen ihr Alemannisch überall, stolz und überzeugt.“

Anders als das Englische ist die Jugendsprache Rosemarie Banholzer vertraut: „Die hat es immer gegeben, zu jeder Zeit.“ Als Familienmensch weiß sie das aus erster Hand. „Ich habe selbst fünf Kinder, sechs Enkel und vier Urenkel. Ich kenn das doch, die haben ständig irgendwelche neuen Wörter benutzt“, verrät Banholzer.

Rosemarie Banholzer Anfang der 1980er-Jahre bei einer Lesung in den Bürgerstuben. Heute ist die hochgeachtete Mundart-Dichterin aus dem Konstanzer Kulturinventar nicht mehr wegzudenken.
Rosemarie Banholzer Anfang der 1980er-Jahre bei einer Lesung in den Bürgerstuben. Heute ist die hochgeachtete Mundart-Dichterin aus dem Konstanzer Kulturinventar nicht mehr wegzudenken. | Bild: Joachim Mahrholdt

Doch neben den Anglizismen stört Rosemarie Banholzer noch etwas: Sprache habe sich zwar immer schon verändert – aber unwillkürlich und durch Vermischungen. Von Empfehlungen oder gar Vorgaben für das Sprechen hält sie wenig: „Das würde ja gerade noch fehlen.“ Auch vom Gendersternchen ist Rosemarie Banholzer daher nicht begeistert. „Ha, so en Bledsinn“, sagt die Konstanzerin in ihrem typischen Dialekt und lacht. „Mir reicht da die männliche Form.“

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Doch trotz allem sorgt sich Rosemarie Banholzer nicht, dass ihre geliebte Mundart aussterben könnte: „Die Dialekte werden nie verschwinden, sie verändern und vermischen sich nur. Die Kinder, die ich kenne, sprechen noch immer so, wie ich gesprochen habe.“

Ihre weit über tausend Lesungen sieht sie als Beweis, dass Mundart beliebt ist und die Leute das hören wollen. „Die Säle waren immer voll. Das war ein Zeichen für mich, weiter zu machen“, erklärt Rosemarie Banholzer. Und auch mit jetzt 96 Jahren hat die Dichterin nach wie vor Zukunftspläne: „Vielleicht findet sich ja doch noch einmal jemand, der meine Texte verlegen will.“