Stefanie Meisch hatte sich alles so schön ausgemalt: Brasilien, Bolivien, Peru, Ecuador. Die 31-jährige Projektentwicklerin in der Automobilindustrie nahm sich eine Auszeit vom Job, um Südamerika zu erkunden. Doch ihre Reise, begonnen im Dezember 2019, fand Mitte März ein jähes Ende in einem Hostel im peruanischen Cusco. Corona hatte auch hier zugeschlagen.

150 Gäste aus 27 Ländern

„Ich war erst fünf Tage in Peru, als die Regierung am Abend des 15. März verkündete, dass ab dem Folgetag eine allgemeine Ausgangssperre herrsche, alle Verkehrsmittel eingestellt würden und es auch keine Bus- oder Flugverbindungen mehr gebe“, erzählt die 31-Jährige. Sie sitzt derweil in Konstanz auf dem Sofa ihrer Eltern, erst am Vortrag kam sie wieder zu Hause an.

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Und berichtet weiter: „Das Pariwana Hostel, in dem ich übernachtete, reagierte prompt: Wer die Unterkunft verlässt, darf nicht zurückkehren. Ich beschloss, dort zu bleiben. Von den anfangs 150 Gästen aus 27 Ländern reisten nur wenige ab. Wir anderen dachten, wir dürften bald nach Hause fliegen.“

Rund 25 Deutsche müssen ausharren

Wie falsch diese Hoffnung ist, stellt sich schnell heraus. Zwar verlassen Israelis und Mexikaner Peru sehr bald, auch US-Amerikaner und Argentinier werden kurz darauf ausgeflogen. Doch die rund 25 Deutschen müssen ausharren. Zu Sechst in einem Zehn-Bett-Zimmer, Frauen und Männer gemischt. Keine Privatsphäre, keine Möglichkeit, sich vor Ansteckung zu schützen.

Peruaner desinfizieren die leeren Straßen rund um das Pariwana Hostel in Cusco.
Peruaner desinfizieren die leeren Straßen rund um das Pariwana Hostel in Cusco. | Bild: Stefanie Meisch

Als am 22. März klar wird, dass ein bereits abgereister Mexikaner mit Corona infiziert ist, wird das Hostel abgeriegelt. Die Essenszufuhr wird eingeschränkt, die Straße durch Polizei und Militär abgesperrt und desinfiziert. „Anfangs spielten wir noch Tischtennis oder drehten im Hostel Jogging-Runden. Doch dann durften wir uns nur noch im Zimmer aufhalten oder mit Abstand im Hof. Wir wurden alle unter Quarantäne gestellt“, berichtet Stefanie Meisch.

Diplomatische Bemühungen scheitern

Doch aufgeben wollen die Bewohner nicht. „Wir Landsleute organisierten uns sehr deutsch“, erzählt die Konstanzerin. Das heißt: Jeder überlegt, welche Kontakte er zu Medien oder Politikern hat, die Gruppe macht öffentlich auf sich aufmerksam. Unterdessen werden auch Stefanies Eltern aktiv.

Sie wenden sich an Andreas Jung, CDU-Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Konstanz. Der schaltet Dan Tidten ein, außenpolitischer Berater der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Tidten war im Auswärtigen Amt und hat intensive Beziehungen dorthin. Er unterhält fortan quasi eine Standleitung zum Amt und der Botschaft in Lima, parallel zur Familie Meisch.

Doch alle Bemühungen der Diplomatie, die Deutschen aus Peru zu holen, fruchten nicht. Dan Tidten schreibt am 30. März an Familie Meisch: „Leider ist die Lage tatsächlich sehr schwierig: Die Entscheidungen des souveränen Staates Peru können wir als Deutschland nicht direkt ändern, wir können nur an die peruanische Regierung appellieren.“

Tiefpunkt am 7. April

Für die Bewohner des Hostels wird die Lage unerträglich. Der Tiefpunkt ist für Stefanie Meisch der 7. April. „Es hieß am Vortrag, wir 16 Deutsche dürften am nächsten Morgen nach Frankfurt fliegen. Wir sollten unsere Sachen packen und wurden sogar schon vor dem Hostel aufgestellt, um abgeholt zu werden.“

Doch daraus wird nichts. „Dieser Tag zwischen Hoffnung und Enttäuschung war der schlimmste“, sagt Stefanie Meisch rückblickend. „Wir dachten: Wenn wir jetzt nicht aus dem Land kommen, sind wir ein Kollateralschaden und müssen in Peru bleiben, bis Corona vorbei ist.“

Die Deutschen werden in ein anderes Hotel gebracht und einzeln isoliert. „Wir durften nicht raus, nicht mal das Fenster öffnen. Das Essen bekamen wir vor die Tür gestellt“, berichtet Stefanie Meisch. „Rund 1300 Euro habe ich dafür ausgegeben, vier Wochen in Peru eingesperrt gewesen zu sein“. Dazu die Mitteilung des peruanischen Außenministeriums, Rückholflüge seien nur noch bis 22. April möglich. Dann macht Peru die Grenzen dicht.

Am 12. April die erlösende Nachricht

Das bekommen auch Susanna und Frank Meisch mit. „Die Zeit tickte“, sagt die 57-jährige Mutter. Endlich, am 12. April, die erlösende Nachricht: Stefanie darf am Folgetag nach Lima und dann nach Zürich fliegen, mit Hilfe der spanischen und der Schweizer Botschaft.

Zu ihrem Glück lebt Bruder Tobias in Kreuzlingen, darf sie abholen und an die Grenze zu Konstanz bringen. Diese passiert Stefanie zu Fuß, ihre Eltern holen sie ab. „Es war ein sehr emotionaler Moment, als wir uns nach so langer Zeit in die Arme schließen konnten“, sagt Frank Meisch.

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