"Das neue Schlusslied kommt sicher poppiger daher als die alten Schlager", sagt Mario Böhler, Präsident der Niederburg-Narren. "So wie in jedem Jahr ab Anfang Januar: da kommt die Fasnachtszeit, man feiert weit und breit", heißt es im Text von Wolfgang Mettler.

Bild: Rau, Jörg-Peter

Neben dem Niederburg-Samba als Schlusslied soll ein zweites neues Stück für traditionelle Stimmung sorgen. "Darin nehmen wir das Schunkeln und die typische Narrenspiel-Stimmung ein wenig auf den Arm", erklärt Böhler.

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Gesungen werden beide Lieder von Christiana Gondorf aus dem 13er-Rat. Der SÜDKURIER konnte auch diesen Text vorab einsehen. Vom Wurstsalat als bauchfüllende Tradition ist darin die Rede, oder vom eingezwängten Sitzen in verdrehter Körperhaltung, um auf die Bühne sehen zu können.

Dass die Niederburg für ihre Veranstaltungen das Liedgut austauscht, liegt an der öffentlich gewordenen Vergangenheit von Willi Hermann.

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Der Schlager-Komponist war vor seiner Zeit als Fasnachter in Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt, wie Forschungen des Stadtarchivars Jürgen Klöcklers und Recherchen des SÜDKURIER im Sommer belegten. Mutmaßlich soll er auch Kriegsverbrechen begangen haben. Klöckler hatte im August angekündigt, die endgültige Auswertung seiner Forschungen bis zum Ende des Jahres veröffentlichen zu können.

"Totgeschwiegen wird nichts", kündigt Mario Böhler vor dem diesjährigen Auftakt zur Fasnacht am 10. November im Konzil an, "aber der Nationalsozialismus ist kein Thema für eine Büttenrede, das lässt sich dort nicht in irgendeiner Art humoristisch aufspießen".

Mit anderen Worten: Mit dem Schritt, die Hermann-Lieder offiziell aus dem Programm zu nehmen, wollen die Narren der Niederburg zumindest selbst einen Schlussstrich ziehen.

"Es scheint nicht sehr wahrscheinlich, dass Jürgen Klöcklers Recherchen plötzlich zutage fördern, dass Willi Hermann doch nichts verbrochen hat", sagt Böhler. Deshalb stehe die Entscheidung gegen seine Lieder fest. "Wir werden nach dem neuen Abschlusslied von der Bühne gehen", so der Niederburg-Präsident.

Leicht habe sich die Narrengesellschaft die Entscheidung nicht gemacht, sagt er. Es sei durchaus kontrovers diskutiert worden innerhalb des 13er-Rats. Wie auch in der gesamten Stadt. Die Veröffentlichungen des SÜDKURIER über Willi Hermanns Rolle in den Jahren zwischen 1933 und 1945 löste Diskussionen aus.

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Viele wollen keine Fasnacht ohne "Ja wenn der ganze Bodensee" oder "Mädle, wenn vu Konschtanz bisch" – ungeachtet der Vergangenheit des Komponisten der Lieder, deren Texte auf keine politische Positionierung gleich welcher Art schließen lassen.

Andere befürworten die Entscheidung der Niederburg, keine Musik eines einstigen Verfechters und Propagandisten des Nationalsozialismus zu singen. "Ich bin überzeugt", sagt Böhler, "dass spätestens während der eigentlichen Fasnacht die Lieder auch gesungen werden – aber eben nicht von uns."

Ohnehin stelle sich für den Niederburg-Präsidenten die Grundsatzfrage: Wie entwickelt sich die Saalfasnacht weiter? "Die Zeit der ausufernden Nummern und der stundenlangen Bunten Abende wird zu Ende gehen", sagt Böhler, "eher früher als später."

Den jungen Hip Hopper Yasin Amin ins Programm des Narrenspiels und der Fernsehfasnacht zu nehmen, oder die Hall of Fame in der Spiegelhalle – das seien zwei Ansätze, um die Bühnenfasnacht zu verjüngen und auch künftig am Leben zu halten.

Bild: Rau, Jörg-Peter

Nur langsam tröpfeln diese Ideen in das Fasnachtprogramm hinein, noch fährt die Niederburg ein doppeltes Konzept, um Freunde der urtümlichen Saalfasnacht nicht zu verprellen. Offenbar mit Erfolg: für den Fasnachtsaufktakt am 10. November gibt es zum jetzigen Zeitpunkt bereits keine Karten mehr. Allein an der Vorfreude auf die Zeit nach Willi Hermann kann das nicht liegen.