Sie lacht. Streng genommen hat das wenig mit ihrer Arbeit zu tun. Was der Job von Sylvia Ahlebrandt vor allem erfordert, ist Konzentration – gerade weil der Arbeitsablauf ständig unterbrochen wird. Als Redaktionssekretärin ist sie auf vielen Kanälen unterwegs, sie ist die Ansprechpartnerin bei einem Großteil der Telefonate und der Mail-Korrespondenz, ist zuständig für Alltagskontakte etwa zu Kirchen oder Verbänden, hat die Terminverwaltung im Blick und nicht selten stehen Leser und Kunden direkt bei ihr am Arbeitsplatz. Die Menschen haben etwas mitzuteilen, suchen Rat, loben, beschweren sich. Wünsche, Anregungen und Anliegen, Skandale, Gerüchte und Intrigen – herrje, was wurde und wird hier nicht alles über den Tresen gereicht.

Ruhestand? – Nicht wirklich...

40 Jahre hat sie das gemacht, jetzt ist Schluss. Zum Jahreswechsel geht Sylvia Ahlebrandt in den Ruhestand, was in der Redaktion alle wissen – und doch keiner wirklich glauben kann. Wie auch? Auf dem Rentnerinnen-Bänkle kann man sich die Frau, deren Frisur sich im Laufe eines Arbeitstages gern zum frechen Mecki aufstellt, schwerlich vorstellen, und vielleicht hat ihre alerte Dynamik gerade mit der Rolle im zentralen Mittelfeld des Redaktionsbetriebs zu tun.

Das übrigens ist im Wortsinn zu verstehen: Der Arbeitsplatz von Sylvia Ahlebrandt ist umstellt vom Büro der Redakteure in ihrem Rücken, zu ihrer Rechten hat sie durch ein Innenfenster Blickkontakt zum Chef (und er zu ihr), an der anderen führen Glastüren zu den Arbeitsplätzen von Mediengestaltern und Desk-Redakteuren und wer immer den Westflügel in der ersten Etage des Konstanzer Haupthauses des SÜDKURIER betritt, läuft direkt auf Sylvia Ahlebrandt zu.

Fürs Närrische hat sie viel übrig

Mehr Drehscheibe geht nicht und manchmal mag das gewiss auch lustig sein – aber längst nicht immer. Überhaupt die Sache mit den Witzen: Sylvia Ahlebrandt kann als Fasnachterin, deren Weg sie von der Narrizella Ratoldi über einen Abstecher bei den Konstanzer Narren zurück nach Radolfzell zu den Froschen führte, diesbezüglich gut mitreden. Sie weiß: Der wirklich gute Witz, der befreiende, enthemmende, schmerzfreie Witz ist höchst selten. Die Facetten sind vielfältig, da ist der derbe Brüller, die Schadenfreude, der Spott...

Lachen als Verteidigungsstrategie

Ein Profi wie Sylvia Ahlebrandt also lässt sich beim Lachen kaum etwas vormachen. Im Arbeitsleben – zumal in Redaktionen – gleicht es in ihrem Fall einer Ersatzhandlung, besser gesagt der Für- und Vorsorge. Wie vielen Problemen hat die Sekretärin in 40 Jahren mit ihrer Heiterkeit die Spitze genommen, selbst dann wenn sie nur gespielt und als vorauseilende Verteidigungsstrategie leicht zu erkennen war. Die Verdienste als Vorinstanz des komplexen Kommunikationsgebildes zwischen der Redaktion und den Lesern lassen sich dabei kaum ermessen, ganz zu schweigen von der befriedenden Funktion bei redaktionsinternen Spannungen. Diese sind normal in einem Unternehmen, das von kreativen Geistern, eigenwilligen Charakteren und dem ein oder anderen Paradiesvogel lebt.

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Ein dickes Buch also könnte Sylvia Ahlebrandt schreiben – allein weil sie im Laufe von 40 Jahren als Dienerin mehrerer Herrn tätig war und sich das Team in dieser Zeit mehrfach komplett veränderte. Aber so ist sie nicht: Ihr Lachen ist meist auch ein Zeichen der Diskretion und eben diese sorgt für die Aufgabenallianz, die jede gute Sekretärin ausmacht. Kenntnisse über die Krisen des menschelnden Miteinanders bekommt nur, wer sich auf die Verschwiegenheit eines Kummerkastens versteht.

Eben deshalb ist‘s nicht richtig, die Arbeit von Sylvia Ahlebrandt als Job zu beschreiben. Berufung trifft‘s auch nur halbwegs, eher stimmt der Begriff vom guten Geist, der guten Seele. Die sind angeboren und entwickeln sich ansonsten durchs ganz normale Leben. Wenn es beispielsweise um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht (mit insgesamt unglaublichen 49 (!) sozialversicherungspflichtigen Arbeitsjahren), kann Sylvia Ahlebrandt als Mutter von zwei Kindern mehr als ein Wörtchen mitreden.

Bild aus vergangenen Tagen: Sylvia Ahlebrandt wird von der einst von Tobias Engelsing (rechts) geleiteten Lokalredaktion (von links: Marlene Rosenfelder, Josef Siebler, Anja Wischer und Carola Stadtmüller) auf Händen getragen.
Bild aus vergangenen Tagen: Sylvia Ahlebrandt wird von der einst von Tobias Engelsing (rechts) geleiteten Lokalredaktion (von links: Marlene Rosenfelder, Josef Siebler, Anja Wischer und Carola Stadtmüller) auf Händen getragen. | Bild: Oliver Hanser

Daneben gibt es die Aufs und Abs des Lebens, die Lust und Sorgen des Alltags, die Enttäuschungen, Hoffnungen und Glücksfälle, über die Sylvia Ahlebrandt sich ihrerseits mit einigen ihrer langjährigen Kolleginnen und Kollegen austauschen konnte. Ob sie sich aber immer vollends in die Karten schauen ließ? Sie beherrscht die Diskretion auch in eigener Sache, und wenn‘s ihr zu bunt wird, dann greift sie zu einem probaten Mittel. Sie lacht. Und dieses Lachen – ihre Kollegen werden es vermissen.