Michael Buchmüller

Dietmar Schaffarczyk ist ein Tausendsassa. Er ist Mitgründer der Medizintechnikfirma Stimos. Und außerdem studierter Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Lehrbeauftragter an der ETH Zürich und inzwischen auch Prüfer für Zulassungen von medizintechnischen Produkten in Europa.

Tarnkappe für Implantate

Schaffarczyk kann und macht vieles. Hauptsächlich kümmert er sich aber um seine Firma. Diese stellt ein biochemisches Verfahren zur Verfügung, das Implantate so im Körper anwachsen lässt, dass dieser das Ersatzteil nicht als Fremdkörper wahrnimmt und womöglich abstößt. „Mehr als 15 Prozent aller Implantats-Operationen müssen wiederholt werden“, sagt Schaffarczyk. Meist, weil an der Schnittstelle zwischen Künstlichem und Körper Infektionen entstehen oder Implantate sich nach einer Zeit lockern.

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Stimos will diese Infektionen verhindern, „indem wir den Körperzellen ein attraktives Angebot machen, sodass sie gerne an das Implantat andocken“. Schaffarczyk greift zu anschaulichen Bildern, damit man den komplexen Vorgang versteht. „Und das schaffen wir, indem wir den Implantaten eine Art biochemische Tarnkappe überziehen.“ Damit erkenne die Körperzelle gar nicht mehr, aus welchem Stoff das Implantat eigentlich ist.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Implantate bestehen meist aus Metallen, Keramiken oder Kunststoffen. Also aus Stoffen, bei denen der Körper erst einmal keine rechte Lust hat, mit denen eine engere Verbindung einzugehen. Um aber genau diese Lust zu wecken, werden bisher Implantatoberflächen vorwiegend mit Titan beschichtet. Das kann allerdings allergische Reaktionen nach sich ziehen.

„Wir verwenden für die Tarnkappe das Material, was auch im Knochen vorkommt: Gelatine und Kalziumphosphat“, erklärt Schaffarczyk. Was zur Folge hat: Die Körperzellen zeigen sich angetan, weil ihnen das Gegenüber irgendwie ähnlich ist. Sie kommen interessiert näher. Und die Schnittstelle verwächst im besten Fall infektionsfrei. Studien belegten, so Schaffarczyk, dass es bei dem Verfahren einen signifikant positiven Unterschied zu den sonst verwendeten Standardmaterialien gibt.

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Weiter führt er aus, dass sich das Unternehmen als Dienstleister verstehe, das nicht einfach ein Patent anmeldet, um damit dieses Marktsegment zu beherrschen. „Wir bieten Lizenzen an, sodass andere Medizintechnikfirmen unser Verfahren für ihre Produkte einsetzen können.“ Erste Gespräche mit einer Firma, die Implantate für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie herstellt und vertreibt, seien schon geführt worden. Andere klopfen bereits an.

„Uns geht es primär um das Wohl des Patienten“, betont Schaffarczyk. Möglichst viele Menschen sollen in den Genuss eines störungsfrei anwachsenden Implantats kommen. Dem Philosophen nimmt man das ab. Das Unternehmen hat sich freiwillig zu einer Transparenzoffensive verpflichtet und stellt allen interessierten Anwendern und Patienten sämtliche Unterlagen und Testergebnisse zu den sicherheitsrelevanten Eigenschaften des Materials zur Verfügung. Diese Transparenz ist auf dem Markt ebenso einzigartig wie die Technologie selbst, ist sich Schaffarczyk sicher.

Zusammenarbeit mit Familienunternehmen aus Singen

2015 wurde Stimos gegründet, 2017 zertifiziert, da stiegen die Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBG) und der High-Tech-Gründerfonds (HTGF) bereits als Gesellschafter ein. Und im Juli 2020 kam auch noch eine Firma aus der Region hinzu: Wefa Inotec aus Singen. Die beschichten auch. Vorwiegend Autoteile. In naher Zukunft dann auch die Oberflächen von Implantaten?

Schaffarczyk erklärt, seine Firma werde vermehrt die Implantate selbst herstellen, und Wefa werde gefragt sein, seine Kompetenz in der Hochpräzisionsmechanik einzubringen: Eine Zusammenarbeit mit einem Familienunternehmen vor Ort, auf die sich der Geschäftsführer von Stimos freut.

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Und wie sieht die Zukunft aus? „Sicher wird die 3D-Technik auch in unserem Bereich Einzug halten.“ Passgenaue, für jeden Patienten angepasste Implantate, am besten im Krankenhaus ausgedruckt, das wird irgendwann kommen, ist sich Schaffarczyk sicher. „Und dann könnten die irgendwann so beschaffen sein, dass sie sich biologisch abbauen und durch körpereigene Zellen ersetzen lassen.“

Doch das ist noch Zukunftsmusik, wobei es hier vor allem um Synchronizität, um Gleichzeitigkeit, gehen wird. Um in der Bildsprache zu bleiben: Eine Körperzelle wird dem Implantat sagen müssen: „He, du kannst dich abbauen! Ich bin jetzt hier, um dich zu ersetzen.“ Stimos wird sich also weiterhin darum kümmern, dass die Kommunikation zwischen dem Körper und ihm eingepflanzten Fremdkörpern nicht abreißt.