Alma Schöning konnte es kaum glauben: Nach der Rückkehr von ihrem Schüleraustausch im französischen Nantes Mitte März wurde sie direkt in Quarantäne gesteckt. „Zwei Wochen zu Hause? Das geht nicht!“, dachte sich die 15-Jährige. „Wie soll ich den Schulstoff nachholen?“ Damals ahnte sie noch nicht, dass aus den zwei Wochen über drei Monate werden sollten.

Alma besucht die 9. Klasse des Suso-Gymnasiums. Eigentlich. Denn wie alle anderen Schüler lernte sie ab Mitte März zu Hause. Vor allem der Anfang war schwer. „Wir hatten zunächst nur einen Tauschordner auf der Schulwebsite, in dem Aufgaben für uns hinterlegt waren. Das Netz war so überlastet, dass alles schnell zusammenbrach.“

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Mit dem Einrichten der Moodle-Plattform lief es technisch besser. Zunächst orientierten sich die Lehrer am ursprünglichen Stundenplan, später wurden Wochenaufgaben gestellt. „So konnten wir uns die Zeit besser einteilen, damit kam ich gut zurecht“, berichtet Alma. „Über die Wochen habe ich mich beim Fernlernen eingependelt.“

Bei den Anforderungen fehlt (noch) die Balance

Dennoch übt sie deutliche Kritik am Homeschooling: „Manche Lehrer gaben uns sehr detaillierte Rückmeldung zu unseren Aufgaben, andere gar nicht. Einige Lehrer verlangten auch deutlich mehr, als wir im normalen Unterricht geschafft hätten“, meint Alma. Videokonferenzen fand sie nicht sehr produktiv: „Ein Austausch wie im Klassenzimmer kann über Zoom nicht stattfinden.“

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Die 14-jährige Lotte Taxböck von der Gemeinschaftsschule Gebhard sagt: „Ich weiß es jetzt viel mehr zu schätzen, dass ich wieder zur Schule gehen darf – wenn auch vorerst nur zwei Stunden am Tag.“ Denn das Lernen zu Hause hatte Nachteile: Mehr Zickereien unter den Geschwistern, Kontakt zu Freunden nur über soziale Medien und belastete Eltern, die alles unter einen Hut bringen mussten.

Die 14-jährige Lotte Taxböck von der Gemeinschaftsschule Gebhard Konstanz.
Die 14-jährige Lotte Taxböck von der Gemeinschaftsschule Gebhard Konstanz. | Bild: privat

„Manche Lehrer erstellten Erklärvideos und luden sie auf ihrem eigenen Youtube-Kanal hoch, das war toll“, sagt Lotte. Andere wiederum hätten zu viele Aufgaben gestellt oder keine Rückmeldung gegeben.

Hausaufgaben ohne Drucker sind anstrengend

Für Yagana Yusufi (14) vom Humboldt-Gymnasium waren die vergangenen Monate besonders schwer: Die Familie flüchtete erst vor vier Jahren aus Afghanistan, zog kurz vor dem Lockdown in eine eigene Wohnung in Dingelsdorf und hatte zunächst keine Möbel. Die Geschäfte waren zu, die Familie konnte sich nicht einrichten.

Die 14-jährige Yagana Yusufi besucht das Humboldt-Gymnasium.
Die 14-jährige Yagana Yusufi besucht das Humboldt-Gymnasium. | Bild: privat

Dazu kamen die Schulaufgaben, bei denen Yaganas Eltern nicht helfen konnten. Sie selbst jedoch musste ihren drei jüngeren Geschwistern beiseite stehen. Und das alles mit nur einem Computer für die ganze Familie. „Da anfangs auch ein Drucker fehlte, habe ich viele Aufgaben per Hand abgeschrieben, das war anstrengend“, sagt Yagana.

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Die 14-Jährige freut sich deshalb sehr, dass sie vor den Sommerferien noch zwei Wochen Schule hat. „Dort ist es für mich leichter, ich kann direkt Fragen stellen. Und ich kann endlich all meine Freundinnen wiedersehen.“ Auch Alma freute sich über die Rückkehr in den Präsenzunterricht. Doch nur an einzelnen Tagen für wenige Stunden auf Lehrer und Klassenkameraden zu treffen, findet sie nicht sinnvoll.

Die 15-jährige Alma, Schülerin am Suso-Gymnasium, und ihr Vater Thomas Schöning.
Die 15-jährige Alma, Schülerin am Suso-Gymnasium, und ihr Vater Thomas Schöning. | Bild: Kirsten Astor

„Da lernt man nicht mehr als zu Hause. Und in der Turnhalle hallt es so sehr, dass es richtig anstrengend ist. Ich frage mich, warum wir so kurz vor den Sommerferien unter diesen Umständen in die Schule gehen sollen.“

Mindestabstand ist nicht überall möglich

Während Alma eine vollständige Öffnung der Schulen ohne Abstandsregeln begrüßen würde, will der 17-jährige Patrick Naghi vom Humboldt-Gymnasium das Gegenteil. „Die Tische stehen oft nicht weit genug auseinander, in Gängen wird der Abstand auch nicht eingehalten. Das Virus ist aber nicht weg“, sagt Patrick.

Der 17-jährige Patrick Naghi vom Humboldt-Gymnasium Konstanz.
Der 17-jährige Patrick Naghi vom Humboldt-Gymnasium Konstanz. | Bild: Kirsten Astor

„Vor den Pfingstferien hatten wir Oberstufenschüler auch schon richtigen Unterricht, aber nur in den Hauptfächern. Jetzt haben wir wieder 37 statt 16 Wochenstunden, mit allen Nebenfächern. Wir riskieren für Musik, Kunst oder Sport unsere Gesundheit“, so Patrick. Für ihn wäre es in Ordnung, für die Hauptfächer in die Schule zu kommen und parallel für die Nebenfächer zu Hause zu lernen.

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So aber sitzen Patrick, sein Freund Hannes Hessler und weitere Humboldt-Schüler entweder aufgeteilt in benachbarten Klassenzimmern, und der Lehrer läuft hin und her. Oder sie werden in der Mensa oder Aula unterrichtet.

Die Mutter muss ihre Arbeit hinten anstellen

Der 17-jährige Hannes findet die Aufteilung unter den Jahrgängen auch seltsam. „Wir haben etwa 90 Prozent unseres Unterrichts in der Schule, mein kleiner Bruder in der 5. Klasse nur rund zehn Prozent. Dabei braucht er viel mehr Hilfe als ich, meine Mutter muss für ihn ihre eigene Arbeit verschieben.“

Der 17-jährige Hannes Hessler vom Humboldt-Gymnasium Konstanz.
Der 17-jährige Hannes Hessler vom Humboldt-Gymnasium Konstanz. | Bild: Kirsten Astor

Die Zeit des Homeschoolings beurteilen Patrick und Hannes wie die anderen: Es hing sehr vom Lehrer ab, wie gut es lief. Und von der Geduld der Eltern.

Vater: „Fernlernen kann den Unterricht nicht ersetzen“

Almas Vater Thomas Schöning stand seiner Tochter zu Hause gern zur Seite, wenn nötig. Doch er sagt: „Fernlernen kann den Unterricht an der Schule nicht ersetzen.“ Daher plädiert er wie Alma für die vollständige Öffnung der Schulen. Er sieht aber nicht, dass diese sinnvoll arbeiten können, wenn weiterhin Abstandsregeln gelten und ein Teil der Lehrer zu Hause bleibt, weil er zur Risikogruppe gehört.

Einen Schichtbetrieb mit parallelem Homeschooling hält Schöning erst recht nicht für gut umsetzbar. Für den Mathematiker und Informatiker ist klar: „Die Menschen sollten wieder lernen, Risiken richtig einzuschätzen. Ich bin weit davon entfernt, die Pandemie zu ignorieren. Aber ich rechne auch in Wahrscheinlichkeiten, und momentan haben wir im Landkreis keine Infizierten.“

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