Der Internist und Arzt Ewald Weisschedel hat schon Anfang der 1990er-Jahre erlebt, wie desolat der körperliche Zustand obdachloser Menschen oft ist. „Die gehen nur dann zum Arzt, wenn es brennt.“ Der heute 71-Jährige bot deshalb an der früheren Anlaufstelle für Obdachlose – heute befindet sich auf dem Gelände das Einkaufszentrum Lago – selbst Behandlungsmöglichkeiten für Menschen ohne Wohnsitz an.

Ewald Weisschedel
Ewald Weisschedel | Bild: Scherrer, Aurelia/SK-Archiv

Über seine Motive sagt er: „Warum ist man Arzt? Ich habe das Elend gesehen und hatte die Möglichkeiten und Fähigkeiten, zur Besserung beizutragen.“ Heute setzt sich der Stadtrat der Freien Wähler und Rotarier auch ideell dafür ein, dass das Angebot des AGJ-Fachverbands weiter bestehen kann. Wichtig sei, dort anzusetzen, wo die Obdachlosen sowieso hinkommen, also etwa an der Tagesstätte am Lutherplatz.

Sandra Simnacher ist seit 19 Jahren die Krankenschwester in der medizinischen Ambulanz für Obdachlose. Mal stand ein Herzkranker ohne Geld und Krankenversicherung vor der Tür, ein anderes Mal entdeckte sie in einer der Notunterkünfte der Stadt einen Mann, der zu erblinden drohte. Sie untersucht Menschen von der Straße, sie motiviert sie, auf ihre Gesundheit zu achten und bei Bedarf einen Arzt oder das Krankenhaus aufzusuchen. Oft muss sie zuvor abklären, wie jemand wieder in eine Krankenversicherung kommt.

Mehr Menschen benötigten medizinische Versorgung

Seitdem das Coronavirus um sich greift, hat sich das Volumen an medizinischen Leistungen und Beratungen fast verdoppelt, berichten Simnacher sowie Jörg Fröhlich, Leiter der Tagesstätte für Menschen ohne Wohnsitz am Lutherplatz. Dort hat die medizinische Ambulanz ihren Sitz. Im Jahr 2020 nahmen 224 Menschen mehr als 3300 medizinische Maßnahmen in Anspruch. Im Jahr davor, noch ohne Corona, waren es 210 und 1500. Sie sei nun auch verstärkt an Plätzen unterwegs, an denen sich Obdachlose aufhalten oder von der Stadt untergebracht werden. „Mit Corona ist das mehr geworden“, sagt Simnacher.

Dabei stieß sie auch auf den Mann, der sein Augenlicht verlor. Über Monate hinweg habe sie diesen begleitet und dafür gesorgt, dass er bei einem Spezialisten untersucht werden konnte. Inzwischen sei der Mann an beiden Augen operiert und könne wieder sehen. Zudem habe er einen vorübergehenden Wohnsitz und soziale Begleitung. Rückblickend sagt die Krankenschwester: „Es war ein langer und schwieriger Weg“.

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