Zahide Sarikas gehört zu den Mutigen. Während die anderen Mitglieder des Konstanzer Gemeinderats schön brav um den stellenweise etwa einen Meter tiefen Graben herumgehen, stürzt sie sich im Laufschritt hinein, gewinnt an Tempo und nimmt so leichtfüßig die Schanze am Ende des in den Waldboden am Taborberg gegrabenen Trails. Oben angelangt überragt die SPD-Rätin den Rest der Teilnehmer – inklusive Oberbürgermeister Uli Burchardt. Mit breitem Lächeln darf sie sich wie eine Siegerin fühlen. Die anderen gönnen ihr den Triumph.

So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn Biker durch den Wald flitzen. Das ist Sport, Geschicklichkeit, Wagemut. Die Schanze aber ist mehr: Es muss sich um den ultimativen Kick handeln, wenn auf dem abschüssigen Gelände in voller Fahrt der Graben naht, das Tempo sich zwangsläufig erhöht und anschließend der Biker über die Schanze schießt, womöglich verfeinert mit einer akrobatischen Einlage im freien Flug. Wieviel Adrenalin wird allein hier freigesetzt? Wieviel an all den anderen Anlagen, die während der Pandemie in den Wäldern entstanden? Und was in Dreiherrgottsnamen hat die Politik daran auszusetzen?

Das könnte Sie auch interessieren

Die Antwort: Für Stadträte gibt es zunächst einmal gar nichts zu meckern, denn so richtig Ahnung von dem, was da in den Wäldern vor sich geht, haben sie nicht. Das zu ändern ist der Sinn der Waldbegehung, bei der die Revierleiterin des Konstanzer Stadtwaldes, Irmgard Weishaupt, und Walter Jäger vom Forstamt des Landkreises über das Für und Wider der Nutzung des Waldes aufklären. Ökonomisch ist er eine Art Sparkasse, ökologisch zugleich unbezahlbar, im Zuge des Klimawandels und der dadurch mehr oder weniger willkürlich umfallenden Bäume zunehmend eine Risikozone für Leib und Leben – nicht zuletzt aber ist der Wald als Naherholungsgebiet ein Rückzugsraum und Freizeitgelände. Und am Beispiel der Schanze erklären die Forstleute, wie alles mit allem zusammenhängt.

Illegales Bauwerk: Mitten im Wald am Taborberg befindet sich diese Biker-Anlage mit Schanze. Obenauf die SPD-Stadträtin Zahide Sarikas, die bei der Waldbegehung scherzhafterweise den Trail zum Kurzsprint nutzte.
Illegales Bauwerk: Mitten im Wald am Taborberg befindet sich diese Biker-Anlage mit Schanze. Obenauf die SPD-Stadträtin Zahide Sarikas, die bei der Waldbegehung scherzhafterweise den Trail zum Kurzsprint nutzte. | Bild: Tesche, Sabine

Walter Jäger erläutert dabei, was mit bloßem Auge zu sehen ist. „Bei dem Graben und der Schanze handelt es sich um einen massiven Eingriff mit auf den ersten Blick nicht erkennbaren Schäden für den Boden und die Wurzeln der Bäume.“ Irmgard Weishaupt ergänzt, dass die Stadträte mit dem Graben und der Schanze das Beispiel eines „extremen Bauwerks“ besichtigen, das aber längst nicht einzigartig sei. Das wiederum verdeutliche, dass durch Corona der Wald eine neue Wertschätzung erfahre – an sich eine gute Sache, aber dennoch illegale Praxis. Das gelte im Übrigen ebenso für die Trails, die dadurch entstehen, dass die Biker frei nach Laune durch den Wald fahren und so nach und nach eine Spur entsteht.

Illegale Bauwerke

Sowohl für die Sportler wie für die Waldbesitzer ist diese Entwicklung juristisch heikel. Bekanntlich schützt Unwissenheit nicht vor Strafe, weshalb die Biker mit ihrem unbedachten Vorgehen sich unversehens vor Gericht wiederfinden könnten. Auf der anderen Seite geraten die Waldbesitzer in die Bredouille, wenn sie die rechtlich als „Bauwerke“ zu wertenden Biker-Anlagen dulden. Nach Angaben von Walter Jäger geht damit eine Haftung einher, weshalb sie sich bei einem Unfall im Zweifel ebenfalls vor Gericht wiederfinden könnten. Unter diesem Gesichtspunkt bekommt sogar der scherzhafte Sprint von Stadträtin Zahide Sarikas eine bedenkliche Note.

Patrick Glatt vom städtischen Amt für Bildung und Sport unterdessen weiß, dass mit Juristerei den Problemen kaum beizukommen ist. Der Abriss von Biker-Anlagen oder der Rückbau von Trails bringe angesichts des feststellbaren Wildwuchses nichts, stattdessen bemüht er sich um eine Mischung aus Akzeptanz für die Bedürfnisse der Biker in Kombination mit deren Verantwortungsbewusstsein und Eigenkontrolle. Das Ziel besteht in einem Kompromiss: Die Anarchie im Wald könnte durch die Legalisierung eines Teils der Trails begrenzt werden, wenn den Bikern bewusst wird, dass mit jedem neuen Bauwerk, jedem neuen Weg im Zweifel die gesamte Sportart aufs Spiel gesetzt wird.