Herr Herwig, wie wirkt sich die derzeitige Ausnahmesituation auf die Arbeit am ZfP aus?

Wir haben derzeit noch keine psychiatrischen Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Wir bereiten unsere Strukturen aber darauf vor, auch diese behandeln zu können. Natürlich spielt das Thema Corona eine große Rolle auch bei uns, es bestimmt zu großen Teilen unseren Alltag.

Sind Ihre Patienten durch die Corona-Krise stärker belastet?

Noch erleben wir das nicht in besonderem Maße. Aber es ist mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten, wenn die derzeit geltenden Einschränkungen noch einige Wochen bestehen bleiben. Auch gelangen dann Menschen, die auf der Schwelle zu einer akuten psychischen Krise stehen, leichter über diese Schwelle. Da geht es vor allem um die Entwicklung von Depressionen, Ängsten oder Süchten. Auch ein bereits bestehender Hang zur Aggressivität könnte sich nun erhöhen.

Die meisten Menschen haben das Glück, bislang nicht davon betroffen zu sein. Worin bestehen die Gefahren für psychisch gesunde Menschen?

Zunächst schlägt sich die Belastung auf die allgemeine Stimmung nieder. Wir sind besorgt um unsere Gesundheit und die der Angehörigen und uns fehlen die üblichen sozialen Kontakte. Außerdem steigt bei vielen die Angst um die eigene Existenz. Und das für einen großen Teil der Bevölkerung, da viele Bereiche von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise betroffen sind. Wir neigen dazu, uns schlimme Entwicklungen auszumalen, auch wenn diese nicht eintreten müssen, und das bedeutet Stress.

Wie könnte sich das auswirken?

Das kommt auf das Wesen jedes Einzelnen an. Wir sprechen vom Muster Fight, Flight or Freeze, zu Deutsch: Kämpfen, Flüchten oder Erstarren. Kämpfen kann positiv sein und wichtig, indem man aktiv gegen das Virus handelt. Es besteht aber auch die Gefahr, aggressiver gegenüber dem Umfeld zu werden. Oder wir reagieren mit Rückzug bis hin zu einer depressiven Verstimmung oder Vermeidung mit zum Beispiel Flucht in den Alkohol.

Niemand möchte derzeit in der Rolle von Politikern sein, die eine schlechte Nachricht an die nächste reihten. Wäre es wichtig, dass wir mehr gute Neuigkeiten hören?

Gute Neuigkeiten gerne. Aber nicht, alles werde bald gut oder zu früh gesetzte Endzeitpunkte. So lange wir dies nicht wissen, ist es besser, kritische Szenarien zu zeichnen. Stellen Sie sich vor, es würden der Eindruck einer Entspannung der Lage vermittelt – und dann tritt diese doch nicht ein. Dann haben wir ein echtes Problem: Enttäuschte Hoffnungen führen häufig zu Gegenreaktionen. Mit der Folge, dass wir das Vertrauen in die Politik verlieren.

...und die von ihr auferlegten Regeln nicht mehr befolgen?

Genau. Deshalb ist es der richtige Weg von Politikern und Wissenschaftlern, stets zu wiederholen: Es ist noch nicht vorbei. Hier helfen ganz klare Beschreibungen der Situation: Die Kurve der Neuinfektionen steigt nicht mehr so stark an, aber sie steigt eben noch an.

Seit Einführung der Kontaktsperre und Ausgangsbeschränkungen hat ein Umdenken der Menschen stattgefunden. Sind Sie von der plötzlichen Disziplin überrascht?

Nein, ich glaube, die allermeisten von uns haben den Ernst der Lage verstanden. Wir kennen Krisensituationen auch aus dem persönlichen Bereich: Wenn es im Leben einmal kritisch wird, dann wappnen wir uns und handeln. Das passiert jetzt auf gesellschaftlicher Ebene. Hier fand ich die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel richtig.

Welche da lauteten?

Sie spricht sinngemäß an, dass wir uns als Gemeinschaft verstehen, jeder von uns ist ein Teil, die einem Gegner – gemeint ist das Virus – gegenübersteht. Sie betont, dass es bei der Bekämpfung dieses Gegners auf jeden Einzelnen ankommt, und zwar durch aktives, gemeinschaftliches Handeln. Wir sind also nicht hilflos, sondern jeder Einzelne von uns kann etwas tun, jeder nach seinen Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Schutzregeln aus eigener Entscheidung einhalten. Und zum Gemeinschaftlichen gehört auch, den Menschen in unserem Umfeld gegenüber fürsorglich und auch nachsichtig sein.

Wenn wir nach draußen schauen, scheint die Sonne, der Himmel ist klar. Niemand fuchtelt mit einem Gewehr vor uns herum oder stellt eine unmittelbare Gefahr dar. Wie schwer ist ein Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner?

Erstens ist es gut, dass Medien das Virus von Anfang an sichtbar gemacht haben. Jeder kennt inzwischen das Bild der Kugel mit den kleinen Knöpfen. Zudem wissen wir alle, wie sich eine Grippe äußert. Wir kennen die medizinischen Grundprinzipien, die wir abrufen müssen – natürlich in einer völlig unbekannten Dimension. Hilfreich, um der Bedrohung das Unheimliche zu nehmen, sind klare Vorgaben wie: zwei Meter Abstand halten oder in den Ellbogen niesen.

Je länger die harten Einschnitte unseres Alltags bestehen, desto öfter kommt der Wunsch nach Rückkehr zur Normalität auf. Was können wir tun, wenn wir uns dabei erwischen, die Lage zu verharmlosen?

Wir können uns immer wieder als Teil der Gemeinschaft im Kampf gegen das Virus identifizieren. Und uns vergegenwärtigen, was eine solche Verharmlosung für unsere Mitmenschen bedeuten würde. Wollen wir diese, oder uns selbst, wirklich einer Gefahr aussetzen, nur weil wir egoistisch und nachlässig sind? Dennoch brauchen wir klare Kriterien und Ziele vor Augen. Entsprechende Botschaften der Politiker gibt es bereits, sie sollten aber in naher Zeit auch Ausstiegsszenarien vorzeichnen. Wir müssen vermittelt bekommen: Wenn x geschafft ist, dann wird y auch wieder möglich und erlaubt.

Führt das nicht dazu, dass wir einen Schuldigen suchen könnten, der uns die Erfüllung dieses Wunsches zunichte macht?

Die aktuellen Vorgaben bedeuten einen schmalen Grat zwischen möglicher Bestrafung oder Stigmatisierung auf der einen Seite und gesamtgesellschaftlicher Einbindung auf der anderen. Sätze wie ‚Komm, mach mit, bringe dich ein‘ sind hilfreicher als das Verhängen von Bußgeldern bei Verletzung dieser Regeln – auch wenn manche Menschen diesen Antreiber leider benötigen. Solidarisches Verhalten aber ist häufiger und tut gut.

Viele Menschen müssen derzeit weitgehend allein zu Hause bleiben, seien es Singles oder ältere Leute. Wie gehen wir mit der Belastung durch fehlende Beziehungen zur Außenwelt um?

So scheinbar trivial es klingt: Sich konkrete Pläne zu machen, ist hilfreich: Wie lässt sich vorab vermeiden, dass das Alleinsein zum Problem wird? Wir können ja noch in Kontakt mit anderen treten, Skype-Gespräche oder Telefonate führen, auch das Gespräch übers Fenster hinweg. Am besten nicht hoffen, dass jemand anderes mich kontaktiert, sondern selbst loslegen: Der andere wartet vielleicht auch darauf. Vielleicht auch wieder Kontakt zu Jemandem von ganz früher aufnehmen. Es ist ganz wichtig, dass wir Beziehungen unter den gegebenen Umständen aktiv pflegen. Und wir können ja noch rausgehen, joggen oder spazieren. Wir können – wenn auch mit dem gegebenen Abstand – uns mit anderen unterhalten, anderen zuwinken oder -lächeln. Abgesehen davon bleibt jetzt vielleicht die Zeit, endlich einmal eine lange gehegte Online-Fortbildung zu machen.

Es hat ja auch sein Gutes, wir schalten einfach in den Freizeitmodus um.

Kurzfristig sicher, dies dient auch der Entspannung. Mittelfristig nicht unbedingt. Eine Tagesstruktur ist auf die Dauer wichtig. Wem diese droht verloren zu gehen, kann konkret planen: Um 8 Uhr stehe ich auf, um 11 Uhr gehe ich raus und mache Sport, mittags koche ich mir etwas Gesundes, um 14 Uhr rufe ich meine Freundin an; und versuchen, dies auch soweit möglich umzusetzen.

Können Sie erklären, warum von Wissenschaftlern gerade eine Faszination von nie gekanntem Ausmaß ausgeht? Vor Corona hätte ein Virologe wohl kein Millionen-Publikum mit einem Podcast gewinnen oder gar zum medialen Star werden können?

Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat sich herausgestellt, dass Wissende die besten Ratgeber sind. Wir vertrauen aus Erfahrung darauf, dass jemand, der sich mit viel Zeit einem Thema fachlich gewidmet hat, uns mit höherer Verlässlichkeit die richtigen Handlungen empfiehlt. Das kennen wir vom Automechaniker oder Handwerker genauso wie jetzt von einem Virologen.

Fragen: Benjamin Brumm