Die Begrüßung des Reporters nach über einem Jahr ist herzlich. „Es geht uns ganz gut. Besser als damals“, sagt Tatjana Zubar und lächelt. Ihr Mann Nikolai nickt zustimmend. „Kommen Sie bitte herein. Wir haben Tee gekocht.“ Der aromatische Duft des Kräutertees zieht durch die Wohnung in der Mainaustraße, der Esstisch ist liebevoll gedeckt. Es gibt Kuchen und Plätzchen. Ein Strauß bunter Blumen verbreitet fast schon frühlingshafte Stimmung, auch wenn draußen vor der Tür längst der Herbst eingezogen ist und der Wind hunderte Blätter durch die Luft tanzen lässt.

Bild: Schuler, Andreas

„Ich freue mich, wenn ich die Sonne sehe, den Himmel und Blumen“, erzählt Tatjana Zubar. „Das Leben ist doch so schön. Ich fotografiere alles.“ Ihr Mann hebt den linken Arm leicht an, spreizt Daumen und Zeigefinger und lässt ein paar Zentimeter Raum dazwischen. „So viel hat gefehlt. Nur so viel Platz lag für uns zwischen Leben und Tod.“ Mit der anderen Hand klopft er gegen seine Beinprothese, die ihn immer an den schrecklichen Unfall erinnern wird. „Wir haben Glück, dass wir noch leben.“

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Bild: Schuler, Andreas

Von einer Sekunde zur anderen änderte sich das Leben

Glück. Die Bedeutung dieses Begriffes war für die Zubars lange Zeit verborgen. Es war im Mai 2018, als sie sich auf den Weg ins Appenzell machten, um dort wie so oft einen schönen Tag in den Alpen zu verbringen. So weit sollte es aber nicht kommen. Zwischen Bottighofen und Münsterlingen änderte sich das Leben der beiden. Von einer Sekunde zur anderen. Plötzlich. Ohne Vorwarnung. Einfach so. In Form eines anfliegenden Autos, das sich in ihres bohrte.

„Wir waren im Auto eingeklemmt. Bekamen keine Luft mehr“

Die Polizei rekonstruierte später, dass der Unfallverursacher auf der Linksabbiegerspur während eines Überholvorgangs zu spät bemerkte, dass die Spur endete – das Auto wurde durch den Aufprall auf eine Laterne und auf einen Randstein in die Luft katapultiert, prallte mit rekonstruierten 137 Stundenkilometer direkt auf das aus Konstanz kommende Fahrzeug. „Wir waren eingeklemmt, bekamen schnell keine Luft mehr, da Fenster und Türen verschlossen waren“, erinnert sich Nikolai Zubar. „Meine Frau war sofort bewusstlos, ich tastete meinen Körper ab und dachte zunächst, dass ich nichts Schlimmes hätte.“

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„Mein Bein hing nur noch so da“

Schnell waren Ersthelfer am Ort, ebenfalls Polizei, Notarzt uns Rettungswagen. Mit Schneidemaschinen wurde der hintere Teil des Autos entfernt, um an die Opfer zu gelangen. „Ich wurde von hinten gezogen“, so Nicolai Zubar. „Da bemerkte ich erst, dass mein linkes Bein voller Blut war und es nur noch so da hing.“

Bild: Schuler, Andreas

Die Frau des Unfallverursachers starb noch am Unfallort

Er wurde mit dem Hubschrauber ins Spital nach Ravensburg gebracht, seine Frau nach St. Gallen. Noch in der Nacht wurden beide operiert. Er zehn Stunden am Bein, sie mehrere Stunden an zahlreichen verletzten inneren Organen – der Anfang eines OP-Marathons. Nikolai Zubar kam 23 Mal unters Messer, Tatjana Zubar dreimal. Nikolai Zubars Bein wurde zunächst unterhalb des Knies amputiert. Aufgrund von Komplikationen dann aber in einer weiteren Operation oberhalb des Knies. Die Frau des Unfallverursachers verstarb noch am Unfallort.

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Der Unfall hat alles verändert. Nichts ist mehr, wie es vorher war. „Unsere Töchter und ihre Familien sind unser großes Glück“, sagt Tatjana Zubar und rührt mit dem kleinen Löffel in ihrem Tee. Den hat eine der beiden Töchter aus Holland mitgebracht, sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern dort. „Sie kommt uns oft besuchen und hilft“, erzählt Tatjana Zubar. Auch die zweite Tochter aus Kreuzlingen und ihre Familie sind oft da und unterstützen die Eltern. „Ja, wirklich. Die Mädchen und unsere Enkel sind unser Glück.“

Voller Dankbarkeit zeigen die Zubars Umschläge von SÜDKURIER-Lesern – darin befinden sich Geldspenden.
Voller Dankbarkeit zeigen die Zubars Umschläge von SÜDKURIER-Lesern – darin befinden sich Geldspenden. | Bild: Schuler, Andreas

Dank an die SÜDKURIER-Leser

Sie atmet tief durch, unterdrückt sichtlich eine Träne. „Und wie sehr uns ihre Leser geholfen haben. Unglaublich. Diese Menschlichkeit und diese Hilfsbereitschaft. Wir danken den Menschen von ganzem Herzen. Das hat uns geholfen, finanziell zu überleben.“ Seit dem Frühjahr können beide immerhin wieder arbeiten. „Das war sehr wichtig für uns“, sagen sie. „Arbeit gibt uns das Gefühl, gebraucht zu werden. Ohne Arbeit fühlt man sich schlecht.“

Video: Schuler, Andreas

Die Versicherung des Unfallverursachers hat nach Angaben der Zubars bisher gerade Mal 5000 Franken überwiesen. „Das hat kaum für unser Auto gereicht“, wie Nikolai sagt. „Wir hatten nichts mehr zum Leben und hätten bald schon aus unserer Wohnung ausziehen müssen.“ Ein Termin für die Gerichtsverhandlung steht auch noch nicht fest – frühstens kurz vor Weihnachten soll es so weit sein.

Eine Geld- und Schokoladenspende.
Eine Geld- und Schokoladenspende. | Bild: Oliver Hanser

Nach dem Artikel im SÜDKURIER über das tragische Schicksal der Zubars vor rund einem Jahr ging eine große Welle der Hilfsbereitschaft durch unsere Region. Zahlreiche Briefumschläge wurden anonym in den SÜDKURIER-Redaktionen zwischen Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein für die Familie abgegeben. Vereine sammelten Geld, Künstler spendeten Einnahmen. Mehr als 10 000 Euro kamen so zusammen.

Dieses Bild entstand im Herbst 2019. Damals schilderten die Zubars ihr Leben nach dem Unfall – und erhielten daraufhin viele Spenden von SÜDKURIER-Lesern.
Dieses Bild entstand im Herbst 2019. Damals schilderten die Zubars ihr Leben nach dem Unfall – und erhielten daraufhin viele Spenden von SÜDKURIER-Lesern. | Bild: Oliver Hanser

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