Eine Schauermär versprechen Plakat und Handzettel. Und zwar für ein „lebendes Ensemble“. Es bleibt die berechtigte Hoffnung, dass dies am Ende der Aufführungen immer noch gilt. Denn ab Samstag, 18. Juni, entlässt das Stadttheater Konstanz an 27 Abenden Nosferatu auf den Münsterplatz – einen Vampir mit enger literarischer Verwandtschaft zu seinem wohl berühmtesten Artgenossen: Dracula.

Sarah Siri Lee König als Mathilda und Luise Harder (rechts, von hinten), die den Nosferatu gibt.
Sarah Siri Lee König als Mathilda und Luise Harder (rechts, von hinten), die den Nosferatu gibt. | Bild: Ilja Mess, Theater Konstanz

„Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ heißt ein Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922. Er bildet die Grundlage für die Konstanzer Theaterversion, die eigens von Stephan Teuwissen geschaffen wurde. Die Ausstattung sei an die 1920er-Jahre angelehnt, trotzdem versuche man, die Geschichte in die Zeitlosigkeit zu holen, erklärt Lena Hiebel, die sich für Bühne und Kostüm verantwortlich zeichnet.

Die Farben, mit denen Hiebel spielt, sind nicht schwarz-weiß. „Es gibt sehr viel Grün, ein bisschen Gelb und Rot“, erläutert Hiebel. „Auch Nosferatu ist nicht schwarz, sondern grün. Das passt gut. Er ist trotzdem unheimlich und niemand, mit dem ich gerne Kaffee trinken gehen würde.“

„Den Zuschauer erwartet kein blanker, brutaler Horror. Alles findet im Kopf statt. Das Stück kann auch von Zwölf- oder 13-Jährigen angeschaut werden“, verspricht Dramaturgin Meike Sasse. „Aber ich will auch keinen Schwank spielen“, betont Sasse. „Das ist eher wie ein Wimmelbild. Stefan hat eine eigene Art zu schreiben. Es gibt keine Monster, auch wenn eine Bissszene stattfindet“, ergänzt sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Regisseurin Mélanie Huber betont: „Die Brutalität in Filmen von heute interessiert mich nicht.“ Es wird also kein Blut meterweit spritzen. Trotzdem, davon ist sie überzeugt, werden die Zuschauer erschauern und eine Gänsehaut bekommen. Teuwissen habe den Nosferatu-Stoff schon einmal bearbeitet. Das sei jedoch eher wie ein Monolog angelegt, berichtet Huber. Für die Konstanz angepasste Variante brauchte es einige Zeit.

Story mit Bezug zu Konstanz

„Er zeigte mir immer die neueste Fassung: Ich habe sie dann gegengelesen. So haben wir den Stoff über ein Jahr hinweg kontinuierlich aufgebaut. Der Autor hat sehr gut recherchiert“, erklärt sie. So gebe es Bezüge zu Persönlichkeiten wie den damaligen Oberbürgermeister Otto Moericke oder Münsterpfarrer Conrad Gröber.

Die Schweizer Theater- und Opernregisseurin Mélanie Huber betont: „Die Brutalität in Filmen von heute interessiert mich nicht.“
Die Schweizer Theater- und Opernregisseurin Mélanie Huber betont: „Die Brutalität in Filmen von heute interessiert mich nicht.“ | Bild: T+T Fotografie

Heraus gekommen seien Nosferatu und weitere sechs Figuren, alles mit viel Stimmung und Sinnlichkeit, erläutert die Regisseurin. Aus ihren sieben festen Rollen wechseln die Schauspieler immer wieder in den Chor, der die ganze Geschichte erzählt und kommentiert, mal in einer transsylvanischen Taverne, mal sind sie Geister oder ein krähender Hahn.

„Der Chor gibt Energie und bildet den Fokus“, betont Huber. Und Meike Sasse ergänzt: „Es passieren auch Dinge, die nichts mit der Geschichte zu tun haben; aber das bringt Lebendigkeit.“

Dramaturgin Meike Sasse sagt: „Alles findet im Kopf statt.“
Dramaturgin Meike Sasse sagt: „Alles findet im Kopf statt.“ | Bild: Ilja Mess, Theater Konstanz

In Arbeiten von Mélanie Huber spielt Musik eine große Rolle. Für den Konstanzer Nosferatu hat der rumänische Komponist Sebastian Androne-Nakanishi die Stücke für eine Blaskapelle mit Schlaginstrumenten geschrieben. Er sei an der Grenze zu Transsylvanien aufgewachsen, berichtet die Regisseurin.

Das könnte Sie auch interessieren

Inzwischen stehe auch fest, „wo wir schneller sein müssen und wo gekürzt wird“. Die Musik sei anspruchsvoll, erklärt Meike Sasse. „Aber ich gehe oft mit Ohrwürmern raus“, beschreibt sie ihr Empfinden.

Szenenfoto: Hinten links Luise Harder, hinten Sarah Siri Lee König, vorn von links Ingo Biermann, Julian Mantaj, Odo Jergitsch, Patrick ...
Szenenfoto: Hinten links Luise Harder, hinten Sarah Siri Lee König, vorn von links Ingo Biermann, Julian Mantaj, Odo Jergitsch, Patrick O. Beck (unten) und Jonas Pätzold | Bild: Ilja Mess, Theater Konstanz

Geprobt und gefeilt wird bis zum Schluss. Während des Pressetermins stehen Sarah Siri Lee König als Mathilda und Julian Mantaj als Bert Hutter, ihr Verlobter, auf der Bühne. Sie schreit ihn an: „Geh oder bleib! Zögern zermürbt!“ Mélanie Huber leitet an, verbessert Gesten und Bewegungen.

Änderungen bis zum letzten Moment

Die selbstbewusste Mathilda schüchtert ihren Bert spürbar ein. Schließlich ist die Regisseurin zufrieden, die Schauspieler dürfen die sonnenbestrahlte Bühne verlassen. „Es gibt immer ein paar Scharniere, die noch quietschen. Ich musste heute eine Szene voll ändern“, erklärt Huber. „Wir werden bis Freitagvormittag was ändern“, kündigt sie an.

Das könnte Sie auch interessieren

Am Abend ist dann die Generalprobe, die so sein soll wie die folgenden Aufführungen, „Das darf nicht eine Woche vorher fertig sein; dann stimmt was nicht“, bekräftigt Mélanie Huber.