Zum Beispiel: die neue Freundlichkeit

Auch ein fieses widerliches kleines Virus hat seine guten Seiten. Zumindest wirkt es charakterbildend. Was sind wir es gewohnt, ja, auch in dieser freundlichen Stadt, grußlos aneinander vorbei zu gehen, joggen, einander nicht wahrzunehmen. Damit ist es vorbei. Seit Beginn der Verordnung zur Kontaktvermeidung können Läufer, Familien, Hundebesitzer plötzlich grüßen, lächeln, und – höflichst aneinander vorbei. Zur Not auch querfeldein ins Gestrüpp, wenn der Waldweg zu schmal ist. Ein freundlicher Gruß für die Mühe – und weiter geht‘s!

Die neue Linientreue...

...an der arbeiten wir noch. Alle sollen im Corona-Alltag lernen, Abstand zu halten. Frankenkurs, Immobilienpreise – alles unwichtig! 1,50 Meter ist unsere neue Maßzahl. Überall erinnern uns schwarz-gelbe oder rot-weiße Linien daran, unsere Grenzen nicht zu überschreiten.

Die neuen Linien auf dem Wochenmakt zeigen den Kunden, wo sie stehen dürfen und wo sie Abstand halten.
Die neuen Linien auf dem Wochenmakt zeigen den Kunden, wo sie stehen dürfen und wo sie Abstand halten. | Bild: Wagner, Claudia

Und wer gerade erst aus dem Weltall angereist ist, wundert sich: Was machen die Leute nur mit so viel Linientreue auf dem Wochenmarkt? Welches mathematische Rätsel steckt hinter dem Muster, das die distanzbedachte Warteschlange am beliebten Bäckerstand bildet?

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Die neue Disziplin...

...ist noch nicht allen zur Gewohnheit geworden. Im Supermarkt rutscht der Kunde achtlos über die Linie und kassiert einen freundlichen Rüffel der Kassiererin. Vor dem Seerheincenter stehen fünf junge Kerle in erhitzter Debatte zusammen, bis ein älterer Mann hinzutritt und sie zornig zur Rede stellt. Wer kein Türkisch versteht, kommt in dieser Szene nicht mit, doch so viel ist klar. Es geht um „Abstand!!!“ – ein Wort, das offenbar im Deutschen die eindringlichere Wirkung hat... Wie gut, dass wenigstens die Drahtesel auf Anhieb in der Lage sind, soziale Distanz zu wahren: na also, klappt doch...

Klappt doch: Die Fahrräder haben es mit der nötigen sozialen Distanz schneller verstanden als ihre Fahrer.
Klappt doch: Die Fahrräder haben es mit der nötigen sozialen Distanz schneller verstanden als ihre Fahrer. | Bild: Wagner, Claudia

...und dann wäre da noch die Sozialkontrolle

Ohnehin wirkt diese Krise Horizont erweiternd. Plötzlich lernen wir unsere Nachbarn kennen, wie wir es uns nicht erträumt hätten. Wir wissen jetzt: um 15:30 ist das Home Office beim frühaufstehenden Nachbarn ein Stockwerk drunter beendet, ab jetzt wird bei Heavy Metal turbo geputzt. Nebenan – oder kommt das von oben? – wird die Gelegenheit genutzt, fällige Kleinreparaturen mit Hammer und Bohrer auszuführen. Und noch eine Stunde später lässt sich‘s von Balkon zu Balkon sinnvoll darüber diskutieren, ob laute 80er Jahre Musik wirklich eine angemessene Antwort auf die zu verkraftenden Härten der Corona-Krise sein kann...