Als das Morgengrauen dem jungen Karsamstag Platz macht, ist alles schon passiert. Ein meterhoher Zaun umgibt an diesem Morgen das Atrium, die Unterkunft für Geflüchtete in der Luisenstraße. Die ersten Einkäufer kommen auf den Markt, manche wundern sich, manchen fällt es gar nicht richtig auf.

Polizei und Security passen auf, dass niemand das Haus verlässt

Das Atrium ist verbarrikadiert, Polizeibeamte und Security-Mitarbeiter bewachen den Zaun. Keiner darf mehr hier rein, und keiner der 97 Bewohner darf bis auf weiteres raus. Genau einer von ihnen war kurz zuvor positiv auf Covid-19 getestet worden.

Drinnen verlieren sie ihre Freiheit, damit die draußen mehr Sicherheit haben sollen: Darum geht es bei der Quarantäne für die Atrium-Bewohner in Kurzform.
Drinnen verlieren sie ihre Freiheit, damit die draußen mehr Sicherheit haben sollen: Darum geht es bei der Quarantäne für die Atrium-Bewohner in Kurzform. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Binnen einer halben Stunde ist der Ring geschlossen

Um sechs Uhr waren die Technischen Betriebe mit zwei Lastwagen voller Bauzaun-Teilen, einem Lader und etlichen Mitarbeitern angerückt. Ruhig und konzentriert hatten sie den Zaun um das Gebäude errichtet, die meisten Bewohner hatten zunächst wohl gar nichts mitbekommen.

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Ein paar Lichter gehen an, ein Bewohner sagt halb scherzhaft von seinem Fenster aus: „Das ist für uns hier doch viel zu niedrig“. Man darf annehmen, dass sie meisten, die im Atrium wohnen, schon größere Hürden überwunden haben.

Nur hinter einem Fenster ist Licht: Die meisten Atrium-Bewohner bekommen die Bauarbeiten am frühen Karsamstag gar nicht mit.
Nur hinter einem Fenster ist Licht: Die meisten Atrium-Bewohner bekommen die Bauarbeiten am frühen Karsamstag gar nicht mit. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Einkaufen gehen ist ab sofort verboten – die Stadt bringt Lunchpakete

Nicht zum Spielen, nicht zum Einkaufen, nicht einmal für einen kleinen Spaziergang dürfen die Atrium-Bewohner das Gebäude verlassen. Das sind die Regeln der von Stadt verhängten Quarantäne, wie ein Sprecher erklärt. Zum Essen bekommen sie zunächst täglich ein Lunch-Paket geliefert.

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Und sie erhalten ein Merkblatt, das ihnen Hilfsangebote nennt. Das ist die Antwort der Stadtverwaltung auf die Frage, wie diejenigen Menschen betreut werden, für die nach ihren Erlebnissen das Gefühl von Gefangenschaft wohl nur schwer erträglich sein dürfte. Das Integrationsmanagement des Landkreises solle ebenfalls helfen.

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Die Bewohner verlieren ihre Freiheit, damit alle anderen mehr Sicherheit haben

Zu Zwischenfällen kommt es zunächst nicht. „Wir gehen davon aus, dass die Menschen kooperieren. Die Maßnahmen dienen ja auch zu ihrem eigenen Schutz“, so die Stadtverwaltung.

Man hatte wohl damit gerechnet: Die Abriegelung des Atriums erschien gut vorbereitet.
Man hatte wohl damit gerechnet: Die Abriegelung des Atriums erschien gut vorbereitet. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Das „auch“ zeigt: Zweites Ziel der ebenso entschlossenen wie einschneidenden Maßnahme ist es, dass möglicherweise Infizierte das Corona-Virus an andere weitergeben. Was für die Bewohner den maximalen Eingriff in ihre Freiheit darstellt, bedeutet für die Öffentlichkeit womöglich ein Stück mehr Sicherheit.

Übt deutliche Kritik an den Maßnahmen der Stadtverwaltung: der von Links und Grün unterstützte Oberbürgermeister-Kandidat Luigi Pantisano.
Übt deutliche Kritik an den Maßnahmen der Stadtverwaltung: der von Links und Grün unterstützte Oberbürgermeister-Kandidat Luigi Pantisano. | Bild: Christoph Musiol

OB-Kandidat Pantisano fragt: Alles abriegeln – wer kommt nur auf so eine Idee?

Der von der Linken und den Grünen unterstützte Oberbürgermeister-Kandidat Luigi Pantisano übt unterdessen schon wenige Stunden, nachdem der SÜDKURIER zuerst über die Maßnahme berichtet hatte, Kritik am Vorgehen der Stadtverwaltung: „Besser wäre es, die Menschen dort rauszuholen und besser zu verteilen in der Stadt!“, schreibt er auf Facebook. Als sicheren Ort bringt er „eines der leerstehenden Hotels“ ins Gespräch.

Arbeit im Morgengrauen: Als der Aufbau des Zauns in der Luisenstraße in Konstanz-Petershausen beginnt, ist es noch stockdunkel.
Arbeit im Morgengrauen: Als der Aufbau des Zauns in der Luisenstraße in Konstanz-Petershausen beginnt, ist es noch stockdunkel. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Die Aktion morgens um sechs wirkte gut vorbereitet

Bei einem der Bewohner war laut Stadt am Nachmittag des Karfreitags aufgrund eines Test Corona nachgewiesen worden. Dann ging alles ziemlich schnell, die ganze Aktion im Morgengrauen wirkte gut vorbereitet. Die Stadt Konstanz, die das Atrium betreibt, musste Abstriche für alle Bewohner organisieren. Es waren Dolmetscher suchen für die Bewohner.

Auch 19 Kinder leben im Atrium, aber keine Personen über 60

Die Menschen aus dem Atrium kommen laut Stadtverwaltung aus mindestens zehn verschiedenen Ländern, die meisten aus Afghanistan und Syrien. Unter den 97 Personen sind laut Stadtverwaltung 19 Kinder, aber keine Bewohner über 60 Jahren.

Video: Jörg-Peter Rau

Am Samstag wurden sie alle getestet, die Ergebnisse werden für Ostersonntag oder –montag erwartet. Auf dieser Grundlage wollen die Behörden dann entscheiden, wie lange die verhängte Quarantäne anhält und wie es möglich ist, die bestätigt Infizieren und die negativ Getesteten sicher voneinander zu trennen – in einer Stadt mit einem so angespannten Wohnungsmarkt wie Konstanz schon ein schwieriges Unterfangen.

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Ein Betretungsverbot für Außenstehen

de hatte die Stadt bereits verhängt

So beginnen für die Bewohner des Atriums besonders angespannte Ostertage. Wie es der infizierten Person geht, stand zunächst noch nicht fest. Besuch hätte sie freilich sowieso nicht bekommen dürfen – kurz vor Bekanntwerden des Corona-Falls hatte die Stadt Konstanz noch eine Allgemeinverfügung erlassen, nach der das Betreten aller Gemeinschaftsunterkünfte für Dritte grundsätzlich und überall verboten ist. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Corona auch dort ankommen würde.

Wer aus dieser Tür tritt, kommt erst einmal nicht mehr weit: Eingang zum Atrium.
Wer aus dieser Tür tritt, kommt erst einmal nicht mehr weit: Eingang zum Atrium. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Kein guter Ort zu Corona-Zeiten: Viele Menschen, wenig Platz und kaum Privatsphäre

Dass die Gemeinschaftsunterkünfte, wo vergleichsweise viele Menschen auf sehr engem Raum zusammenwohnen, wo sie gemeinsam spartanische Küchen benutzen und wo ein Rückzug in eigene Räume kaum oder gar nicht möglich ist, besonders gefährdet für Corona-Ausbrüche sind, überrascht nicht.

Ärzte warnen vor besonders hoher Dunkelziffer

Ärzte gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele der Bewohner medizinische Hilfe eher zögerlich in Anspruch nehmen. So bleibt mit Blick auf die weitere Ausbreitung der Krankheit im Konstanzer Atrium an diesem Osterwochenende wohl vor allem: das Prinzip Hoffnung.