Mit 31 Jahren auf seinem Gebiet schon ein alter Hase zu sein, das muss man erst mal hinbekommen. Der in Überlingen wohnende Marvin Suckut ist so einer: Über 300 Poetry-Slams hat er schon gewonnen, seit Jahren moderiert und veranstaltet er selbst welche in Baden-Württemberg und dem angrenzenden Ausland.

Diese finden monatlich im Konstanzer Kulturladen (KuLa), Freiburg und Hard (bei Bregenz) statt und sind feste Institutionen im dortigen Kulturkalender. Ein junger Mann, der vom Schreiben und Auftreten leben kann, deshalb nennt er als Beruf – völlig zu Recht – Autor.

Von September bis April geht normalerweise seine Hauptsaison, fünf bis zehn Veranstaltungen monatlich, bei denen er von der Werbung bis zur Unterbringung der Poeten alles organisiert, dazu fünf bis zehn Auftritte als Teilnehmer. Oder er lässt sich von Firmen buchen. Da kommt dann der Auftrag: „Schreiben Sie was Witziges über Solarenergie!“ Was er dann macht. Oder über eine Bohrmaschine. Kein Problem. „Je strenger die Vorgaben, desto besser für mich.“

Suckut hat früh gemerkt: Sich hinsetzen und drauflosschreiben, das ist nicht seins. Er braucht einen Anfangsimpuls, perfekt für solche Auftragsarbeiten. Und wenn die Firma groß genug ist, „das recherchiere ich vorher“, dann kann er auch schon mal bis zu 2000 Euro für einen Abend verlangen.

Beim ersten Versuch „gab‘s was aufs Maul“

Angefangen hat das Ganze 2009, ein Jahr vor seinem Abitur. In Stuttgart lebend nimmt der junge Marvin an einem Schreibwettbewerb eines Vereins teil und landet unter den zehn Gewinnern, die, was er vorher nicht wusste, damit bei den Baden-Württembergischen Poetry-Slam-Meisterschaften auftreten durften, vor 800 Leuten im Theaterhaus auf dem Killesberg. Marvin gewinnt.

Dann macht er aber erst einmal Abitur, lässt das Schreiben ruhen. Bis er vom damaligen Moderator der Veranstaltung angeschrieben wird, ob er nicht mal wieder an einem Slam mitmachen wolle. Er will. Und ab da läuft es. Gut, beim ersten Versuch „gab‘s was aufs Maul“. Schlechteste Bewertung von allen, aber davon hat er sich nicht abschrecken lassen.

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Für das Studium, Deutsch und Philosophie auf Lehramt, kommt er nach Konstanz, da verdient er schon bis zu tausend Euro nebenher mit Auftritten. Bis ihn ein Freund, ein Steuerberater, darauf aufmerksam macht, dass er das jetzt doch mal anmelden und Umsatzsteuer zahlen müsse. Was er dann tut. Ab da ist er selbstständig und bleibt es.

Im Praxissemester hat er schnell gemerkt, dass Schule nichts für ihn sei. Er macht noch den Bachelor, aber dann war es das auch mit Bildungseinrichtungen. In die kehrt er inzwischen nur als Dozent zurück, gibt Workshops für kreatives Schreiben, so auch vor einigen Jahren am Suso-Gymnasium. Dort gab er einen dreitägigen Kurs, nach dem die Schüler mit ihren Texten auftraten. „Tolle Sache.“

Improvisationskunst bei Powerpoint-Präsentation

Mit Solo-Abenden hat er es auch schon probiert. Zwei bis drei Stunden nur seine Texte. „Aber da bin ich schnell von mir gelangweilt, wenn ich die ganze Zeit mir selbst zuhören muss.“ Viel lieber höre er anderen zu. Und moderiert, da könne man improvisieren, selbst kleine Texte vortragen, das mache doch viel mehr Spaß. Oder einen Power-Präsentation-Slam organisieren, das sei der Brüller.

Die laufen im K9, im Moment gebe es noch keine neuen Termine, aber da würde er im Internet wahllos Powerpoint-Präsentationen recherchieren. Themen von der Quantenphysik bis zu „Wie nehme ich einen Karpfen artgerecht aus?“ Die Teilnehmer kriegen die dann auf der Bühne vorgelegt, müssen loslegen und klicken sich durch die Folien, um am Ende noch zwei Minuten Rede und Antwort zu stehen. Zu einem Thema, von dem sie bis kurz vorher keine Ahnung hatten.

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Aber zurück zur Dichtkunst: Suckut liebt Gedichte, den perfekten Ausdruck, einen fließenden Rhythmus finden, mit Worten und Bedeutungen spielen. Seine Texte tragen diesen Witz. So baut er aus Langeweile aus einem Bausatz einen Helikopter zusammen, bei dem ein Teil fehlt: eine Mutter. Er bestellt im Internet eine „Helikoptermutter“ und bekommt eine geliefert. Die ihm das Essen kocht, ihn auf Partys begleitet und um zehn abends ins Bett bringt.

Im Moment, so Suckut, mache ihm der Job riesigen Spaß, auch wenn er seinen Radius eingeschränkt hat. „Für zehn Minuten Auftritt fahre ich nicht mehr nach Hamburg.“ Die „wilden Zeiten“ seien vorbei. Er ist mittlerweile verheiratet und froh, wenn er nach einer Veranstaltung abends wieder in seinem eigenen Bett schlafen kann. Sicher, irgendwann werde er dem Poetry-Slam-Alter entwachsen und sich nach anderen Arbeitsformen umschauen müssen. Aber daran wolle er im Moment noch nicht denken. Eher an die nächste Veranstaltung. Ein alter Hase wie er kann sich das eben erlauben. Und das mit 31.