Es ist Montag, 17 Uhr. Eigentlich viel zu früh für die Kneipe. Es ist noch hell. Das Wetter irgendwie stürmisch und regnerisch. Ein grauer Schleier liegt über der Konstanzer Altstadt, der eigentlich so gar nicht dazu einlädt, sich jetzt frohen Mutes für einen Abend in der Kneipe frisch zu machen. Doch wenn Ben Stetter im vergangenen Corona-Jahr eines gelernt hat, dann, dass Normen ab und an auch mal gebrochen werden müssen.

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Denn normalerweise wäre Stetter jetzt wahrscheinlich gerade mit seiner Arbeit am Uni-Studium fertig geworden, hätte sein Statistik-Buch beiseite gepackt und einfach mal die Füße hochgelegt. Zu mehr waren die letzten Monate nicht zu gebrauchen: Aufstehen, für die Hochschule lernen und wieder ins Bett gehen. Dazwischen etwas essen und die Zeit vertreiben. Manchmal auch alles gleichzeitig. Es war ernüchternd.

Kein Studentenleben mehr möglich

Knapp anderthalb Jahre wohnt der 21-Jährige mittlerweile in Konstanz. Damals war er aus seiner Heimatstadt Freiberg am Neckar an den Bodensee gezogen, startete hier sein Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaft. Unmittelbar nach dem ersten Semester kam die Pandemie. Alles, was bis dahin normal war – die vollen Hörsäle, die geselligen Partys, das gemeinsame Pauken – gab es nicht mehr.

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Stattdessen ging es von jetzt auf gleich aus der Uni-Bibliothek ins Homeoffice. Sein Büro, das gleichzeitig auch sein Wohn- und Schlafzimmer ist, ist eigentlich ein Zimmer, das so gar nicht auf Homeoffice ausgelegt ist. Er wohnt in einer WG, nahe der Dreifaltigkeitskirche, die er sich mit fünf anderen Studierenden teilt.

Es ist eine gesellige Runde. Während des Lockdowns haben sie oft gemeinsam Scharade, Poker oder Darts gespielt. Manchmal haben sie sich aber auch einfach eine Schallplatte der Dire Straits aufgelegt und die gemeinsame Zeit genossen. Doch so idyllisch das auch klingt, man merkt Ben Stetter an, dass er an die Uni zurück will – lieber heute als morgen.

Ben Stetter stößt mit einem Freund darauf an, dass man sich endlich wieder treffen darf.
Ben Stetter stößt mit einem Freund darauf an, dass man sich endlich wieder treffen darf. | Bild: Jannik Höntsch

„Das, was wir gerade machen, hat mit einem normalen Studium nichts mehr zu tun“, erklärt er. „Was mich am meisten eingeschränkt hat, ist ganz klar das Leute-Kennenlernen. Das fehlt mir.“ Doch heute will er darüber nicht sprechen. Nicht über Klausuren oder Hausarbeiten. Nicht über Verordnungen und Inzidenzwerte. Nicht über die Corona-Politik.

Vorfreude auf ein bisschen Normalität

Heute will er einfach wieder ausgehen, so wie früher. Seine Freunde treffen, Geschichten erzählen, Erinnerungen schaffen. Sein Strahlen ist unverkennbar, als er an der Kneipe nahe der Seestraße ankommt. „Mann, ist das schön, wieder hier zu sein“, kommentiert er lächelnd. Dennoch ist er etwas irritiert: „Es ist schon ein komisches Gefühl, jetzt die Leute so zu sehen, wie sie in einem geschlossenen Raum zusammensitzen.“

Ein mulmiges Gefühl hat er dabei nicht – schließlich wurden alle Gäste negativ getestet oder sind, wie auch Stetter, bereits geimpft oder genesen. Surreal wirkt es trotzdem: Sich vor der Kneipe vorfreudig zu empfangen, durch die schwarze Fenstertür zu treten und von dem vielen Zigarettenrauch und den feiernden Gästen begrüßt zu werden, die altbekannten Lieder im Hintergrund zu hören, die man schon so oft bis tief in die Nacht mitgegrölt hat – wie schön kann es sein, Momente zu erleben, auf die man sich so lange gefreut hat?

Kurz bevor es in die Kneipe geht, trägt sich Ben Stetter noch schnell in die Liste ein. Testen lassen muss er sich als bereits vollständig Geimpfter nicht.
Kurz bevor es in die Kneipe geht, trägt sich Ben Stetter noch schnell in die Liste ein. Testen lassen muss er sich als bereits vollständig Geimpfter nicht. | Bild: Jannik Höntsch

Stetter und seine Freunde sitzen an einem Fensterplatz. Auf Barhockern, an zusammengerückten Stehtischen. Ein unwirkliches Gefühl, das erst unterbrochen wird, als ein Kellner nach der Bestellung fragt. Schlagartig entsteht ein Moment, der sich wohl nie ändern wird: Alle blicken verlegen auf die Karte und bestellen dann doch das gleiche wie ihr Vorgänger – „Für mich auch ein Weizen, bitte“, sagt Stetter.

Schnell beginnen die altbekannten Gespräche über Fußball und die unerwartet starke Saison seines Herzensvereins, dem VfB Stuttgart. Immer mal wieder fliegen Sätze, wie „hoffentlich wechselt unser Torwart nicht nach Dortmund“ oder „solange der Sportdirektor bleibt, mache ich mir keine Sorgen.“ Auch der erste Stadionbesuch nach dem Lockdown wird geplant – eine Zugfahrt nach Stuttgart, das wäre es doch.

„Da ist einfach überall gute Laune“

Mal eine Zigarette hier, mal ein Bier da. Die Stimmung am Tisch ist gut. Es wird viel gelacht, man merkt, wie die Anspannung der letzten Monate verfliegt. Geschichten aus dem ersten Semester werden ausgepackt. Von Zeiten, in denen man nach langen Vorlesungstagen noch spontan in irgendwelchen WGs auf ein Bier versackt ist.

Normalerweise war Ben Stetter kein Kneipengänger. Im Supermarkt eindecken und sich dann gemeinsam mit Freunden und einer Musikbox draußen hinzusetzen – das hat ihm gereicht. Doch heute genießt er es. „Es geht um das Zusammenkommen. Es tut einfach gut, wieder unter Leute zu kommen. Da ist einfach überall gute Laune“, fasst er glücklich zusammen.

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Es sind diese Stunden des Beisammen-Seins, in denen man alles um sich herum vergisst. Stunden, in denen man seine Getränke genießt, ab und an ein paar Cracker nascht und den Gesprächen seiner Freunde lauscht. Draußen dämmert es mittlerweile, es hat aufgehört zu regnen.

Gleich ist es 21 Uhr, die Kneipen schließen. Zeit für die letzte Runde und den Heimweg. Der führt sie an den Seerhein, über die Fahrradbrücke in die Altstadt. Ein kurzer Blick nach links, ein kurzer Blick nach rechts. Ein Moment zum Genießen, zum Innehalten. Endlich sind sie wieder möglich. Diese Abende, die man früher normal nannte.