20 bis 60 Sekunden. So lange dauert der Überlebenskampf. Kann man sich nicht mehr über Wasser halten, laufen fünf Stadien mit tödlicher Konsequenz nacheinander ab. Schwimmer wie Nichtschwimmer halten automatisch die Luft an. Untrainierten gelingt das für vielleicht eine Minute. Dann inhaliert man Wasser, verschluckt sich, hustet und inhaliert noch mehr. Die Brust brennt, wenn das Wasser die Luftröhre hinabläuft. In das Gehirn strömt kein sauerstoffhaltiges Blut mehr, spätestens nach zehn Sekunden verliert man das Bewusstsein. Die Muskeln beginnen unkontrolliert zu zucken und erschlafen dann. Das Herz hört auf, zu pumpen. Nach zehn Minuten ist es kaum mehr möglich, zu überleben.

Wie es sich anfühlt, zu sterben, kann uns niemand sagen. Aber es gibt Menschen, die erzählen können, wie es ist, fast zu sterben. Einer von ihnen ist ein 19-Jähriger, der im Juni diesen Jahres etwa 18 Minuten am Grund des Seerheins lag. Er überlebte – und übt gerade erfolgreich das Laufen und Sprechen. Das war nicht nur Glück. Sondern auch eine medizinische Sensation. Eine, die nur gelingen konnte, weil die vielen Einsatzkräfte und Ärzteteams in Konstanz und Freiburg schnell und richtig gehandelt haben.

Rückblick. Es ist Freitagnachmittag, der 24. Juni 2016. Mit zwei Freunden geht der 19-Jährige in der Nähe der Fahrradbrücke ins Wasser. Auf dem Rückweg zum Ufer sackt er plötzlich zusammen und sinkt auf den Grund. Die Freunde alarmieren sofort den Notruf. Nach wenigen Minuten rücken die Einsatzkräfte der DLRG, des DRK, Notarzt und Feuerwehr an. Bruno Zachenbacher ist gerade in der Nähe und einer der ersten Helfer vor Ort. Er ist Rettungsschwimmer bei der DLRG, Anästhesiepflegekraft am Klinikum und koordiniert den Einsatz. In acht Metern Tiefe, das Wasser hat dort nur noch 19 Grad, finden die Taucher den Jugendlichen – trotz Strömung und schlechter Sicht. Seit dem Zeitpunkt, an dem er sich nicht mehr über Wasser halten konnte und jetzt dürften etwa 18 bis 20 Minuten vergangen sein.

Die Rettung aus dem Wasser verlief damit extrem schnell, seine Chancen stehen dennoch schlecht. Nach fünf Minuten ohne Sauerstoff sind die Schäden im Gehirn normalerweise ireparabel. Seine Pupillen sind starr, das Herz still. Das EKG zeigt eine Nulllinie. Klinisch ist der 19-Jährige tot. Trotzdem entscheiden sich der Notarzt und die Rettungskräfte, ihn zu reanimieren. Denn niemand ist tot, solange er nicht warm und tot ist. Das klingt makaber, ist aber ein Grundsatz in der Medizin, der vor allem bei unterkühlten Ertrinkungsopfern gilt: Durch die verminderte Temperatur verlangsamt sich auch das Absterben der Hirnzellen – sie treten eine Art Winterschlaf ein. Dieser Effekt, tiefe Hypothermie genannt, wird bei bestimmten Operationen, etwa zum Schutz des Gehirns bei Eingriffen an der Hauptschlagader, auch künstlich hervorgerufen. Das Gehirn wird dabei auf bis zu 20 Grad abgekühlt. Die Menschen sind kalt, wirken leblos – sind aber reanimierbar.

Als Notarzt Stephan Ranft auf seinen Brustkorb drückt, kommen ihm Wasser und Schaum entgegen. Nach 20 Minuten steht der Kreislauf noch immer still. Ranft, Zachenbacher, die Rettungsassistenten Patrick Zupp, Erik Matt und Martin Osowski machen weiter – endlich mit Erfolg. Nach einer halben Stunde pumpt das Herz des 19-Jährigen wieder – allerdings sehr schwach. Noch während der Fahrt in das Klinikum Konstanz bereitet sich ein interdisziplinäres Team, bestehend aus den Doktoren Stephan Walterspacher und Frederike Kunzendorf (Innere Medizin), Herbert Ruchti (Anästhesie) und Michael Högner (Unfallchirurgie), im Schockraum der Notaufnahme auf den Patienten vor – ein regulärer Ablauf, sobald in der Leitstelle eine Meldung über ein Ertrinkungsopfer eingeht. Der Unfallchirurg kann keine Verletzungen feststellen, die Lunge macht den Ärzten aber weiter Sorgen. Entscheidend ist jetzt, was der Computertomograf anzeigt. Kein hypoxischer Hirnschaden. Wäre das der Fall gewesen, in Kombination mit dem schweren Lungenversagen, wäre der 19-Jährige nur noch als Organspender in Frage gekommen. Er schwebt dennoch weiter zwischen Leben und Tod. Dass er je wieder der sein wird, der er noch gestern war, scheint unmöglich. Die Ärzte machen weiter. Weil der 19-Jährige kaum mehr konventionell zu beatmen ist, rufen die Ärzte Spezialisten aus der Uni-Klinik Freiburg. In letzter Minute, erklärt der Freiburger Oberarzt Johannes Kalbhenn, implantieren er und sein Fachkollege Peter Stachon dem 19-Jährigen eine künstliche Lunge. Die sogenannte ECMO-Therapie wird als letzte Möglichkeit in solchen Fällen angesehen. Denn die spontane Hirnblutung ist eine der gefährlichsten und nicht seltenen Komplikationen des Verfahrens.

Mit einem speziellen Lungenmobil wird der 19-Jährige in das Freiburger Klinikum transportiert, liegt knapp zwei Wochen im Koma. Als er wieder aufwacht, ist er schnell ansprechbar. In der Reha übt er erfolgreich laufen, auch das Sprechen funktioniert. "Ich denke, dieser Patient hat davon profitiert, dass er durch die Kollegen in Konstanz zunächst sehr gut therapiert worden war. Die Teams von Prof. Krüger und Prof. Kabitz mit Oberarzt Walterspacher haben ja alles konventionell mögliche für diesen Patienten getan. Alle beteiligten Kollegen haben genau das richtige gemacht", resümiert Johannes Kalbhenn. "Man darf die Hoffnung eben nie aufgeben", ergänzt Chefarzt Wolfgang Krüger vom Konstanzer Klinikum.

Wenn die Lunge versagt

Mit modernster Technologie können Ärzte die Funktion ausgefallener Organe ersetzen, bis sie wieder von selbst arbeiten können.

  • Künstliche Lunge: Dabei wird Blut aus einer großen Vene durch ein spezielles Gerät gepumpt, welches das Blut mit Sauerstoff anreichert und von Kohlendioxid befreit. Im Fachjargon heißt das "Extrakorporale Membranoxygenierung", kurz: ECMO. Das Verfahren hat zahlreiche schwere Nebenwirkungen und mehr als die Hälfte der Patienten stirbt daran, erklärt Oberarzt Johannes Kalbhenn von der Uni-Klinik Freiburg. "In den letzten Jahren erlebte ECMO in Deutschland einen gefährlichen Hype, viele regionale Kliniken schaffen sich diese Geräte an, haben aber keine Erfahrung in der Therapie dieser Patienten und im Umgang mit den Komplikationen", so Kalbhenn.
  • Zentren: Das Klinikum Konstanz holte deshalb die Spezialisten von der Uni-Klinik Freiburg, eines der größten spezialisierten ECMO-Zentren Deutschlands. "Wir halten rund um die Uhr an jedem Tag ein Team aus einem Anästhesisten, einem Kardiologen und einem Kardiotechniker vor. Wir überprüfen dann die Indikation und kommen in eiligen Fällen, wie bei dem Patienten aus Konstanz, mit dem Hubschrauber", erklärt Kalbhenn. Zurück geht es mit einem speziell ausgestatten Krankenwagen. Mehrere hundert Patienten haben Kalbhenn und sein Team schon behandelt. (sap)